Ab Samstag zeigt Robert Meyer an der Volksoper "Il tabarro" und "Gianni Schicchi" von Puccini - der Schauspieler, Intendant und Regisseur im Interview
Daniel Ender befragte den Hausherrn zu Streit und Humor und entlockte ihm ein Statement zur aktuellen Lage der Republik
Standard: Sie inszenieren jetzt zum ersten Mal Oper. Gerade haben Sie
bei der Begrüßung schallend gelacht. Wann kann man sich von Ihnen als
bekanntem Erzkomödianten bei einem so düsteren Stück wie Il tabarro
erwarten?
Meyer: Auch ein Erzkomödiant kann einmal ernst sein. Der Mantel ist eine
tolle, düstere Verismo-Oper, eine Dreiecksbeziehung, die tödlich endet.
Man fragt sich, wie die Dinge so gekommen sind: Da gab es einmal ein
Kind in dieser Familie von Michele und Giorgetta, das, wie wir erfahren,
gestorben ist. Das ist noch kein Jahr her. Der Tod dieses Kindes hat die
Ehe vollkommen aus der Bahn geworfen. Wenn so etwas Schreckliches
passiert, dann kommt meist einer der Partner darüber überhaupt nicht
hinweg. In dem Fall ist es Michele, während sich Giorgetta einen neuen
Lover sucht. Das ist spannend erzählt und hat wahnsinnig viel mit
Strindberg zu tun. Es ist ja ungefähr dieselbe Zeit.
Standard: Wie legen Sie es an?
Meyer: Mich interessiert die Beziehung zwischen den Figuren. Sie ist
spannend und wird in der Musik toll erzählt. Man muss da keine
Spompanadeln machen, damit auf der Bühne viel los ist. Im Mantel ist auf
der Bühne nicht viel Bewegung, keine Action, wie man heute so sagt. Das
findet alles mit Blicken, mit Berührungen statt.
Standard: Das Stück hat im Gegensatz zu vielen anderen Tragödien kaum
einen Anflug von Humor ...
Meyer: Na ja, es gibt ganz am Anfang eine Szene, in der Giorgetta den
Arbeitern den Wein bringt, da kommt ein Drehorgelmann. Der Hering bittet
Giorgetta zum Tanz - und steigt ihr auf die Füße. Da gibt es ganz kurz
einen Anflug von Heiterkeit, was sich aber ab der Hälfte des Stückes
rapide ändert. Da nimmt das Drama seinen nicht mehr zu stoppenden Lauf.
Standard: Nach der Pause kommt dann Gianni Schicchi. War dieses Stück
aufwändiger zu proben?
Meyer: Gianni Schicchi ist das krasse Gegenteil vom Mantel - eine
Komödie, in der es um Erbschleicher geht, die nach fünf Minuten merken,
dass nichts für sie abfällt. Nachdem das Testament gefunden wird,
passiert in den restlichen 40 Minuten der pure Wahnsinn. Bei den Proben
haben wir mit Gianni Schicchi angefangen, weil das Stück von der
Choreografie her viel komplizierter ist. Denn meist ist die ganze
Familie geschlossen da, bevölkert ständig die Szene - da muss man
natürlich auch choreografisch viel arbeiten.
Standard: Hat es eigentlich in den letzten Jahren Momente gegeben, wo
Ihnen bei der Leitung des Hauses das Lachen vergangen ist?
Meyer: Ach Gott - es gibt immer wieder Dinge, wo man sagt: Um Gottes
willen, wie löse ich das? Wo es in so einer riesigen Familie mit 550
Mitarbeitern mal da oder dort knatscht und wo man regulierend
einspringen muss. Aber ich habe am Burgtheater als Ensemblevertretung
und Ensemblesprecher auch schon manche Streitigkeiten überleben müssen.
Ich bin heute, über dreieinhalb Jahre später, sehr glücklich, diesen
Schritt getan zu haben. Ich lache noch immer, wie Sie ja bemerkt haben.
Standard: Die Neugestaltung der Orchesterdienste war ein struktureller
Erfolg. Gab es da Reibungen?
Meyer: Diese Diskussionen haben schon vor meiner Zeit begonnen. Das ist
ein jahrelanger Entwicklungsprozess gewesen, der schon in der
vergangenen Spielzeit zu einem wirklich tollen Ergebnis gekommen ist.
Das freut mich natürlich sehr. Dank dieses neuen Kollektivvertrags haben
wir 35 Prozent weniger Substituten, das macht sehr viel aus, und wir
haben wesentlich mehr Orchesterproben. Wir haben profitiert, aber das
Orchester natürlich auch.
Standard: Es gibt natürlich zwei große Handicaps in dem Haus, die Sie
kaum wegkriegen werden: Das eine sind die Wiener Linien, das andere ist
die Akustik.
Meyer: Die Akustik ist das Problem des Hauses. Das hat sicher auch damit
zu tun, dass es einst vor 112 Jahren als Schauspielhaus gebaut und
ursprünglich gar nicht für ein großes Orchester eingerichtet wurde. Man
darf nicht vergessen, dass da meistens 60 Leute im Orchestergraben
sitzen. Wir haben schon alles Mögliche ausprobiert und kürzlich wieder
einen Akustikspezialisten im Haus gehabt, der sagt: Entweder wir müssen
die gesamte Decke des Zuschauerraums etwas erhöhen, was sich kein Mensch
vorstellen kann und was natürlich auch nicht finanzierbar ist, oder man
müsste die Logen zumachen. Aber wir sind nun mal ein Logentheater. Wir
tüfteln also weiter ...
Standard: Sind Sie eigentlich mit der aktuellen Auslastung von 82
Prozent zufrieden?
Meyer: Ich habe bei meinem Antritt gesagt, ich möchte einen Achter davor
haben. Das war ja vorher nicht so. Verglichen mit der vorhergehenden
Direktion sind die Besucherzahlen in den ersten drei Jahren meiner
Direktion um 11,08 Prozent gestiegen und die Einnahmen um 20,59
Prozent. Ich kann also sehr zufrieden sein.
Standard: Was kann man eigentlich für eine gute Auslastung tun?
Meyer: Die Stärke der Volksoper ist sicher die Vielfalt der Genres, mit
Operette, Oper, Musical und Ballett ist für jeden etwas dabei. Besonders
mit dem Musical und mit den Kinderopern sprechen wir junge Familien an,
das ist enorm wichtig. Man kann Erfolge und Auslastung usw. nicht
vorausplanen. Normalerweise würde man denken, dass eine Lustige Witwe
geht wie die warmen Semmeln. Bei der letzten Witwe-Inszenierung war das
aber leider nicht so. Im Mai bringen wir daher eine Neuproduktion in der
Regie von Marco Arturo Marelli. Ich glaube, dass das eine wunderbare,
schöne Witwe wird. Das Bühnenbild und die Kostüme sind traumhaft schön.
Dann gibt es natürlich so etwas wie Kreneks Kehraus um St. Stephan, den
wir ja gemeinsam mit den Bregenzer Festspielen gemacht haben und der ein
so toller Erfolg wurde, dass wir ihn eine Spielzeit später noch einmal
angesetzt haben. Aber damit rechnet vorher keiner.
Standard: Sie sagen immer, dass Sie als Deutscher die österreichische
Politik nicht kommentieren. Wenn Sie jetzt ein Couplet singen würden,
worum ginge es?
Meyer: Da gibt es genug Themen. Wenn man die Zeitung aufschlägt, gibt es
die Finanzskandale, im Zuge derer sich die Leute nicht mehr erinnern,
wofür sie ein Vermögen gekriegt haben und wo man sich einmal erkundigen
muss, warum man 800.000 Euro überwiesen bekommt. Da fragt man sich
schon! Ich würde sicher auch über die Justiz singen. Es laufen momentan
so viele Leute herum, bei denen ich mich frage, warum andere für
wesentlich geringere Taten eingesperrt werden. Das ist schon sehr
erstaunlich. Worüber ich aber sicher nicht singen würde, ist die
aktuelle Situation in Nordafrika. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2011)