Große Abhängigkeit und Sorge vor neuer Krise

24. Februar 2011, 18:15
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Kaum eigene Förderung - Ausgleich durch starke Binnennachfrage erhofft - Inflationssorgen wachsen

So groß die Sympathie in Südkorea, einer früheren Militärdiktatur, für die Aufstände in Nordafrika und dem Nahen Osten auch sein mag, die Regierung sorgt sich um Ölproduktion und -preis. Südkoreas Präsident Lee Myung-bak hat den Auftrag gegeben, Energieverschwendung zu reduzieren. Auch in Japan schrillen die Alarmglocken. Ministerpräsident Naoto Kan warnt, dass Japan massiv getroffen werde, falls sich die Revolten auf Saudi-Arabien und andere Golfstaaten ausdehnen sollten. Die Firmengewinne und damit der Aufschwung seien in Gefahr.

Das hohe Krisenbewusstsein in Ostasien wird durch einen Blick auf den Energiemix der Länder verständlich. Sowohl Japan als auch Südkorea verfügen über keine nennenswerten Rohstoffvorkommen und importieren ihr Öl zudem fast ausschließlich von den Golfstaaten. 86,5 Prozent waren es 2010 im Falle Japans. Ein Stopp der Öllieferungen aus dem Golf würde daher vor allem die beiden Hightechschmieden Asiens weit härter treffen als Europa, die USA oder auch China, die wenigstens einen Teil ihres Bedarfs an Kohle, Öl und Gas daheim fördern können.

Der Rest des Kontinents zittert vor einem Ölschock. Besonders in Japan ist die Erinnerung an die Krise Anfang der 1970er-Jahre noch lebendig, als das damalige Wirtschaftswunderland vom Hochwachstum direkt in die Rezession stürzte. "Wir hatten Angst, dass unsere gesamte Industrie ausgelöscht wird", erinnert ein Manager eines Stahlkonzerns. Es war ein heilsamer Schock. Japan hat damals das Energiesparen begonnen und gilt nun als eines der energieeffizientesten Industrieländer der Welt.

Doch Frederic Neumann, Chefvolkswirt der globalen Großbank HSBC in Hongkong rät: "Nur keine Panik." Die asiatische Binnennachfrage sei heute stärker.

Die größte Gefahr ist für ihn, dass bei einer weiteren Preisexplosion die Inflation vollständig außer Kontrolle geraten könnte. Schon jetzt liegt sie in China, Indien und anderen Schwellenländern jenseits der Wohlfühlzone. Die Regierenden haben Angst, dass noch mehr Teuerung gerade bei Energie und Lebensmitteln die Wachstumsgewinne vernichten und vielleicht sogar ihre Untertanen aufwiegeln könnte. (Martin Kölling aus Tokio, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.2.2011)

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