Steigender Ölpreis bedroht Weltkonjunktur

24. Februar 2011, 17:57
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Brent-Öl ist auf 120 Dollar geschnellt. Analysten fürchten, dass bald die Marke von 200 Dollar geknackt wird. Die Wirtschaft könnte in eine Rezession stürzen

Am Donnerstag liefen die Telefone von Öl- und Aktienhändlern heiß. Der Ölpreis schien nur eine Richtung zu kennen: nach oben. Aufrufe im Internet zu Demonstrationen am 11. März in Saudi-Arabien, dem weltgrößten Ölexportland, ließen die Nerven blankliegen. Der Preis für das Nordseeöl Brent, die wichtigste Sorte für Europa, schnellte binnen kurzer Zeit um mehr als acht Dollar je Fass (159 Liter) auf fast 120 Dollar (88,3 Euro) nach oben, gab dann aber wieder nach.

"Es gibt genug Öl am Markt, trotz der Produktionsausfälle in Libyen", sagte Barbara Lambrecht, Analystin der Commerzbank in Frankfurt, dem Standard. "Preistreiber ist die Angst, die Aufstände könnten sich auf andere Länder ausdehnen mit der Konsequenz, dass es dann tatsächlich zu einer Verknappung kommt."

Reservekapazitäten

Wie stark die Auswirkungen der Ölpreishausse auf die Konjunktur letztlich sein werden, hänge von der Dauer der Krise und des Ölpreishöhenflugs ab. "Wenn das jetzt nur ein Ausreißer ist und sich die Lage bald wieder beruhigt, müssen wir uns keine Sorgen machen. Anders ist es, wenn das noch längere Zeit so geht und die Preise weiter steigen. Dann hat das sicher negative Auswirkungen auf die Wirtschaftsentwicklung", sagte Michael Holstein, Volkswirt der DZ Bank in Frankfurt.

Analysten von Nomura halten es für nicht ausgeschlossen, dass die Ölpreise bei einer Verschärfung der Situation durch die 200-Dollar-Decke schießen - etwas, das es noch nie gegeben hat. Die bisherigen Höchstpreise wurden mit knapp 150 Dollar je Fass zum Höhepunkt des Wirtschaftsbooms im Sommer 2008 gesehen.

Michael Lo von Nomura hat die derzeitige Situation im arabischen Raum mit vergangenen Krisen verglichen, die in der Region ihren Ausgang genommen haben. Während des siebenmonatigen Golfkriegs Anfang der 1990er-Jahre schnellten die Ölpreise um 130 Prozent in die Höhe - Folge nicht zuletzt des starken Rückgangs der Reservekapazitäten. Saudi-Arabien musste damals für die Kriegsparteien Kuwait und Irak, die als Lieferanten ausfielen, in die Bresche springen. Sollte jetzt neben Libyen beispielsweise Algerien seine Produktion über einen längeren Zeitraum einstellen, könnte sich das Szenario mit einer Verdoppelung der Preise wiederholen, meint Lo. Auch Goldman Sachs warnt vor drastischen Engpässen auf den Rohölmärkten. Der Ausfall libyschen Öls könne zwar kompensiert werden. Sollte es allerdings auch in anderen Länder Produktionsunterbrechungen geben, ließe sich das nicht mehr auffangen. "Dann müsste es Rationierungen geben", sagte Jeffrey Currie der Agentur Reuters.

Energieagentur besorgt

Besorgt ist auch die Internationale Energieagentur (IEA): "Wenn sich der Ölpreis 2011 nachhaltig über der 100-Dollar-Marke hält, ist die Belastung für die Weltkonjunktur vergleichbar mit der im Jahr 2008", sagte IEA-Chef Nobuo Tanaka am Rande einer Ölkonferenz im saudischen Riad dem Fernsehsender CNBC. Derzeit kursieren mehrere Untersuchungen von Investmenthäusern mit einheitlichem Tenor: 120 Dollar je Fass werden als Punkt gesehen, in dem die Weltwirtschaft ernsthaft belastet werde. Ab 150 Dollar würde zumindest der Westen in die Rezession fallen.

Saudi-Arabien ist um Beruhigung bemüht. Vertreter der Regierung haben nach Informationen der Financial Times Gespräche mit europäischen Ölgesellschaften aufgenommen, um deren Wünsche bezüglich Mengen und Ölqualitäten auszuloten.

Ralf Solveen von der Commerzbank mag die Befürchtungen nicht teilen. "Jede zusätzlichen zehn Dollar an Preissteigerung sind zwar eine Belastung für die Konjunktur. Es gibt aber keine Klippe, ab der alles hinunterstürzt".

An den Tankstellen ist die jüngste Entwicklung indes schon angekommen. Für den Liter Diesel waren am Donnerstag im Durchschnitt 1,299 Euro zu zahlen, Eurosuper kostete 1,324 Euro, hat der Autofahrerklub ARBÖ errechnet.

Teurer war Sprit an heimischen Tankstellen im Sommer 2008. Damals kostete Diesel am 2. Juli durchschnittlich 1,45 Euro je Liter, Benzin 1, 36 Euro. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.2.2011)

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