US-Psycho-Einheit sollte Senatoren ins Visier nehmen

25. Februar 2011, 17:18
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Oberstleutnant: Militär wollte zusätzliche Truppen und Finanzzusagen

Einem amerikanischen General wird vorgeworfen, er habe mit psychologischer Kriegsführung Politiker beeinflussen wollen, um so an mehr Mittel und Soldaten für den Afghanistankrieg zu kommen.

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Kabul/Washington - Die US-Armee muss eine peinliche Affäre untersuchen: Wie am Donnerstag bekanntwurde, gerieten in Afghanistan nicht nur feindliche Kräfte ins Visier amerikanischer Militärs, sondern auch US-Senatoren und Politiker verbündeter Länder.

Das behauptet zumindest Oberstleutnant Michael Holmes in einem Interview mit der Zeitschrift Rolling Stone. Er sei als Offizier einer Einheit für Psychologische Kriegsführung (Psy-Ops) in Kabul von seinem Vorgesetzten, Generalleutnant William Caldwell, angewiesen worden, das Verhalten hochrangiger Besucher zu beeinflussen. Darunter seien die US-Senatoren John McCain, Joe Lieberman, Jack Reed, Al Franken und Carl Levin gewesen, aber auch der US-Generalstabschef Mike Mullen oder der deutsche Innenminister Thomas de Maiziére. Das Ziel der Operation hätte sein sollen, mehr Mittel und Truppen für Afghanistan bereitzustellen.

Gefragt gewesen sei "eine Tiefenanalyse von Stellen, auf die Druck ausgeübt werden muss, um von den Delegationen mehr Finanzmittel zu erhalten", berichtete er. Es sei dabei auch um die mögliche Manipulation von Gesprächspartnern gegangen: "Wie bringen wir diese Leute dazu, uns mehr Soldaten zu geben?", zitierte Holmes einen Mitarbeiter aus Caldwells Büro. "Was müssen wir in deren Kopf einpflanzen?"

Holmes widersetzte sich dem Befehl nach eigenen Angaben mit dem Verweis darauf, dass die Anwendung von Psy-Ops-Techniken auf die eigenen Leute illegal sei. Drei-Sterne-General Caldwell, er ist in Kabul für die Ausbildung der afghanischen Truppen zuständig, habe ihn danach unter Druck zu setzen versucht. Ein Sprecher Caldwells bestritt die Vorwürfe vehement, der US-Oberkommandierende David Petraeus ordnete dennoch eine Untersuchung des Vorfalles an.

Propagandakrieger

Die Propagandaabteilung der US-Streitkräfte untersteht dem Kommando für Spezialkräfte. Sie versucht mit Information und Desinformation zu beeinflussen. Dazu stehen ihr etwa über Feindgebiet fliegende Radio- und TV-Stationen zur Verfügung. Psy-Ops beschallten unter anderem 1989 in Panama die vatikanische Botschaft mit ohrenbetäubender Rockmusik, um den dort verschanzten Diktator Manuel Noriega zur Aufgabe zu zwingen. Auch den Sturz der Saddam-Hussein-Statue 2003 in Bagdad sollen die Psycho-Krieger zumindest mitinszeniert haben.

Die Rolling Stone-Geschichte stammt aus der Feder von Michael Hastings, der bereits vor einem halben Jahr mit einem Artikel über Aussagen von US-General Stanley McChrystal für gehöriges Aufsehen gesorgt hat. Der damalige Isaf-Kommandeur in Afghanistan musste im Sommer 2010 gehen, als die Zeitschrift über abschätzige Bemerkungen über US-Politiker ("Weicheier im Weißen Haus", Präsident Barack Obama sei am Krieg am Hindukusch "desinteressiert") berichtete, die McChrystal gemacht hatte. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.2.2011)

 

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