"Unsere Stärke ist die Vielfalt"

24. Februar 2011, 17:33
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Ab Samstag zeigt Robert Meyer an der Volksoper "Il tabarro" und "Gianni Schicchi" von Puccini - der Schauspieler, Intendant und Regisseur im Interview

Daniel Ender befragte den Hausherrn zu Streit und Humor und entlockte ihm ein Statement zur aktuellen Lage der Republik

Standard: Sie inszenieren jetzt zum ersten Mal Oper. Gerade haben Sie bei der Begrüßung schallend gelacht. Wann kann man sich von Ihnen als bekanntem Erzkomödianten bei einem so düsteren Stück wie Il tabarro erwarten?

Meyer: Auch ein Erzkomödiant kann einmal ernst sein. Der Mantel ist eine tolle, düstere Verismo-Oper, eine Dreiecksbeziehung, die tödlich endet. Man fragt sich, wie die Dinge so gekommen sind: Da gab es einmal ein Kind in dieser Familie von Michele und Giorgetta, das, wie wir erfahren, gestorben ist. Das ist noch kein Jahr her. Der Tod dieses Kindes hat die Ehe vollkommen aus der Bahn geworfen. Wenn so etwas Schreckliches passiert, dann kommt meist einer der Partner darüber überhaupt nicht hinweg. In dem Fall ist es Michele, während sich Giorgetta einen neuen Lover sucht. Das ist spannend erzählt und hat wahnsinnig viel mit Strindberg zu tun. Es ist ja ungefähr dieselbe Zeit.

Standard: Wie legen Sie es an?

Meyer: Mich interessiert die Beziehung zwischen den Figuren. Sie ist spannend und wird in der Musik toll erzählt. Man muss da keine Spompanadeln machen, damit auf der Bühne viel los ist. Im Mantel ist auf der Bühne nicht viel Bewegung, keine Action, wie man heute so sagt. Das findet alles mit Blicken, mit Berührungen statt.

Standard: Das Stück hat im Gegensatz zu vielen anderen Tragödien kaum einen Anflug von Humor ...

Meyer: Na ja, es gibt ganz am Anfang eine Szene, in der Giorgetta den Arbeitern den Wein bringt, da kommt ein Drehorgelmann. Der Hering bittet Giorgetta zum Tanz - und steigt ihr auf die Füße. Da gibt es ganz kurz einen Anflug von Heiterkeit, was sich aber ab der Hälfte des Stückes rapide ändert. Da nimmt das Drama seinen nicht mehr zu stoppenden Lauf.

Standard: Nach der Pause kommt dann Gianni Schicchi. War dieses Stück aufwändiger zu proben?

Meyer: Gianni Schicchi ist das krasse Gegenteil vom Mantel - eine Komödie, in der es um Erbschleicher geht, die nach fünf Minuten merken, dass nichts für sie abfällt. Nachdem das Testament gefunden wird, passiert in den restlichen 40 Minuten der pure Wahnsinn. Bei den Proben haben wir mit Gianni Schicchi angefangen, weil das Stück von der Choreografie her viel komplizierter ist. Denn meist ist die ganze Familie geschlossen da, bevölkert ständig die Szene - da muss man natürlich auch choreografisch viel arbeiten.

Standard: Hat es eigentlich in den letzten Jahren Momente gegeben, wo Ihnen bei der Leitung des Hauses das Lachen vergangen ist?

Meyer: Ach Gott - es gibt immer wieder Dinge, wo man sagt: Um Gottes willen, wie löse ich das? Wo es in so einer riesigen Familie mit 550 Mitarbeitern mal da oder dort knatscht und wo man regulierend einspringen muss. Aber ich habe am Burgtheater als Ensemblevertretung und Ensemblesprecher auch schon manche Streitigkeiten überleben müssen. Ich bin heute, über dreieinhalb Jahre später, sehr glücklich, diesen Schritt getan zu haben. Ich lache noch immer, wie Sie ja bemerkt haben.

Standard: Die Neugestaltung der Orchesterdienste war ein struktureller Erfolg. Gab es da Reibungen?

Meyer: Diese Diskussionen haben schon vor meiner Zeit begonnen. Das ist ein jahrelanger Entwicklungsprozess gewesen, der schon in der vergangenen Spielzeit zu einem wirklich tollen Ergebnis gekommen ist. Das freut mich natürlich sehr. Dank dieses neuen Kollektivvertrags haben wir 35 Prozent weniger Substituten, das macht sehr viel aus, und wir haben wesentlich mehr Orchesterproben. Wir haben profitiert, aber das Orchester natürlich auch.

Standard: Es gibt natürlich zwei große Handicaps in dem Haus, die Sie kaum wegkriegen werden: Das eine sind die Wiener Linien, das andere ist die Akustik.

Meyer: Die Akustik ist das Problem des Hauses. Das hat sicher auch damit zu tun, dass es einst vor 112 Jahren als Schauspielhaus gebaut und ursprünglich gar nicht für ein großes Orchester eingerichtet wurde. Man darf nicht vergessen, dass da meistens 60 Leute im Orchestergraben sitzen. Wir haben schon alles Mögliche ausprobiert und kürzlich wieder einen Akustikspezialisten im Haus gehabt, der sagt: Entweder wir müssen die gesamte Decke des Zuschauerraums etwas erhöhen, was sich kein Mensch vorstellen kann und was natürlich auch nicht finanzierbar ist, oder man müsste die Logen zumachen. Aber wir sind nun mal ein Logentheater. Wir tüfteln also weiter ...

Standard: Sind Sie eigentlich mit der aktuellen Auslastung von 82 Prozent zufrieden?

Meyer: Ich habe bei meinem Antritt gesagt, ich möchte einen Achter davor haben. Das war ja vorher nicht so. Verglichen mit der vorhergehenden Direktion sind die Besucherzahlen in den ersten drei Jahren meiner Direktion um 11,08 Prozent gestiegen und die Einnahmen um 20,59 Prozent. Ich kann also sehr zufrieden sein.

Standard: Was kann man eigentlich für eine gute Auslastung tun?

Meyer: Die Stärke der Volksoper ist sicher die Vielfalt der Genres, mit Operette, Oper, Musical und Ballett ist für jeden etwas dabei. Besonders mit dem Musical und mit den Kinderopern sprechen wir junge Familien an, das ist enorm wichtig. Man kann Erfolge und Auslastung usw. nicht vorausplanen. Normalerweise würde man denken, dass eine Lustige Witwe geht wie die warmen Semmeln. Bei der letzten Witwe-Inszenierung war das aber leider nicht so. Im Mai bringen wir daher eine Neuproduktion in der Regie von Marco Arturo Marelli. Ich glaube, dass das eine wunderbare, schöne Witwe wird. Das Bühnenbild und die Kostüme sind traumhaft schön. Dann gibt es natürlich so etwas wie Kreneks Kehraus um St. Stephan, den wir ja gemeinsam mit den Bregenzer Festspielen gemacht haben und der ein so toller Erfolg wurde, dass wir ihn eine Spielzeit später noch einmal angesetzt haben. Aber damit rechnet vorher keiner.

Standard: Sie sagen immer, dass Sie als Deutscher die österreichische Politik nicht kommentieren. Wenn Sie jetzt ein Couplet singen würden, worum ginge es?

Meyer: Da gibt es genug Themen. Wenn man die Zeitung aufschlägt, gibt es die Finanzskandale, im Zuge derer sich die Leute nicht mehr erinnern, wofür sie ein Vermögen gekriegt haben und wo man sich einmal erkundigen muss, warum man 800.000 Euro überwiesen bekommt. Da fragt man sich schon! Ich würde sicher auch über die Justiz singen. Es laufen momentan so viele Leute herum, bei denen ich mich frage, warum andere für wesentlich geringere Taten eingesperrt werden. Das ist schon sehr erstaunlich. Worüber ich aber sicher nicht singen würde, ist die aktuelle Situation in Nordafrika. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2011)

 

  • "Ich bin glücklich, den Schritt in die Volksoper getan zu haben. Ich 
lache noch immer, wie Sie bemerkt haben": Robert Meyer, 57,  Schauspieler und seit 2007 Volksoperndirektor
    foto: standard / hendrich

    "Ich bin glücklich, den Schritt in die Volksoper getan zu haben. Ich lache noch immer, wie Sie bemerkt haben": Robert Meyer, 57,  Schauspieler und seit 2007 Volksoperndirektor

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