Ölpreisrisiko ist beherrschbar

24. Februar 2011, 18:18
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Industrie hat ihre Energieabhängigkeit in den letzten Jahrzehnten deutlich reduziert

Derzeit kann man förmlich zusehen, wie die Rohölpreise in die Höhe schnellen. Kaum ein Tag, an dem nicht neue Höchststände markiert werden - Höchststände freilich, die sich auf die vergangenen 2,5 Jahre beziehen. Denn im Sommer 2008 waren wir schon bei fast 150 Dollar je Fass (159 Liter), bevor die Talfahrt einsetzte. Und die ging schneller vonstatten als die Bergetappe. So etwas Ähnliches könnte sich jetzt wiederholen.

War es 2008 unter anderem die Immobilienblase in den USA, die mit lautem Knall platzte, für ein tektonisches Beben sorgte und weite Teile der Welt in eine Rezession stürzte, ist es nun Angst, die umgeht. Angst, dass die Aufstände von Tunesien kommend über Ägypten und Libyen auch auf andere Länder der Region übergreifen könnte. Vor allem aber Angst, dass der Energiefluss in Mitleidenschaft gezogen werden könnte.

Tatsächlich gibt es auf keinem anderen Fleck der Welt so große Reserven an Kohlenwasserstoffen wie auf der arabischen Halbinsel. Nirgendwo sonst sprudelt so viel Öl aus den Hähnen, nirgendwo sonst wird mehr Gas verschifft als in Katar. Auch wenn die Sorgen irrational sein mögen, dass Europa und weite Teile der Welt bald auf dem Trockenen sitzen - die Sorgen sind da und treiben, wie man dieser Tage beobachten kann, die Ölpreise.
Und die Gaspreise, auch das lässt sich jetzt schon mit Sicherheit sagen, werden in einem halben Jahr ebenfalls nach oben schießen. Die sind über eine Formel mit dem Ölpreis gekoppelt. So gut, so schlecht.
Befürchtungen, wonach die Welt jetzt wieder in eine tiefe Depression stürzen könnte, weil die Ölpreise erneut deutlich über hundert Dollar liegen, scheinen dennoch übertrieben. Anders als in den Siebziger- und Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, als der Preissprung bei Rohöl den Wirtschaftsmotor in weiten Teilen der Welt zum Stottern brachte, ist die Abhängigkeit der Industrie von Öl inzwischen deutlich gesunken. Die verwendete Rohölmenge je Sozialprodukteinheit ist in allen Industrieländern nur noch halb so hoch wie 1970.
Das ist nicht zuletzt auf eine Kraftanstrengung der Industrie zurückzuführen, den Energieverbrauch zu drosseln. Der Anreiz, die Energieeffizienz weiter auszureizen, wird durch teureres Öl sicher größer. Und das ist gut. Die Erderwärmung, herbeigeführt durch zu viel verbrannte Kohlenwasserstoffe, schreit geradezu nach einem Rückgang im Ölverbrauch.

Dennoch kann nicht geleugnet werden, dass ein nachhaltig hoher Ölpreis, der einen solchen Rückgang wohl bewirken würde, einiges Geschick erfordert, nicht zuletzt von den Notenbanken. Die Inflation wird steigen, weil die höheren Ölpreise auch die Produktion von Waren und Dienstleistungen verteuern werden. Die Inflationswächter werden genau darauf achten müssen, wann und in welchem Ausmaß sie die Zinsen erhöhen, um die Teuerung einzubremsen. Viel Spielraum haben die stark verschuldeten Staaten, insbesondere jene an der Peripherie Europas, nicht, Wachstum zu fördern.

Zum Konjunkturkiller jedenfalls taugt der Ölpreis nicht. Auch ist nicht davon auszugehen, dass Öllieferungen, wenn überhaupt, längerfristig ausfallen. Schon aus Eigeninteresse werden die Staaten, die sich jetzt in Aufruhr befinden, die Förderhähne offen lassen. Die Phase höherer Preise sollte aber genutzt werden, über die Nachhaltigkeit unseres Wirtschaftssystems nachzudenken.(Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.2.2011)

 

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