Zwischen Strukturblick und Ekstase

24. Februar 2011, 21:28
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Die Wiener Symphoniker mit Dirigent Kirill Petrenko

 

Wien - Am Beginn der Karriere von Dirigent Kirill Petrenko (Jahrgang 1972) stand ein Kunst- und Konditionstest: Er bestand aus Richard Wagners Ring des Nibelungen, der im Theater der thüringischen Stadt Meiningen (2001) auch noch an vier aufeinander folgenden Tagen absolviert wurde. Die Musikwelt staunte nicht schlecht über den Musiktheaterkraftakt (mit dem Bühnenbild von Alfred Hrdlicka) und entdeckte auch Petrenko, der schließlich Generalmusikdirektor an der Komischen Oper Berlin wurde.

Das alles ist Geschichte, nun leuchtet die Zukunft: Petrenko wird ab 2013 Musikchef an der Bayerischen Staatsoper in München (er kommt statt des unter Getöse und wohl nicht sehr gerne scheidenen Kent Nagano). Zudem leitet Petrenko 2013 bei den Bayreuther Festspielen Wagners Ring.

Gedopte Petitesse

Schön jedenfalls, so jemanden bei den Wiener Symphonikern zu erleben, die gastierenden Musikglanz durchaus vertragen können. Dann klingen sie nämlich gut. Im Wiener Musikverein erlebte man jedenfalls ein diskretes Klangbad anhand einer von Wagners Tristan gedopten Petitesse (Anatoli Ljadows Der verzauberte See), wobei auch bei den ausgedehnteren Stücken Wohlklang nicht zu missen war. Selbiger wirkte jedoch intelligent organisiert.

Petrenko ist ein konzentrierter Gestalter von Emotionen (bei der Lyrischen Symphonie von Alexander Zemlinsky). So er den klangsinnlichen Werkcharakter zur Entfaltung bringt (in diesem gut eingebettete Vokalisten: die eindringliche Camilla Nylund und der solide Wolfgang Koch), geschieht dies nicht ausschließlich zum Effektzweck.

Vielmehr teilen die Musikmomente durch Petrenkos disziplinierte Impulsivität Sinnvolles mit. Auch bei Skrjabins Le poème de l'extase ergab sich Petrenko nicht einfach dem "Klangsuff". Alles leuchtete zwar in vielschichtigen Farben - aus ihnen war jedoch einiges an analytischem Durchblick herauszuhören.(Ljubisa Tosic/ DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2011)

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