Die Gaddafis und der italienische Fußball

24. Februar 2011, 18:15
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Insgesamt 26 Minuten kickte Al-Saadi Gaddafi, kein Jahrhunderttalent, aber immerhin Sohn des libyschen Machthabers, in der italienischen Serie A. Sein Vater ist an Juventus Turin beteiligt

Mailand - Der Absturz erfolgte sofort. Im altehrwürdigen Mailänder Palazzo Mezzanotte an der Piazza Affari befindet sich die Aktie von Juventus Turin seit Tagen im Sinkflug. Mehr als sechs Prozent hat das Papier des italienischen Rekordmeisters verloren, seit in Libyen die Unruhen ausgebrochen sind. Denn Muammar al-Gaddafi ist mit einer 7, 6-Prozent-Beteiligung der zweitgrößte Aktionär von Juventus.

Es ist nicht die einzige Verbindung des Gaddafi-Clans mit dem Calcio. Ein Sohn des Diktators schaffte es sogar in die Serie A. Dass der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi gute Beziehungen zu den Gaddafis pflegte, ist allgemein bekannt - und gibt nun auch im Fußball erheblichen Anlass zur Sorge.

"Die Krise in Libyen lässt Juventus zittern", kommentierten die Medien. Auch der Hauptaktionär des Vizemeisters AS Roma gerät unter hohen Druck. Libysche Investoren halten 7,6 Prozent an der Mailänder Bank UniCredit; diese führt exklusive Verhandlungen mit dem Industriellen Thomas Di Benedetto, der den Klub übernehmen möchte. Benedetto gilt als letzter Interessent für den maroden Verein.

Auch in Perugia und in Udine wird man dieser Tage etwas beschämt auf die Bildschirme schauen. Schließlich gab Luciano Gaucci, der Präsident des AC Perugia vor einigen Jahren eine Pressekonferenz, als würde ein Weltstar in die umbrische Provinz kommen. Schließlich kam Al-Saadi Gaddafi, ältester Sohn des Staatsführers und ein eher unterdurchschnittlicher Fußballer, der aber unbedingt Profi sein wollte.

"Al-Saadi, ein Fußballer? Seien Sie nicht lächerlich", sagte Libyens ehemaliger Nationaltrainer Francesco Scoglio - ein Italiener, der 2005 während einer TV-Liveshow einer Herzattacke erlag, während ihn der aufgebrachte Geschäftsführer des FC Genua am Telefon beschimpfte.

Der Nationaltrainer war zu diesem Zeitpunkt schon entlassen worden, weil er Gaddafi junior nicht aufstellte. Obwohl dieser dreimal Libyens Fußballer des Jahres war, von 2001 bis 2003. Heute ist der 37-Jährige Besitzer des Klubs Al-Ittihad. Manchmal, so heißt es, sind die Schiedsrichter dem Verein gegenüber äußerst gnädig gestimmt.

Al-Saadi Gaddafi also, der 2002 in den Aufsichtsrat von Juventus Turin einzog, stand plötzlich im Kader des Erstligisten AC Perugia. Zum Training kam er in einem gelben Lamborghini Gallardo, das zumindest blieb in Erinnerung. "Wir wollen zeigen, dass wir anders sind, als die Welt glaubt. Um dies zu erreichen, ist der Fußball ein hervorragendes Mittel." Dieses Zitat wird dem jungen, aber eben weitgehend talentfreien Gaddafi nachgesagt.

Seine Karriere verlief in der Tat ein bisschen anders. Am 2. Mai 2004 spielte er 15 Profi-Minuten in der Serie A, ausgerechnet gegen Juventus Turin. Das war's für Perugia. Zwei Jahre später kamen elf Serie-A-Minuten für Udinese Calcio gegen Cagliari hinzu.

Doping und Zechprellerei

Seine dreimonatige Sperre wegen Nandrolon-Dopings hatte er da bereits abgesessen. Angeblich nahm er das Mittel gegen anhaltende Rückenschmerzen. Später musste er einmal 400.000 Euro Strafe zahlen, weil er in einem Luxushotel eine Rechnung nicht beglichen hatte. In den vergangenen Monaten kursierten immer wieder Gerüchte, Berlusconi wolle seinen AC Milan an die Gaddafis verkaufen. Das hat sich mittlerweile wohl erledigt.

Ein Fußball-Weltmeister wurde übrigens in Libyen geboren. Claudio Gentile, Champion mit der Squadra Azzurra 1982, hat seine ersten acht Lebensjahre in Tripolis verbracht. "Ich habe dort noch viele Freunde und bange um sie", sagte Gentile der Gazzetta dello Sport. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 25. Februar 2011, sid, red)

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    Al-Saadi Gaddafi (r.), im Zweikampf mit Juve-Star Alessandro Del Piero, wirkte im Mai 2004 15 Minuten lang für Perugia, das das Heimspiel gegen die Turiner mit 1:0 gewann.

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