So klein und schon in Oslo

24. Februar 2011, 17:50
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Die Skispringerinnen ermitteln zum zweiten Mal ihre Weltmeisterin. Die starken Trainingsleistungen einer erst 14-jährigen Japanerin sorgen für Diskussionen, die der Sport gerade jetzt überhaupt nicht brauchen kann

Ein wenig verschüchtert ist Sara Takanashi, seit 8. Oktober 14 Jahre alt und also die jüngste Teilnehmerin am zweiten WM-Springen, nur im Gespräch. Nein, Furcht, sagt die Drittklasslerin der Kamikawa Junior High School, habe sie in ihrem Sport noch nie verspürt. "Das ist einfach ein Spaß." Dem frönt das Mädchen natürlich mit Erlaubnis der Eltern seit dem sechsten Lebensjahr. Gelernt hat sie in Sapporo, rund 150 Kilometer südwestlich der Kleinstadt Kamikawa auf Hokkaido, der nördlichsten der vier japanischen Hauptinseln.

Und Sara Takanashi, die ihre nur um ein Jahr ältere französische Kollegin Coline Mattel ein Vorbild nennt, hat gut gelernt. "Sie ist sicher ein großes Talent", sagt Ernst Vettori, nordischer Direktor der österreichischen Skispringer und Kombinierer. Das Training auf dem kleinen Midtstuenbakken hat das keine 1,50 Meter große Talent beherrscht. Die beiden letzten Kontinental-Cup-Springen vor der WM am vergangenen Wochenende hat Takanashi gar gewonnen. Vettori war dabei in Ramsau.

Auf Diskussionen, ob eine derart junge Athletin schon eine Damenkonkurrenz bestreiten sollte, wollten sich weder er noch Josef Walluschnig, der Coach der Österreicherinnen, einlassen. Ihre Hinweise, dass in der männlichen Skispringerei für den Weltcup das Alterslimit bei 15 Jahren liegt und dass Jugendliche entwicklungsbedingt großen Leistungsschwankungen unterliegen könnten, wollten sie nicht als prinzipielle Ablehnung verstanden wissen.

Denn für die Skispringerinnen steht in Oslo mehr auf dem Spiel als bloß Medaillen. IOC-Präsident Jacques Rogge entscheidet in Kürze im Alleingang über die Aufnahme des Damenskispringens ins olympische Programm für Sotschi 2014. Streit innerhalb der Szene wäre grob kontraproduktiv. Aufgemuckt wird trotzdem. Nicht gegen Takanashi, sondern gegen die Fis.

Denn der internationale Skiverband verweigert den Damen wegen angeblich zu geringer Leistungsdichte einen Teambewerb. Und der große Holmenkollenbakken bleibt offiziell aus Sicherheitsgründen den Herren vorbehalten. "Vielleicht haben sie Angst, dass eine Frau hier den weitesten Sprung macht", höhnte die deutsche Vizeweltmeisterin Ulrike Grässler, die im Training übrigens mehr überzeugte als Titelverteidigerin Lindsey Van aus den USA.

Von der Aufnahme in die sogenannte olympische Familie hängt viel ab. Grässler fürchtet, dass weiteres Vertrösten viele Athletinnen aus finanziellen Gründen zum Aufhören zwingt. Die Siegesprämien im Kontinental-Cup betragen 300 Euro. Mit Einführung eines Damenweltcups in der kommenden Saison wird eine Null angehängt. In Oslo winken der Siegerin rund 10.500 Euro. Aber leistbar ist der Sport auf Dauer für Erwachsene nur mit Sponsoren, die wiederum erst Olympia lockt.

Sotschi 2014 ist auch für Daniela Iraschko noch ein Ziel. Die in Innsbruck lebende Steirerin war nach zehn Einzelerfolgen und dem Gesamtsieg im Kontinental-Cup die haushohe Favoritin für Oslo. War, weil sie sich vor zwei Wochen in Zakopane am Knie verletzte. Am Donnerstag konnte die 26-Jährige drei Trainingssprünge absolvieren und es tat "nicht sehr weh". Sie und Österreichs zweite Springerin Jacqueline Seifriedsberger (20) aus Oberösterreich haben den Midtstuenbakken schon im vergangenen September ausprobiert und für gut befunden. Iraschko gewann beide Springen. "Dass Takanashi gewinnt, werden wir schon verhindern", sagte sie, die an der Jugend der Japanerin nichts auszusetzen hat. "Junge Sportarten haben junge Sportler."

Und alte manchmal alte. Als Noriaki Kasai an ihr vorbeischlenderte, machte die kleine Sara Takanashi große Augen. Ihr Landsmann, ebenfalls aus Hokkaido, ist mit 38 Jahren der älteste Spezialspringer dieser nordischen WM, seiner zehnten. (Sigi Lützow aus Oslo, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 25. Februar 2011)

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    Sara Takanashi ist eindeutig auf dem Weg nach oben. Dass die Japanerin erst 14 Jahre alt ist, sorgt auch unter Kolleginnen für leicht kontroversielle Diskussionen. Aber hinter vorgehaltenen Händen. Der Skisprung der Damen steht in Oslo nämlich unter olympischer Beobachtung.

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