"Wenn ihr einander töten wollt, dann tut das"

24. Februar 2011, 17:42
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Die Aufstände schwappen auf den Westen Libyens über - Gaddafi macht die Terrororganisation Al-Kaida und den Drogenkonsum seiner Kritiker für die Situation verantwortlich

Mit einer neuen Schimpftirade meldete sich der libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi am Donnerstag zu Wort. Gaddafi, der vom staatlichen Fernsehen per Telefon zugeschaltet wurde, sagte an die Adresse der Einwohner der Stadt al-Sawiya gerichtet:"Wenn ihr einander töten wollt, dann tut das." In al-Sawiya, 50 Kilometer westlich von Tripolis, kam es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Gaddafi-Truppen. Die Menschen, die kämpften, stünden unter Drogen, sagte Gaddafi weiter. Zugleich äußerte er sein Beileid für all jene, die in den vergangenen Tagen ums Leben gekommen sind.

In dem Telefonat machte er die Terrororganisation Al-Kaida für den Aufstand verantwortlich. Al-Kaida manipuliere die Libyer, Osama Bin Laden sei der wirkliche Verbrecher. Auch im Radio ließ er seinen Vize-Außenminister Kaled Kaim sagen, Al-Kaida wolle in der Stadt Derna ein "islamistisches Emirat" errichten. Die Terrororganisation selbst stellte sich hinter den Aufstand in Libyen.

Kontrolle über Tripolis

Während Gaddafi in der Hauptstadt Tripolis noch die Kontrolle hält, scheint ihm der Osten des Landes bereits völlig entglitten zu sein. Die Aufständischen dort fühlen sich so stark, dass einige einen "Marsch auf Tripolis" zum Sturz Gaddafis organisieren wollen.

Auf der Küstenstraße machen die Menschen überall das Siegeszeichen. Die Sicherheitskräfte stehen auf ihrer Seite. Flaggen aus der Zeit der Monarchie in den Jahren 1951 bis 1969 werden gehisst. Der schwarze Stoff mit weißem Stern, weißem Halbmond sowie einem roten und einem grünen Streifen ist zum Symbol der neuen Freiheit geworden.

In der Stadt Derna rufen die Leute: "Gaddafi, deine Zeit ist abgelaufen." "Die Mauer der Angst ist gefallen" , sagt ein Demonstrant. Die Führung in Tripolis verschickt indessen SMS. "Möge Gott unserem Anführer und unserem Volk den Sieg bescheren" , heißt es darin. Wer sie weiterleite, bekomme Freieinheiten für Telefonate gutgeschrieben.

Angriffe in Misrata

Im Osten des Landes griffen Gaddafis Truppen aber auch wieder an. In der Stadt Misrata wurden offenbar mehrere Menschen getötet. Andererseits soll die 120 Kilometer westlich von Tripolis gelegene Stadt Suara bereits unter der Kontrolle bewaffneter "Volkskomitees" stehen.

Die Söhne Gaddafis arbeiten weiter auf der Propagandafront des Regimes. Saif al-Islam widersprach Berichten über Angriffe der libyschen Luftwaffe auf Zivilisten. Seit Beginn der Unruhen seien einige wenige Menschen gestorben, sagte er im libyschen Rundfunk . "Aber (...) von Hunderten oder Tausenden zu sprechen und von Luftangriffen, das ist ein Witz selbst vom militärischen Standpunkt aus" , sagte er.

Al-Saadi, ein anderer Gaddafi-Sohn, sagte der Financial Times, 85 Prozent des Landes seien "sehr ruhig und sehr sicher" . Sein Vater werde künftig als Berater einer neuen Regierung fungieren. "Mein Vater wird bleiben als großer Vater, der Ratschläge gibt." Der zurückgetretene libysche Justizminister Mohammed Abd al-Djelail erwartet hingegen einen baldigen Selbstmord von Staatschef Muammar al-Gaddafi. "Al-Gaddafis Tage sind gezählt. Er wird es wie Hitler machen und sich das Leben nehmen" , sagte er.

Am Donnerstag wurde publik, dass der norwegische Pilot von Gaddafis Privatjet, Odd Birger Johansen, aus Libyen geflüchtet ist und mit seiner Frau und seiner Tochter nach Wien gekommen ist. (Reuters, dpa, DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2011)

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    Gegner Gaddafis feiern - in Bengasi haben sie die Kontrolle übernommen.

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    Aufständische feiern in der Stadt Shahat im Osten Libyens, dass sie die Kontrolle übernommen haben.

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