"Im Heim werde ich im Grunde entmündigt"

24. Februar 2011, 18:00
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Auch Menschen mit Behinderungen sollen wählen, wo und wie sie leben, bestimmt eine in Österreich ratifizierte UN-Konvention

Ihr "größter Fehler", wie sie sagt, passierte ihr in einer Situation großer Schwäche: "Eine meiner Helferinnen war krank geworden, Ersatz gab es nicht. Als meine Freundin am Abend kam, saß ich heulend in meinem Bett. Meine Freundin meinte: 'So geht das nicht mehr weiter.' Da hab ich gesagt: 'Okay, ich geh in ein Heim'", erzählt Verena Weidner.

So kam es, dass die damals 47-Jährige im März 2007 ins Haus der Barmherzigkeit in Wien-Ottakring zog. In ein geriatrisches Pflege- und Wohnheim mit 350 zum Großteil alten, mehrfach erkrankten Bewohnern - sowie einer Abteilung für Menschen, die, wie Weidner, schwer an multipler Sklerose (MS) leiden: der häufigsten chronisch-entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems, die bis zu völliger Bewegungsunfähigkeit führen kann. Weidners Wohnung wurde gekündigt und aufgelöst.

Seitdem gibt es bei der Betreuung der Frau mit den kurzen grauen Haaren keine bedrohlichen Ausfälle mehr: Höchst professionell wird Weidner von Pflegerinnen und Pflegern umsorgt. Das ist rund um die Uhr notwendig, weil Weidner bis auf ihre rechte Hand keine gezielten körperlichen Handlungen setzen kann.

Untergangsstimmung

Und es hat eine Kehrseite, die der im Gespräch jugendlich wirkenden 51-Jährigen das Leben in der Seeböckgasse immer unerträglicher macht. So sehr, dass sie ihre Entscheidung fürs Heim inzwischen als "meinen Untergang" bezeichnet. "Im Heim werde ich im Grunde entmündigt", sagt Weidner, "wenn bei meinen Medikamenten eine neue Pille dabei ist und ich frage, warum, bekomme ich als Antwort: 'Das hat der Arzt verordnet'". Auch mit den Freizeitangeboten könne sie nichts anfangen: "Jede Weihnachten Elfriede Ott ist nicht mein Geschmack."

Doch, vor allem: Ihr fehle die Privatsphäre. "Im Zimmer herrscht ein ewiges Rein und Raus." Tatsächlich teilt sich Weidner den hellen, großen Raum mit verglaster Loggia und weitläufigem Ausblick mit einer zweiten Patientin: Auf der MS-Station herrscht Einbettzimmermangel. Ist Körperpflege angesagt, muss ein Vorhang zugezogen werden.

Daher hat die Wienerin einen sehnlichen Wunsch: "Ich will wieder in eine eigene Wohnung ziehen, mir mein Leben selber einteilen." Das steht ihr zu. Österreich hat die UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen, die allen Betroffenen "unabhängige Lebensführung" zusichert, im Jahr 2008 ratifiziert: In einem reichen Land mit hohen Sozialstandards dürfe es keine alternativlose Verwahrung in Heimen mehr geben. Ein nationaler Aktionsplan für Menschen mit Behinderungen ist in Vorbereitung.

In der Praxis hat sich dieser neue Umgang noch nicht niedergeschlagen. Hier herrschen weiter Kompetenzzersplitterung und Antragsflut - vor allem, wenn man, wie Verena Weidner, wenig Familienrückhalt und kein Vermögen hat. Eine behindertengerechte Wohnung muss gefunden, Pflege rund um die Uhr und persönliche Assistenz müssen organisiert werden: Für jemanden, der wie die Wienerin seit Jahren im Heim verunselbstständigt wird, eine immense Herausforderung - trotz Beratung durch fachbereichübergreifendes Case Management, wie ihn der Fonds Soziales Wien anbietet.

Einheitliche Regeln nötig

Denn die Regeln sind von Bundesland zu Bundesland verschieden. Die Unterstützung auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben müsse bundesweit vereinheitlicht werden, fordern daher Helene Jarmer (Grüne) und Franz-Joseph Huainigg (ÖVP), Behindertensprecher ihrer Parteien.

Die Unterbringung von Menschen in Heimen gegen ihren Willen bezeichnen beide als Verletzung der Menschenwürde: Eine Situation, der Weidner unbedingt entkommen will. Jeden Schritt zur Erreichung ihres Ziel dokumentiert sie in einem Blog. Titel: "Verenas Traum". Das drückt all die Unabwägbarkeiten aus, die mit dem Auszugsplan einhergehen. (Irene Brickner, DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2011)

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  • Ein Bett in einem Zimmer, das sie mit einer Mitpatientin teilt, ist 
derzeit der Lebensmittelpunkt der 51-jährigen Verena Weidner. Trotz 
ihrer Multiple-Sklerose-Erkrankung will sie von hier ausziehen.
    foto: andy urban

    Ein Bett in einem Zimmer, das sie mit einer Mitpatientin teilt, ist derzeit der Lebensmittelpunkt der 51-jährigen Verena Weidner. Trotz ihrer Multiple-Sklerose-Erkrankung will sie von hier ausziehen.

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