Die Morgen-Marschrutka

25. Februar 2011, 09:22
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Morgens um acht sind die Straßen in Tiflis noch leer, die Georgier beginnen ihren Arbeitstag und ihre Verkehrsstaus ein wenig später als andere in Europa. "Make a wish", sagt Giorgi, als wir unter die neue "Mischa-Brücke" durchfahren, eine weitere geschwungene Glas- und Stahlkonstruktion des Italieners Michelle de Lucchi, die nicht recht zur Altstadt, aber zum Erbauer- und Modernisierer-Präsidenten Michail Saakaschwili passt. Dann sind wir auch schon in Ortachala, einem Bahnhof im Süden der georgischen Hauptstadt, von dem möglicherweise Züge abfahren, auf jeden Fall aber die "Marschrutka" nach Eriwan, ins benachbarte Armenien. Und das geht so:

8.22 Uhr ist dieses Mal Start, 14 Damen und Herren plus der Fahrer in einem umgebauten Ford Transit. Die Platzverhältnisse könnten weit schlimmer sein - Batumi-Tiflis im Jahr 2004 war zum Beispiel ein Horror: zehn Stunden Fahrt auf Kies und durch Schlaglöcher, mit angezogenen Knien und im Zigarettennebel. In der Morgen-Marschrutka nach Eriwan kann man dagegen je nach Sitzplatz drei bis vier verschiedene Fußstellungen während der Fahrt einnehmen. Der Einzelsitz gleich an der Schiebetür ist eindeutig Business-class, hat allerdings den Nachteil, dass er Beine und rechten Arm des Fahrgasts vereist wegen des Fahrtwinds, der durch die Türritzen bläst.

9.13 Uhr, Grenzübergang Sadakhlo nach Armenien. Gleich nach Tiflis ging es schon bergauf, wir haben Marneuli passiert und die Schulkinder zu bereits vorgerückter Morgenstunde auf ihrem Weg beobachtet sowie einige Maschinen der georgischen Luftstreitkräfte. Die Militärbasis in Marneuli war während des Augustkriegs 2008 vorsorglich auch von der russischen Luftwaffe bombardiert worden.
Der Fahrer gab einem der zwei Passagiere auf der Beifahrerbank einen Sitzgurt zur Dekoration, der so zu halten ist, dass die Polizei zumindest den Willen zur Einhaltung der georgischen Straßenverkehrsordnung erkennen kann. Bis Sadakhlo verläuft die Straße noch ungefähr dreispurig. Das ermöglicht rasche, entschlussstark durchgeführte Überholmanöver bei Lastwagen und anderen Marschrutkas. Am Grenzübergang steigt die ganze Marschrutka-Besatzung aus und marschiert zu Fuß. Die Georgier haben neue, die Armenier noch alte Grenzgebäude, dazwischen gibt es eine Brücke über den Fluss Debed.

9.45 Uhr sind im Prinzip wieder alle abfahrbereit, die drei jüngeren Herren von der Rückbank fehlen allerdings noch und sind in grenztechnischer Behandlung der Armenier. Der Fahrer geht Nachsehen. Ein Visum kostet 3000 armenische Dram, Geld muss dafür im Zollgebäude zum speziellen Grenzer-Kurs gewechselt werden. Es wären normalerweise sechs Euro. Die drei von der Hinterbank tauchen im Gefolge des Fahrers auf, es handelt sich um Pakistani. Die Zöllner konzentrieren sich nun auf einen türkischen Lastwagen aus Hopa an der türkisch-georgischen Grenze. Armenien ist "land-locked" und hat dazu noch geschlossene Grenzen zu zwei seiner vier Nachbarn - Türkei und Aserbaidschan. Trotz unaufgearbeiteter Genozid-Geschichte, abgebrochener diplomatischer Beziehungen und Karabach-Krieg läuft der Export von allerlei Waren aus der Türkei nach Armenien sehr rund. Bisher zumindest. Spekulationen über höhere Frachtpreise zusammen mit der Inflation in Armenien und weiter steigenden Treibstoffpreisen beunruhigen dieser Tage die Geschäftswelt in Eriwan.

10.33 Uhr wechseln wir auf die andere Seite des Debed bei der Kleinstadt Alaverdi. Der Debed ist ein Fluss, der wilde Haken schlägt, einmal ausufert, dann wieder weite Geröllfelder zeigt. Links und rechts steigen die Berge hoch. Kleiner Kaukasus eben. 265 Kilometer sind es von Tiflis bis Eriwan, und die Geschichte ist, dass es keinen Bus und keine Flugverbindung mehr gibt, nur einen ewig lang rollenden Nachtzug. Deshalb fährt man Marschrutka oder gleich Taxi. 30 georgische Lari kostet das eine - 15 Euro -, um die 100 Dollar das andere.

Um 11.14 Uhr ist Pause. Der Fahrer hält an einem Imbiss-Stüberl, das im Sommer mit einer Art Terrasse zum Debed-Fluss aufwarten kann, jetzt im Winter aber nur mit einer armenischen Soap-Opera im Fernseher, der die Fahrgäste beiwohnen können, während sie im Stehen einen Marschrutka-Imbiss zu sich nehmen: Köfte gegrillt und in ein Fladenbrot eingewickelt, dazu ein Glas Wodka. Der Fahrer entscheidet sich für Gebäck und Streichkäse.

11.51 Uhr ist es, als wir in Vanadzor einrollen, einer Industriestadt, umgeben von Zwei- und Dreitausendern. Wir biegen links nach Spitak ab, dem Schauplatz des schweren Erdbebens von 1988, als 25.000 Menschen starben und der Westen erstmals der Glasnost-durchlöcherten Sowjetunion zur Hilfe kam. Das Tal weitet sich nun, alle dösen, der Fahrer hat seine Sonnenbrille aufgesetzt, denn die Schneefelder blenden. Dann geht es mit einem Mal bergab. 12.27 Uhr zeigt das Telefon. So wird es weitergehen bis Eriwan, schnurgerade und bergab, der Fahrer kann endlich wieder Gas geben. Aparan, Artashavan, Ashtarak heißen die Dörfer und Kleinstädte. Schwarz gekleidete, lange Kerle stehen auf den Straßen in Gruppen wie die Raben. Zu welchem Zweck ist nicht klar, vielleicht war ihnen zu Hause zu langweilig, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Im Sommer war die Ebene nach Spitak mit Schafherden bevölkert und Dorfbewohnern, die ihren Honig verkauften auf aufgetürmten Honigglas-Pyramiden.

13.33 Uhr ist Eriwan in Sicht. Der Schnee ist weg, schwarze Felsklötze liegen überall auf den Feldern, der Ararat auf türkischer Seite ist im Dunst versunken. Die Marschrutka-Besatzung ist wieder wach geworden und bricht ihr tiefes Schweigen. Die Hälfte steigt in einem Außenbezirk von Eriwan aus. Dann fährt der Wagen im "Awtovoksal" der armenischen Hauptstadt ein, dem "Busbahnhof". Motor aus. Fünf Stunden, 18 Minuten Fahrtzeit. Um 17 Uhr geht es wieder zurück nach Tiflis.

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    foto: markus bey
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