Die Cyber-Krieger marschieren auf

25. Februar 2011, 09:15
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Sicherheitsforscher: Stuxnet habe gezeigt, wozu die neuen Super-Hacker mancher Staaten in der Lage seien

Für Sandro Gaycken ist es offensichtlich: Der Wurm Stuxnet, der Industrieanlagen unter anderem im Iran angriff, war kein gezielter Angriff auf das Land, sondern ein weltweiter Waffentest. "Da wollte jemand mit sehr viel Wissen ausprobieren, wie seine Erfindung funktioniert", sagte der deutsche Sicherheitsforscher von der FU Berlin am Mittwochabend bei einer Podiumsdiskussion des Tech Gate Vienna zum Thema Cyberwar. Und der Autor von Cyberwar. Das Internet als Kriegsschauplatz zeichnet das Schreckensszenario noch düsterer: "Solche Testläufe werden wir in Zukunft öfter einmal erleben."

Super-Hacker im Auftrag eines Staates

Steckten Gayckens Ansicht nach lange überwiegend Cyberkriminelle hinter Webattacken aller Art, sind die neuen Angreifer im Netz von ganz anderem Kaliber: Super-Hacker im Auftrag eines Staates. Ausgebildet vor allem von den USA, Russland, Israel und China. Dass eine Bedrohung über das Netz sehr ernst zu nehmen sei, belegt dem Wissenschafter zufolge, dass bereits mehr als 140 Staaten Cyberwar-Gruppen ausbildeten.

Die Wahrscheinlichkeit, dass mithilfe eines Sabotagewurms wie Stuxnet Infrastruktureinrichtungen wie Stromnetze lahmgelegt werden könnten, hält Gaycken zwar für gering, aber nicht für null. Seiner Beobachtung nach werden damit künftig vor allem Hightechwaffensysteme unterwandert und sabotiert werden.

Dilemma

Das große Dilemma: Mit konventionellen Abwehrmaßnahmen sei Cyberwar-Methoden nicht beizukommen. Nationale Abwehrzentren, wie gerade in Deutschland eingerichtet (der Standard berichtete), hält Gaycken für Augenauswischerei.

Der Rechtsstaat sei gewohnt, auf Bedrohungen und Vergehen mit Strafandrohungen zu reagieren. "Es ist die Logik des Leviathans. Um zu bestrafen, muss man erst einmal den Missetäter identifizieren können, und eben das ist im Internet meist nicht möglich. Angreifer können sich geschickt tarnen."

Was also tun, in einer Welt, die sich zunehmend im Internet abbildet, in der Daten auf vernetzten Rechnern gespeichert werden, die anfällig für Observation und Sabotage sind? Gayckens Antwort: "Wer das nicht will, muss konsequent 'entnetzen'." Kritische Infrastrukturen müssten vom derzeit existierenden Internet abgekoppelt werden.

Österreich: "Gut gerüstet"

Reichlich immun gegen eine Cyberwar-Panik zeigte sich bei der Veranstaltung hingegen der österreichische Medienforscher und Künstler Konrad Becker. Er sieht in Stuxnet ein Fundraising-Projekt des US-Militärs für mehr Geld. Spionage und Sabotage habe es schon immer gegeben. Der Begriff Cyberwar sei überzogen und spiele vor allem jenen in die Hände, die ein Geschäft daraus machten: Die Security-Branche boome. Becker sorgt sich stattdessen vielmehr darum, wie die menschliche Kommunikation durch Informationstechnologie und Internet zunehmend manipuliert werde.

Gut gerüstet für alle Fälle zeigt sich das österreichische Heer. "Wir beschäftigen uns mit der Materie schon lange", sagte Oberst Michael Bauer auf Standard-Anfrage. Ex- und interne Kommunikation liefen über getrennte Netze. "Die von uns getroffenen Maßnahmen sind aber nicht dazu da, etwas zu zerstören, sondern dass unsere Systeme funktionieren." Und von Super-Hackern im Heer ist ihm auch nichts bekannt. (Karin Tzschentke/ DER STANDARD Printausgabe, 25. Februar 2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Arbeiter in einer iranischen Atomanlage

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