Geflochtene Kronen auf Riesenleinwänden

24. Februar 2011, 17:15
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Viele Modemacher übertrugen ihre Kollektionen in den öffentlichen Raum. Als Gegenprogramm setzte Tom Ford auf private Modevorführungen

Die Londoner Modeszene im Hochzeitsfieber: Zwar ließen sich Kate Middleton und Prinz William auf keiner der Modeschauen blicken, die royale Hochzeit war trotzdem allgegenwärtig. Das löste ein erhöhtes Medieninteresse aus. Die Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, Anna Wintour, rückte sogar mit einem sechsköpfigen Team in der britischen Hauptstadt an. Vor einigen Saisonen war ihr die London Fashion Week nur eine Kurzvisite wert.

Normalerweise sind Modewochen Events für Einkäufer und Journalisten. In London wurde die Fashion Week diesmal aber als Massenspektakel inszeniert. Livestreamings von Modeschauen im Internet sind nicht ganz neu, eine geballte Ladung an Live-Übertragungen in der U-Bahn, im öffentlich zugänglichen Bereich des Somerset House und - im Fall der Burberry Show - sogar auf der riesigen Werbewand am Touristenmagneten Piccadilly Circus allerdings schon.

Swinging London der 60er

Schaulustige versammelten sich vor der Burberry-Prorsum-Schau nicht nur auf dem Piccadilly Circus, sondern auch direkt bei der Showlocation im Hyde Park. Christopher Baileys Kollektion für kommenden Herbst und Winter hatte passend dazu Massenappeal. Bailey zitierte das Swinging London der 60er ganz allgemein und das englische Supermodel Jean Shrimpton im Speziellen. Das sind zwar nicht die originellsten Inspirationen, gegen nostalgische Mäntel im 60er-Jahre-Stil hat aber sicher niemand etwas. Fürs Finale ließ Bailey es sogar noch schneien.

Auch Henry Holland ist kein Designer mit popkulturellen Berührungsängsten. Im Gegenteil: Zu seinem House-of-Holland-Label gehört eine Portion Spaß dazu. Sein Sexy-Oma-Chic aus Harris-Tweed war genauso hübsch anzusehen wie ironische Häkeldeckendrucke und Perlenstickereien - besonders für die Popstarlets und It-Girls, die seine erste Reihe zierten.

Westwoods Kronenhüte

Vivienne Westwood konnte, was Front-Row-Promis und Britishness betrifft, locker mithalten. Wie bei vielen anderen Schauen saß auch hier First Lady Samantha Cameron in der ersten Reihe. Dame Vivienne durfte ihre Red-Label-Kollektion in den neugotischen Hallen der Royal Courts of Justice zeigen, am Tag darauf wurde wieder im 7/7-Bombenprozess weiterverhandelt. Ein gespenstisches Ambiente, aber passend zu einer vom Portobello Market und Alice im Wunderland inspirierten Show, die mit regenbogenbuntem Make-up einen typischen Westwood-Anstrich bekam - und mittels Kronenhüten die royale Hochzeit gleich vorwegnahm. Auch eine zweite Hochzeit ist für die Modewelt übrigens nicht ganz unwichtig: Jene von Kate Moss und The-Kills-Gitarrist Jamie Hince im Sommer.

Clare Waight Keller hatte dagegen anderes im Sinn: Sie vergrub sich in die Archive von Pringle of Scotland und verwandelte Omas Vintage-Sammlung in erstaunlich moderne und doch handgestrickte Outfits. Topshop Unique setzte weniger auf Britisches, als auf 101 Dalmatiner, die Skyline von Manhattan und das Amerika der 30er. Das war witzig und dekadent zugleich, überraschte aber wenige. Topshop, der Sponsorengigant der London Fashion Week, plant nämlich eine Großexpansion in den USA.

In London zeigen auch zwei Designer mit österreichischen Wurzeln. Der Gräkoösterreicher Marios Schwab zeigte ein Best of aus Dominatrixelementen, Daunenjacken und Abendkleidern, die sich sicher gut verkaufen werden. Perlen zierten seine typischen, nahezu architektonisch geschneiderten Kleider. Revolutionen waren hingegen die Inspiration für den Tiroler Peter Pilotto, dessen Kollektion es am Markt zwar etwas schwerer haben wird, dafür aber umso aktueller anmutete. Seine visuelle Referenz war der russische Konstruktivismus.

Ann Sophie Back im Fokus

Mit einer starken Show ließ auch Ann Sofie Back aufhorchen. Reduzierte Designs und minimalistische Goldelemente wurden in bewusst kleinem Rahmen präsentiert. Entgegen dem allgemeinen Trend legen manche Designer offensichtlich großen Wert darauf, wer ihre Entwürfe wann sieht. Halbdunkle Laufstege und besonders hurtig dahinstöckelnde Models, die iPhones und Blackberrys Fokussierungsschwierigkeiten bereiten, deuten darauf hin.

Tom Ford ging noch einen Schritt weiter. Er ging vollkommen in Deckung. Nach einer exklusiven Minipräsentation in New York im letzten September, bei der nur ein Fotograf zugelassen war, setzte er in London auf geheime Meetings mit erlesenen Gästen, die sich vorab verpflichten mussten, über die Kollektion erst mal kein Wort zu verlieren. Ford begründet das damit, dass Mode, die ein halbes Jahr lang im Internet herumschwirrt, langweile - und das, bevor sie überhaupt in den Geschäften hänge. Ein interessantes Kontrastprogramm zur virtuellen Londoner Bilderflut. (Britta Burger aus London, DER STANDARD, Printausgabe, 25.02.2011)

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    Diese Krone von Vivienne Westwood schaut nach Handarbeit aus: Die Royals ließen sich bei ihrer Modeschau aber eh nicht blicken.

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    Aus der Kollektion von House of Holland.

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