Exotische Untermieter im Darm

  • Amöben lauern im Wasser, Salat und auf dem Sandwich.
    foto: derstandard.at/leitner

    Amöben lauern im Wasser, Salat und auf dem Sandwich.

Warum sollen Fernreisende in der Dritten Welt keinen Salat essen? - Um eine Amöbenruhr zu vermeiden

Die Übeltäter lauern im Wasser, im Salat oder auf dem Sandwich. Sie sitzen sicher in ihren Kapseln und warten. Irgendwann, so das evolutionäre Kalkül, könnten sie in den Verdauungstrakt eines Menschen gelangen. Und damit finge ein neuer Zyklus an.

Die Einzeller der Art Entamoeba histolytica sind die Erreger der gefürchteten Amöbenruhr, auch Amöbiase genannt, einer manchmal lebensbedrohlich verlaufende Infektionskrankheit. Laut WHO fordert sie jährlich bis zu 100.000 Todesopfer. Der wissenschaftliche Name der Spezies ist Programm: "histolytic" - die Gewebeauflösende. Amöben dringen in die Darmwand ein und fressen dabei Löcher in die Schleimhaut. Je weiter sie vordringen, desto breiter werden die Löcher.

Am weitesten verbreitet ist E. histolytica in tropischen Ländern mit schlechten Hygienestandards. Dort stecken sich jedes Jahr vermutlich zigtausende Touristen an, genaue Zahlen kennt niemand. In Österreich ist die Krankheit nicht meldepflichtig und taucht somit nicht in den Statistiken auf. Den meisten Infizierten passiert auch nichts. Sie werden ein paar Tage von Durchfall geplagt und fühlen sich bald wieder besser. Keinen Arzt aufzusuchen kann aber ein Fehler sein.

Zwar hat die Krankheit vordergründig kaum Bedeutung. "Amöbiase ist etwas zunehmend Seltenes", sagt Heinrich Stemberger vom Wiener Tropeninstitut. Bei der Mehrzahl der schweren Fälle handelte es sich um Menschen, die an einem sogenannten Amöben-Leberabszess erkranken. Auch das sei selten, doch eine Entwarnung ist das gleichwohl nicht. Amöben-Leberabszesse sind eine besonders tückische Variante der Amöbiase. Nachdem sie in die Darmwand eingedrungen sind, können die Einzeller von der Pfortader "wie von einem Staubsauger" eingesaugt werden und so in die Leber gelangen, erklärt Stemberger. Dort angekommen, nisten sie sich erst einmal ein.

Folgen mit Verzögerung

"Der Abszess kann erst viel später auftreten, bis zu fünf Jahre nach der Infektion", betont der Experte. "Und das große Geheimnis ist: Wie können die Amöben so lange in der Leber überdauern?" Haben die Keime ihr Zerstörungswerk in diesem lebenswichtigen Organ erst einmal begonnen, kann sie der Körper selbst kaum noch aufhalten. Die Geschwüre wachsen um mehr als einen Zentimeter pro Tag. "Das geht wahnsinnig schnell", so Stemberger. Ohne intensivmedizinische Behandlung endet so etwas fast immer tödlich.

Stemberger warnt deshalb vor Leichtsinnigkeit: "Jeder Achte, der eine unbehandelte Amöbenruhr hat, wird einen Amöben-Leberabszess bekommen. Und der gehört zu den drei wichtigsten akut lebensbedrohenden Tropenkrankheiten, die bei uns auftreten, und die wir nicht übersehen dürfen." Ärzte sollten Fernreisende mit Bauchbeschwerden auch immer auf eine mögliche E.-histolytica-Infektion untersuchen. Auf dem europäischen Kontinent sind die Erreger in den letzten Jahrzehnten selten geworden. Vereinzelte Infektionen wurden aus Italien gemeldet. In Österreich findet eine Übertragung nicht statt, sagt Stemberger.

Die wichtigsten Symptome einer Amöbenruhr sind Fieber, Bauchkrämpfe und Durchfall. Der Stuhl ist oft blutig und schleimig, mit ihm werden die als Zysten eingekapselten Dauerstadien der Amöben ausgeschieden. Sie können bei schlechten Hygienebedingungen in das Trinkwasser gelangen oder von Fliegen auf Nahrungsmittel übertragen werden. Die Zysten sind zäh. Magensäure kann ihnen nichts anhaben, auch in zu schwach gechlortem Leitungswasser überleben sie. Ebenfalls wirkungslos bleiben Kaliumpermanganat-Lösungen, die man in tropischen Ländern manchmal für das Waschen von Obst und Gemüse verwendet. Die frei beweglichen Trophozoiten von E. histolytica dagegen sind außerhalb des menschlichen Körpers nicht lebensfähig.

Auch wenn die Darm-Amöbenruhr in der Regel harmlos verläuft, so kann sie doch bei manchen Menschen einen auszehrenden Verlauf nehmen. Besonders schwer trifft es chronische Alkoholiker, erzählt Stemberger. "Bei ihnen gehen die Darmgeschwüre tief." Bei den britischen Kolonialtruppen in Indien habe es viele kräftige Trinker gegeben, so der Mediziner, und entsprechend stark hätten die Soldaten und Offiziere des Empires unter der Ruhr gelitten. Darauf basiert ein Teil des gefährlichen Rufs dieser Krankheit, vermutet Stemberger.

Interessanterweise sind nicht alle Entamoeba-Spezies problematische Krankheitserreger. E. dispar zum Beispiel lebt bei vielen Menschen als harmloser Untermieter im Darm und ernährt sich dort von Bakterien und Speiseresten.

Ungeklärte Fragen

Warum sich E. histolytica zu einem aggressiven Parasiten entwickelt hat, konnte die Wissenschaft bisher noch nicht klären. Die Art scheint nur bei Homo sapiens vorzukommen, und nicht etwa bei anderen Säugern. Der Mensch ist also kein Fehlwirt.

Wer bei einer Fernreise in eine entlegene Region ohne medizinische Versorgung an blutigem Durchfall erkrankt, muss immer die Möglichkeit einer Amöbenruhr in Betracht ziehen. Metronidazol ist ein wirksames Gegenmittel, welches deshalb unbedingt in das Reisegepäck gehört. Zu Hause angekommen, sollte man sich nachträglich von seinem Hausarzt untersuchen lassen. Und zur Vorbeugung gilt: kein offenes Wasser oder solches aus der Leitung trinken und rohe Speisen schon beim geringsten Zweifel an der Küchenhygiene meiden. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD Printausgabe, 28.02.2011)

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