"Ich glaube, es hackt"

"Wir sind Helden", aber nicht für die "Bild"-Zeitung

Astrid Ebenführer, 25. Februar 2011, 13:18
  • Artikelbild
    foto: (foto:frank hormann/ap/dapd)

    "Wie sind Helden" und die "Bildzeitung ein ge­fähr­li­ches po­li­ti­sches In­stru­ment"

Jung von Matt wollte Judith Holofernes als "Bild"-Testimonial - Ihre Reaktion darauf polarisiert: "Respekt" oder "Billige Eigen-PR"? - Bilden Sie sich doch Ihre eigene Meinung!

Persönlichkeiten wie Udo Lindenberg, Veronica Ferres, der Verleger Hubert Burda, der Rapper Sido oder Nationalspieler Philipp Lahm haben es bereits getan und der deutschen "Bild"-Zeitung ihre Meinung gesagt. Dasselbe wollte die zuständige Agentur Jung von Matt/Alster jetzt auch von der Band "Wir sind Helden". Die Werber fragten bei Sängerin Judith Holofernes an, ob auch sie bei der aktuellen Kampagne für die "Bild Zeitung" als Testimonial mitmachen will. "Wir sind als Wer­be­agen­tur mit der ak­tu­el­len Bild-​Kam­pa­gne be­traut, in der wir hoch­ka­rä­ti­gen Pro­mi­nen­ten eine Bühne bie­ten, ihre of­fe­ne, ehr­li­che und un­ge­schön­te Mei­nung zur Bild mit­zu­tei­len", heißt es in der Anfrage, die die Band auf ihrer Website veröffentlicht hat.

"Gefährliches politisches Instrument"

Ihre Meinung sagt Holofernes dann auch, freilich nicht im Rahmen der Kampagne, sondern in einem Antwortbrief an die Agentur. Holofernes ebendort: 

"Ich glaub, es hackt. Die lau­fen­de Pla­kat -​Akti­on der Bild -​Zei­tung mit so­ge­nann­ten Testi­mo­ni­als, also ir­gend­wel­chem kom­men­tie­ren­dem Ge­seie­re (Auch kri­ti­schem! Hört, hört!) von so­ge­nann­ten Pro­mi­nen­ten (auch Kri­ti­schen! Oho!) ist das Per­fi­des­te, was mir seit lan­ger Zeit un­ter­ge­kom­men ist." Und weiter: "Die Bild­zei­tung ist ein ge­fähr­li­ches po­li­ti­sches In­stru­ment - nicht nur ein stark ver­grö­ßern­des Fern­rohr in den Ab­grund, son­dern ein bös­ar­ti­ges Wesen, das Deutsch­land nicht be­schreibt, son­dern macht. Mit einer Agen­da."

"Respekt"

Ob dieser Antwort gehen die Wogen derzeit hoch, am Freitag Vormittag war die Website von "Wir sind Helden" zeitweise wegen Überlastung nicht erreichbar. Auf Facebook verweist die Band deshalb auf den "Bidlblog" und empfiehlt - sozusagen als "passende musikalische Untermalung zu diesen Gedankengängen" - das Video "Dumm die, die dumm". Auf Facebook und auf der eigenen Website erntet "Wir sind Helden" natürlich vor allem Lob für ihre Haltung und Sympathiebekundungen ihrer Fans. "Besser kann man es nicht sagen und danke dafür, dass ihr euch nicht in die Reihe derer stellt, die da grenzdebil für ein vollkommen herunter gekommenes Blatt posieren." oder "Respekt! Und Danke für die klare Ansage!Bild war immer schon bösartig. Besser hat es noch niemand beschrieben!", ist dort zu lesen.

"Billige Eigen-PR"

"Die billige Eigen-PR der Band bedient gekonnt die Anti-Bild-Reflexe der Web-Gemeinde", urteilt hingegen Medienjournalist Stefan Winterbauer auf meedia.de. Es wirke doch "PR-mäßig und auch stillos, die Agentur-Anfrage gleich auf der eigenen Website öffentlich zu machen und sich mit einer reflexartigen Bild-Schelte in etwas weniger als 1.000 wirren Worten den Applaus der Netzgemeinde abzuholen." Auch auf Twitter wird die Reaktion von Holofernes nicht nur positiv gesehen, "wenngleich ich Sympathien für Wird sind Helden hege, kann man eine Anfrage einer Agentur auch NICHTöffentlich behandeln", twittert zum Beispiel "Sendekomplex".

"Weltverbesserische Neofeministin mit Sendungsbewusstsein"

jetzt.sueddeutsche.de dreht die Sache im Namen von Jung von Matt weiter. (Danke an dieser Stelle an Thomas Knüwer. Schon erstaunlich, was Medienjournalisten Agenturen so alles abnehmen;-). Diese Antwort auf die Antwort beginnt jedenfalls so: "Sehr geehrte Frau Irmgard Meier, oder sollen wir sagen: Judith Holofernes? Wir bedanken uns sehr herzlich für ihren – sagen wir es mal so deutlich – sehr sehr sehr ausführlichen Beitrag für unsere kommende BILD-Kampagne." Und weiter: "Natürlich würden wir die Aussage: 'Ich glaube es hackt' groß bei Ihnen einbauen, Frau Meier. Ein bisschen Sex darf bei der BILD-Zeitung nicht fehlen. Auch wenn unsere Leser den Sex-Appeal einer weltverbesserischen Neofeministin mit Sendungsbewusstsein wohl nicht ganz erfassen werden. Denn für BILD- Leser haben Frauen nur eine Seite: Seite 1". Jung von Matt zu kress.de: "Die Antwort auf die Antwort von Judith Holofernes ist nicht von JvM."

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 115
1 2 3
Wolfgang Mizelli
00
22.3.2011, 15:21
ja da war

doch auch noch Frau Schwarzer, die bei Bild eine Kolumne hat. Das ist grauslich! Nicht der öffentliche Brief. Da war noch die Taz, die für Bild wirbt. Das ist grauslich. Da war noch was mit der Finanzierung des Standards, aber das schluckt die Zensur. und am grauslichsten: Die Absage wurde prompt in die Kampagne eingebaut. Das ist jämmerlich und peinlich.

stue1
30
eigen - pr pur

einem höflichen agenturansuchen mit einer web - publikation zu kontern finde ich unpassend, vor allem in der zitierten "tonart".
außerdem sollte frau meier vielleicht nicht vergessen, dass auch "normale" (...) bildleser/innen zu (potenziellen) abnehmern der musik dieser ach so kritischen band zählen...

übrigens - eine kampagne von JvM, die mitunter gut ankommt, ist der neue virale spot für den online - shop zalando:
http://www.marketingprojekt.at/marketing... postpoten/

Proudhon
01

"Bild"-Leser, die sich als solche soweit ernst nehmen, dass sie sich sogar ein Stück weit darüber definieren, gehören 100% nicht zur Zielgruppe von "wir sind Helden" und haben zu einem ähnlich hohen Prozentsatz auch kein Interesse an dieser Band. Allen anderen is das wurscht und die sind auch nicht so empfindlich.

im Übrigen lautete das Ersuchen "ihre of­fe­ne, ehr­li­che und un­ge­schön­te Mei­nung zur Bild mit­zu­tei­len", und das haben sie ja wohl getan. Dass sie dazu nicht die Agentur benutzt haben, sondern die eigene Webseite soll also dann Ausdruck eines Kalküls sein? Unterm Strich hat die Bild und ihre Werbeagentur genau das bekommen wonach sie verlangt haben, dass sie es schlecht verdauen können, ist ja dann wohl deren Problem.

stue1
00

ich sehe keinerlei zusammenhang zwischen trivial - verfasster boulevard presse und deren zielpublikum sowie dem musikgeschmack der masse. oder würden sie "wir sind helden" als band bezeichnen, die eine spezielle (rand)gruppe anspricht?

im zweiten punkt gebe ich ihnen mitunter recht.

Proudhon
00

naja die Aussage selbst der Band spricht ja dafür, dass sie eingefleischte "Bild"leser, die jetzt an diesem Statement Anstoß nehmen würden, nicht zu ihrer Zielgruppe zählen. Außer man glaubt, die einzige Zielgruppe für Musiker ist die mehr oder minder große Gruppe jener, die Geld haben um es auszugeben.

Ich würd WSH schon als Gruppe betrachten, die mit ihrer Musik und den Texten ein bestimmtes Weltverständnis transportiert und das passt zumindest nicht in die simplifizierte Welt eines Boulevardmediums wie der Bild (die Krone ist Qualitätsjournalismus dagegen).

Wie gesagt, wer sich dann soweit identifiziert mit dieser Zeitung, dass er sich jetzt persönlich beleidigt fühlt, kann umgekehrt auch mit der Band nicht viel gemeinsam haben. imho

immer schön freundlich
50
27.2.2011, 19:39

wow, da nutzt einer die gelegenheit beim schopf, sich mal ganz ganz groß aufzublasen. eh herzig, dass aufregung wie man sie sonst nur bei oberstufenschülern kennt im alter anhalten kann.

richard8889
20
27.2.2011, 10:43
aus sicht der band ist das schon eine ganz kluge sache..

WSH lebt von identität und originalität. die bild-leser und bild-leserinnen ist auch ganz sicher nicht ihre zielgruppe. allerdings finde ich die politische rolle der BILD etwas überschätzt, das kann sicher nicht mit der KRONE vergleichen. war vielleicht mal so zu zeiten fritz teufels. WSH ist sicher eine nette band mit netten leuten, lebt halt sehr stark von der bobo-identität, die mir persönlich eher nichts sagt. musikalisch sind sie leider nur bestenfalls mittelmaß.

Schinkenfleckerl 3000
23
26.2.2011, 22:27
Billige Eigen-PR?

Nein, wohl eher Intelligenz, Rückgrad und "Eier".
Danke, Frau Holofernes!

PuBär
20

Doch: Billige EigenPR und Hirnlos zugleich

Böser
01
27.2.2011, 23:40
rückgrad

ist das ein rückgrat ohne knochen ?

Schinkenfleckerl 3000
10
28.2.2011, 09:20

Ja.

wolfetone
 
22
27.2.2011, 07:13

Sie trauen jemandem Intelligenz zu, der sich als Künstlernamen "Judith Holofernes" wählt, und dann nach Jahren immer noch nicht weiß wie man Holofernes korrekt betont?

Schinkenfleckerl 3000
11
27.2.2011, 13:04

Es ist IHR Künstlername, den darf sie betonen wie sie möchte.

Zudem geht es hier um den Brief an Jung von Matt. Und der beeinhaltet nicht nur ein treffende Kritik an der Bildzeitung, sondern ist auch schlau genug, dies nicht in der "selbstkritischen" Bild-Kampagne zu tun, samt Verweis auf McLuhan (ja, ich gebs zu: this is where she got me....).

Ihr aufgrund dieses begründeten und inhaltlich vollkommen richtigen Briefs "Eigen-PR" vorzuwerfen ist hochgradiger Blödsinn. Ein Mitwirken in der Kampagne hätte für PR Zwecke ja gereicht. Es gab eine Anfrage, es gabe eine Antwort. Schön das die dafür genutzt wurde die BILD öffentlichkeitswirksam zu kritisieren. Das kann nie oft genug geschehen.

blam
00
26.2.2011, 15:00
versteh die aufregung nicht ganz…

wenn eine band die man eindeutig im links-intellektuellen, konsumkritischen meinungssprektrum ansiedeln kann ein angebot für die BILD zu werben ausschlägt, find ich das nicht so aufregend wie hier einige tun… ich möcht nicht wissen wie viele absagen den paar promis gegenüberstehen, die sich überreden haben lassen. kein mensch der halbwegs bei trost ist möchte testimonial für die BILD werden.

s2011w
00
26.2.2011, 19:24

Stimmt, ein Skandal wäre es hätten sie zugesagt..

Mathias
 
00
26.2.2011, 12:33
Die Bild­zei­tung ist ein ge­fähr­li­ches po­li­ti­sches In­stru­ment - nicht nur ein stark ver­grö­ßern­des Fern­rohr in den Ab­grund, son­dern ein bös­ar­ti­ges Wesen, das Deutsch­land nicht be­schreibt, son­dern macht.

Auf den Punkt gebracht!

Aber schon die Ärzte haben es deutlich genug gesagt:

"Lass die Leute reden und lächle einfach mild
Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der Bild
Und die besteht nun mal, wer wüsste das nicht
Aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht"

Granny
40
27.2.2011, 03:01
Therapie

Frau Holofernes hält die BILD offensichtlich für den Nachfolger des Völkischen Beobachters.

Eine Therapie könnte vielleicht helfen.

Susanne_B
00
27.2.2011, 15:15

Sie koennen (a) offensichtlich nicht sinnerfassend lesen und haben (b) keine Ahnung von dem Uebel, das die Bildzeitung seit Jahrzehnten verbreitet.

AktionsAkademie
 
00
26.2.2011, 11:31
Ich naiver Zujubler ich

find die öffentliche Reaktion der Band super.
Bis sich die Server von "Wir sind Helden" wieder erholt haben geb ich gerne der ganzen Antwort Platz und mache noch dazu (gegen meine Prinzipien) Werbung auf:

http://tinyurl.com/echte-Helden

Mit ihrem Cover des Weird Al Y. Klassikers "bob"
; )

habt Spaß und nehmt nitte keine Rücksicht auf einge-Bild-ete Befindlichkeiten!

werwolfi
02
26.2.2011, 12:51
zentrales zitat daraus: "...ich hab wahrscheinlich mit der Hälfte von euch studiert, und ich weiß, dass ihr im ersten Semester lernt, dass das Medium die Botschaft ist. Oder, noch mal anders gesagt,

dass es kein “Gutes im Schlechten” gibt. Das heißt: ich weiß, dass ihr wisst, und ich weiß, dass ihr drauf scheißt.

Die BILD -?Zeitung ist kein augenzwinkernd zu betrachtendes Trash-?Kulturgut und kein harmloses “Guilty Pleasure” für wohlfrisierte Aufstreber, keine witzige soziale Referenz und kein Lifestyle-?Zitat. Und schon gar nicht ist die Bild -?Zeitung das, als was ihr sie verkaufen wollt: Hassgeliebtes, aber weitestgehend harmloses Inventar eines eigentlich viel schlaueren Deutschlands.

Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument — nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda."

*exzellent* gesagt :o)

ein blauer bär - das ist ja gimp!
01
26.2.2011, 12:37

wobei natürlich streng genommen es sich bei "bob" von weird al optisch um ein cover von bob dylans 'subterranean homesick blues' handelt ...

AktionsAkademie
 
00
26.2.2011, 12:46
; )

vom Fachmann für Kenner

(ohne jetzt auf unsinkbare Papierschiffe anspielen zu wollen)

Freddie_Freeloader
10
26.2.2011, 11:15
es hackt?

kommt das von hacken, also mit der axt etwas zerteilen oder auch eine krähe hackt der anderen kein auge aus?
oder meint die trullala es hakt?

es sei bemerkt
00
26.2.2011, 14:54

nein, sie verwendet einen begriff, der zumindest für deutsche oder in deutschland lebende durchaus vertraut und wohl verständlich ist. heißt übrigens nicht dasselbe, wie wenn etwas haken würde.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 115
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.