Die Rolle der USA als "Revolutionskatalysator"

24. Februar 2011, 18:57
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Besteht nicht doch ein Zusammenhang zwischen dem Irakkrieg und dem Volksaufstand in Nordafrika? Warum ein einstiger Kritiker der Interventionspolitik diese Frage heute aus langfristiger Perspektive bejaht

Ist zu Ägypten noch etwas zu sagen? Hosni Mubarak wurde geopfert, um das Militärregime zu retten. Ein "starker Mann", der nicht in der Lage ist, auf den Straßen für Ordnung zu sorgen, nützt niemandem. Ob jetzt die "Demokratie" das Ruder übernimmt, ist fraglich. Beurteilt man die Situation auf Grundlage Pakistans und eines Großteils der restlichen muslimischen Welt, werden sich wohl Phasen (korrupter) Zivilherrschaft mit "reinigenden" Militärputschen abwechseln.

Ich bezweifle, dass das, was wir als Demokratie bezeichnen, an oberster Stelle der politischen Agenda der meisten Ägypter steht. Journalisten, die anderes behaupten, sind nicht einmal in westlichen Ländern repräsentativ. Bei ihnen handelt es sich um einen rastlosen Menschenschlag, der immer mit gezücktem Schreibwerkzeug und einsatzbereiter Kamera von einem Krisenherd zum nächsten hastet. Die Meinungsfreiheit liegt ihnen im Blut und Massenproteste sind ihr Lebenselixier. Sie versuchen, über die Welt so zu berichten, wie sie ist, aber ihre Welt ist nicht die der meisten Menschen - das Geschäft der Journalisten ist abhängig von der Unterbrechung des normalen "Tagesgeschäfts" und daher unterschätzen sie systematisch den Wunsch der Menschen nach Recht und Ordnung (oder zumindest nach Ordnung).

Es scheint als würden die meisten Menschen ein bescheidenes Maß an politischer Unterdrückung, einschließlich Geheimpolizei, Folter und Korruption ertragen, wenn damit Sicherheit und ein Mindestmaß an Wohlstand und Fairness verbunden ist. Anders ist die Langlebigkeit mancher Diktaturen wie die 30-jährige Herrschaft Mubaraks nicht zu erklären. Auch General Augusto Pinochet trat bei dem Referendum, das seine 16-jährige Herrschaft mit tausenden gefolterten und verschwunden Opfern in Chile 1990 beendete, mit einer Plattform für Recht und Ordnung an und erreichte 44 Prozent der Stimmen.

Gute und üble Herrscher

Die meisten führenden Politiker des Westens denken ganz selbstverständlich an einen "demokratischen Übergang". Den möchten sie auch in Ägypten erleben und hoffen, dass die Demokratie den ägyptischen Friedensvertrag mit Israel nicht gefährden wird. Aber die Mischung aus Freiheit und Ordnung in westlichen Demokratien - das wertvollste Geschenk des Westens an die Welt - ist das Produkt einer langen Geschichte, das sich nicht innerhalb kürzester Zeit herstellen lässt.

Nichtwestliche politische Systeme sind typischerweise archaisch geprägt: Gute Herrscher können nachts friedlich schlafen, während schlechte Herrscher ständig mit der Gefahr des Sturzes durch die Armee oder die Straße konfrontiert sind. Um ein erträgliches Leben zu führen, sind die meisten nicht-westlichen Völker auf die persönlichen Vorzüge des Machthabers angewiesen und können sich nicht auf institutionelle Beschränkungen seiner Macht verlassen. Was wir als Streben nach Demokratie interpretieren, ist in Wahrheit der traditionelle Weg, üble Herrscher loszuwerden. - Dennoch lassen diese Überlegungen die Möglichkeit eines Wandels aus, vor allem eines von der aufrüttelnden Rolle der USA in der Welt beeinflussten Wandels. Die Vorstellung, dass die USA eine Status-quo-Macht seien, ist eine Illusion der außenpolitischen Experten. Kurzfristig verhalten sich die USA natürlich wie eine gewöhnliche Macht. Sie haben Interessen zu schützen und das verlangt oftmals die Unterstützung unappetitlicher Regimes. Aber Amerikas Langzeitprojekt ist die Erneuerung der Welt nach seinem Ebenbild.

Wo Amerika über Spielraum verfügt, drängt es in diese Richtung. Und trotz des Aufstiegs Chinas und des Schrittes in Richtung eines "pluralistischeren" internationalen Systems, verfügen die USA immer noch über die Macht, in großen Teilen der Welt, vor allem im Nahen und Mittleren Osten "Tatsachen" zu schaffen.

Experten haben den expansiven Charakter der amerikanischen Außenpolitik immer unterschätzt, weil sie Expansion in der Begriffsebene der alten Welt interpretieren: Eroberung, Imperialismus, Kolonialismus. Die USA streben nicht die Errichtung eines Imperiums im alten Sinne an: Amerika verfolgt vielmehr einen Imperialismus der von ihm hochgehaltenen Werte.

Wenn alle Länder die gleichen Werte haben, wird traditioneller Imperialismus obsolet. Obwohl es den USA klar an Macht mangelt, diese Werte mit Gewalt durchzusetzen, verfügen sie sehr wohl über die Fähigkeit, eingefahrene Verhältnisse aufzubrechen, sowohl durch die Anziehungskraft ihrer "Soft Power" (des amerikanischen Way of Life) als auch durch den exemplarischen Einsatz von Gewalt.

Ich war unter den Gegnern der von den USA angeführten Invasion im Irak im Jahr 2003. Nun frage ich mich, ob das richtig war. Teile der Invasion und Besatzung waren von den USA ganz klar falsch angelegt, was zu einer viel größeren Opferzahl führte als notwendig. Aber kann jemand auf lange Sicht daran zweifeln, dass die Invasion nicht nur im Irak, sondern in der gesamten islamischen Region eine aufrüttelnde Wirkung hatte? - Deshalb bin ich auch nicht sicher, ob die Aufstände zunächst in Tunesien und dann auf den Straßen Ägyptens, die sich nun auch auf andere Länder mit muslimischer Mehrheit ausbreiten, einfach nur als traditionelle Form des Protests gegen üble Herrscher interpretiert werden können.

In der gesamten muslimischen Welt herrscht vor allem unter jungen Menschen ein Gefühl verbesserter Möglichkeiten. Über die Hälfte der 80 Millionen Einwohner Ägyptens sind unter 25. Diese Gefühlslage kann mit Sicherheit auf die US-Invasion und den erzwungenen Sturz von Saddam Hussein zurückgeführt werden.

Mephistophelisches Prinzip

In Goethes großem Versdrama Faust sendet Gott der Menschheit den Teufel (Mephistopheles), um die Dinge aufzumischen. Seine Absicht ist klar: "Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen. Er liebt sich bald die unbedingte Ruh: Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu, der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen." Mephistopheles ist eher ein Anstoßgeber. Und das ist auch Amerika, das lethargische Gesellschaften immer aus ihrer Erstarrung holt - eine Rolle, die man zum ersten Mal einnahm, als Commodore Matthew Perry Japan im Jahr 1854 "öffnete".

Wenn wir an irgendeiner Vision des Fortschritts festhalten wollen, ist das eine unverzichtbare Rolle und nur Amerika kann sie heute spielen. China bevorzugt Gleichgesinnte. Amerika setzt sich bewusst mit dem Gegensatz auseinander und versucht ihm einen Teil seiner Dynamik einzupflanzen.

Zugegeben: Amerikas Intervention im Mittleren Osten stärkte auch den extremistischen Islam, der sich aufgrund des Ressentiments gegenüber der US-Präsenz entwickelt. Aber aus langfristiger Perspektive betrachtet, gehört die Zukunft bestimmt nicht Organisationen wie der Muslimbruderschaft. Der religiöse Dämon ist ein viel weniger attraktiver Teufel als Uncle Sam. Früher oder später werden die Brüder das Schicksal aller bösen Teufel erleiden. (Robert Skidelsk, DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2011)

Zur Person: Robert Skidelsky (71) ist Mitglied des britischen Oberhauses und Professor Emeritus für Nationalökonomie an der Warwick University; der Wirtschaftshistoriker und Keynes-Spezialist war in den Anfängen seiner politischen Karriere Labour-Abgeordneter, wechselte 1992 zu den Konservativen und geriet u. a. wegen seiner kritischen Haltung zu den Nato-Bombardements im Kosovokrieg mit der Parteiführung in Konflikt.

© Project Syndicate, 2011; aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

  • Wird die von Skidelsky beschworene "Dynamik" dank Facebook und Co auch in Libyen funktionieren?
    foto: international society for human rights

    Wird die von Skidelsky beschworene "Dynamik" dank Facebook und Co auch in Libyen funktionieren?

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    foto: international society for human rights
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