"Furchteinflößend und extrem clever"

Das organisierte Verbrechen und der Sport

Tom Schaffer, 24. Februar 2011, 17:23

"Matchfixing" bedroht Integrität des Sports - WADA-Generaldirektor Howman fordert Gründung einer Agentur

Der Generaldirektor der Welt Anti-Doping-Agentur (WADA) David Howman rief am Mittwoch am Rande des EU Sport Forums in Budapest dazu auf, eine Weltorganisation gegen das organisierte Verbrechen im Sport zu gründen.

"Wenn das Engagement der kriminelle Unterwelt nicht gebremst wird, gefährdet es die Zukunft des modernen Sports", sagte Howman in einem Statement. "Dieselben Leute die in den Handel mit Steroiden verstrickt sind und Athleten zum Doping treiben sind in den illegalen Wettmarkt verstrickt". Es gehe dabei im Wesentlichen um „Geldwäsche, Erpressung und Korruption im Zusammenhang mit Sportmanipulationen."

Howman schlug vor die WADA und zwei neu zu schaffende, ähnliche Organisationen (eine für Wettregulierung und eine gegen Korruption) unter dem Dach einer Agentur zu vereinen, um neben dem Doping auch Sportbetrug in den Griff bekommen zu können. Sportverbände allein hätten nicht die Mittel, rechtlichen Möglichkeiten und Erfahrung um diese Dinge zu bekämpfen. Sie bräuchten die Unterstützung der legalen Wettindustrie und der Regierungen. Der Erfolg der WADA lege nahe, dass man das Rad gegen diese ähnlichen Probleme nicht neu erfinden müsse.

Klug und gefährlich

Declan Hill kennt die Drahtzieher des internationalen Wettbetrugs. Er hatte sie für die Recherchen für sein 2008 erschienenes Buch "The Fix: Soccer and Organized Crime" einst in einem schäbigen Hinterzimmer in Südostasien getroffen. "Furchteinflößend" aber auch "extrem clever" seien die Leute, die den Sport bis hin zu Spielen der Fußball-Weltmeisterschaft manipulieren, meinte der kanadische Journalist. Wer diese Drahtzieher sind, verrät er in seinem Buch nicht. Einerseits aus journalistischen Gründen, andererseits auch weil man bei solchen Recherchen "das eigene Leben in die Hand nimmt".

Die Hinterzimmer, in denen Hill über all dies sprach, waren Anfang dieser Woche alles andere als schäbig. Der Oxford-Professor stand vor einer kleinen Abordnung von Journalisten aus Europa in den luxuriösen Räumen des Fünf-Sterne-Hotels "Corinthia" in Budapest. Während in den großen Räumen nebenan Vertreter von Politik und Sport über die breit gefächerte Zukunft der EU-Sportpolitik sprachen, war im von Hill moderierten Journalistenseminar "Matchfixing" das heißeste Thema.

Das Problem betrifft zwar so gut wie alle Sportarten auf die man wetten kann, wurde aber immer wieder am Beispiel des Fußballs aufgehängt. Dabei sind im Prinzip keine Spiele davor gefeit, manipuliert zu werden. Während in großen, lukrativen Ligen die Gefahr aber geringer ist, weil die meisten Gehälter so gut sind, dass Bestechung wenig Sinn ergibt, könnten Aktive aus kleineren Ligen leicht anvisiert werden.

Bildung und Aufklärung

Darauf wies auch Matyas Esterhazy hin. Der 23-jährige Abkömmling der einstigen ungarischen Adelsfamilie spielt als Tormann in der zweiten Liga. "Spielmanipulationen sind heute ein riesiges Problem", meinte der siebenfache Nachwuchs-Nationalspieler und theoretische Graf. Spieler seiner Art seien meist sehr schlecht abgesichert, könnten sich keiner abgesicherten Zukunft sicher sein. Er selbst könne zwar niemals akzeptieren, aber nachvollziehen, dass Spieler von einem lukrativen Angebot gelockt werden. Esterhazy betonte den Wert von Bildungsmaßnahmen für Jungsportler und Absicherungen für verletzte Profisportler. Er selbst studiere nebenbei, und wer eine Perspektive habe, wenn die Sportkarriere ende, würde auch das Risiko des Betrugs eher meiden.

Simon Taylor (EU Athletes) ergänzte diese berufliche um eine ganz pragmatische Dimension der Aufklärung. Betroffene müssten auch wissen, an wen sie sich vertraulich wenden können, wenn sie von dubiosen Figuren kontaktiert werden. Betfair-Mitgründer Mark Davies möchte den Beteiligten auch die Konsequenzen klar machen: "Wenn der Sport jene aufklärt, die unter seine Rechtssprechung fallen, über die Regeln, die Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden und die möglichen Strafen dafür, würde die Versuchung merkbar reduziert, den Weg der Korruption zu gehen."

Declan Hill wies in der Debatte darauf hin, dass man damit aber auch Gefahr laufe, Täter dafür auszubilden, das System zu umgehen - zumindest solange eine zum Problem passende Exekutive fehle. Tatsächlich sei im Moment das Risiko, erwischt zu werden, objektiv betrachtet gering.

Untergrundproblem

Legale Wettanbieter schlagen bei Auffälligkeiten zwar Alarm, doch der große, illegale Wettmarkt kann kaum erfasst werden. Während ein Vertreter der Premier League in Budapest davon berichtete, dass man in England sogar bei Jugendspielen auf Probleme aufmerksam geworden sei, erfassen die weltweiten Monitor-Mechanismen aber im besten Fall einige hundert verdächtige Fälle jährlich.

Allein welch unterschiedliche Lösungsvorschläge es für diesen Problemaspekt gibt, zeigt seine ganze Komplexität. Vertreter der legalen Wettindustrie, wie Mark Davies , drängen auf eine Öffnung des Marktes für legale, überprüfbare Wettanbieter, um das illegale Angebot zurückzudrängen. Tjeerd Veenstra (Europäische Staatslotterien) wiederum bevorzugt eine strikte Regulierung des Wettmarktes. Beiden Vorschlägen scheint gemeinsam, dass sie nicht wirklich Antworten auf dubiose Wettvorgänge beispielsweise in Südostasien sind.

Aufwändige Ermittlungen und Bewusstseinsveränderung

Wenn die Systeme doch einmal greifen, sind die Ermittlungskosten ein weiterer Stolperstein. Einige große Sportverbände haben vielleicht die Ressourcen, aber nicht die Kompetenzen dazu. Die Polizei investiert etwa wegen Vorfällen rund um unterklassige Spielen nicht immer und überall gerne die vielen tausenden Arbeitsstunden in Ermittlungen, mutmaßte ein anwesender Journalist. Eine Antwort auf diese Zuständigkeit könnte die von David Howman angedachte Agentur für Integriät im weltweiten Sport ("WSIA") geben. Der WADA-Mann schlägt vor, sie über eine Regulierung der Wettmärkte und die in Ermittlungen sichergestellten Gelder zu finanzieren.

Bis es dazu kommt, hängt das Damoklesschwert des Betrugs über dem Sport. Den Rückgang des Zuseherinteresses in manchen Gegenden der Welt - etwa in China - führen manche bereits darauf zurück, dass das Manipulationsproblem dort überhand genommen hat. Es scheint als wäre diese Gefahr nun zumindest ins Bewusstsein der Verantwortlichen getreten.

Declan Hill schrieb vor kurzem: "Als ich 2005 auf einen Podium in Kopenhagen über die Gefahren von Korruption für den Sport sprach, was es ein sehr, sehr einsamer Kampf". Mittlerweile wurde er zumindest zum IOC nach Lausanne eingeladen, um im Geheimen einige Verantwortliche zu briefen. Er will sie von der Notwendigkeit einer Korruptions-WADA überzeugen. (Tom Schaffer aus Budapest, derStandard.at, 24.2.2011)

Links:

"Declan Hill: The Fix"(dt. Sichere Siege)

"Das EU Sport Forum - Die EU kämpft um ein Sportprogramm"

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 56
1 2
kyselak3
 
01
26.2.2011, 11:25
??????

"Wenn das Engagement der kriminelle Unterwelt nicht gebremst wird, gefährdet es die Zukunft des modernen Sports", sagte Howman in einem Statement. "Dieselben Leute die in den Handel mit Steroiden verstrickt sind und Athleten zum Doping treiben sind in den illegalen Wettmarkt verstrickt". Es gehe dabei im Wesentlichen um „Geldwäsche, Erpressung und Korruption im Zusammenhang mit Sportmanipulationen."

damit beschreibt er sehr treffend die zustände in den großen internationalen und nationalen sportverbänden.

1116er
00
26.2.2011, 12:07
sehr richtig.

die großen internationalen und nationalen sportverbände haben aber angst, dass das agieren ihrer "brüder im geiste" in schäbigen, südostasiatischen hinterzimmern ein schlechtes licht auf sie wirft.

wenn die wettmafia ihre treffen im konferenzraum des hilton oder an anderen einschlägigen orten, die auch von den großen internationalen und nationalen sportverbänden gebucht werden, machen würde,.....
wer weiß, vielleicht wären sie dann gar offizieller sponsor der fifa-wm???

pecunia non olet, bloss die hinterzimmer!

1116er
20
26.2.2011, 09:22
sehe ich es richtig,

dass die geschädigten die nicht der wett-mafia angehörigen wetter sind?

wenn ja:
lasst die mafia weitermachen.
idioten muss man nicht unbedingt schützen. (und gibt es größere idioten als jene, die auf sportergebnisse wetten?)

Frankenstein
 
01

Hm die Ignoranz und Arroganz so mancher Leute überrascht mich immer wieder!
Ich setze nunmal gern hin und wieder ein paar Euro auf einen Außenseiter, wenn ich einen Erfolg für möglich halte - beispielsweise zahlt es sich, leider, immer wieder mal aus bei Rapid-Auswärtsspielen in der Südstadt auf die Admira zu setzen, oder, egal bei welchem Spiel, auf eine +2 Niederlage vom LASK, oder dass das österr. Nationalteam nicht "zu Null" spielen wird... gibt viele Tipps die meiner Meinung nach für die sich bietende Gewinnchance ein relativ geringes Risiko mit sich bringen, solang keiner auf die Idee kommt zu manipulieren!

Tom Schaffer
00
26.2.2011, 11:52

geschädigt wird auch jeder andere sportler, jeder fan, das prinzip des sports und im extremfall geht eine ganze sportart unter - inklusive auswirkungen auf den breitensport.

Frankenstein
 
00

Warum muss ich grad an Giro und Tour de France denken...

kyselak3
 
10
26.2.2011, 11:55
"geschädigt wird auch jeder andere sportler, jeder fan, das prinzip des sports und im extremfall geht eine ganze sportart unter - inklusive auswirkungen auf den breitensport."

und was ist daran schlecht?

usual suspect
00
25.2.2011, 16:01

Während in großen, lukrativen Ligen die Gefahr aber geringer ist, weil die meisten Gehälter so gut sind, dass Bestechung wenig Sinn ergibt, könnten Aktive aus kleineren Ligen leicht anvisiert werden.

also auch österreich...

Tom Schaffer
00
25.2.2011, 16:14

Das Gehalt der Spieler in Österreich ist zu großen Teilen sicher kein Garant für Immunität gegen Korruption. Der Durchschnittsprofi in Österreich ist nicht arm aber auch nicht reich. Es gab ja durchaus auch bereits Hinweise und Gerüchte in der Vergangenheit.

morgause
00
25.2.2011, 18:13

naja, der letzte bericht darüber war doch mit akteuren aus debrecen? wer jemals in debrecen war - ich schon - weiss um die trostlosigkeit dieses ortes.

vergleicht man jetzt die gesamtsituation des österr. buli-spieler, also gehalt, umgebung, fortbildungsmöglichkeiten etc, mit jenem spieler in debrecen, kann man die unseren nur mehr schwer für gefährdet in bezug auf korruption halten, das sind dort ganz andere zustände.

aber klar, alles eine frage des standpunktes.

Tom Schaffer
01
25.2.2011, 18:58

vorweg: ich unterstell niemandem was. aber die sache ist schon: wenn du als bundesligaspieler 2-3 vielleicht auch 5000 euro im monat verdienst ist das gutes geld, aber irgendwann is die spielerkarriere vorbei und du hast nicht ausgesorgt damit - nicht jeder hat dann eine gute ausbildung und eine perspektive.

und wenn dann einer mal für ein blödes elferfoul in einem spiel - vielleicht in einem EL-qualifier? - mit einem jahresgehalt ode rmehr wachelt, bist du in diesen gehaltsdimensionen nicht gefeit. dazu brauchst du in dem moment gar kein schlechtes leben zu haben.

ich sag nicht, dass es so ist, nur dass das nicht auszuschließen ist.

dahofawors
00
25.2.2011, 14:55
Declan Hill kennt die Drahtzieher des internationalen Wettbetrugs.

ist das der sohn von "william hill"?
dieser wettanbieter aus england?
wär lustig.

ansonsten: wir leben in einer ökonomisierten welt. das ist gut so.

bis dann der kluge geist, der lenkt, die oberhand gewinnt, wirds wohl noch ein bißchen dauern.

ich meine die klugheit, die welt und die mitmenschen nicht auszubeuten, sondern zu geniessen.

Schüssel Biograf Walter Moers
00
25.2.2011, 14:18

Man könnte ja darauf Wetten abschließen, wer gedopt ist. (Oder eben nicht - wie im Radsport.)

daNinooo
00
25.2.2011, 18:18
unspannend

wetten machen nur sinn, wenn es in einer frage zumindest ZWEI potentielle möglichkeiten gibt...

Martin Herbst
00
25.2.2011, 14:55

als filmempfehlung über den zusammenhang zwischen kriminalität und sport: "the 2 escobars"

http://www.fussball-kultur.org/termine/t... obars.html

ehnie
00
28.2.2011, 11:39

Aus der Reihe "30 for 30"/ESPN... zu empfehlen!

Schüssel Biograf Walter Moers
00
25.2.2011, 16:07

Danke für den Tipp!

Walter KURTZ
 
00
25.2.2011, 13:47
Übrigens:

Momentan läuft am Subkontinent die ODI Cricket Weltmeisterschaft. Das ist auch jener Sport, der eines der größten Probleme mit match-fixing bzw spot-fixing hat. Die Wettumsätze sind dort (obwohl in Indien nicht überall legal) immens, das pakistanische Cricket etwa wurde durch einen ziemlichen spot fixing Skandal erschüttert (drei absolute Superstars lange gesperrt) und der Tod des Coaches von Pakistan während der letzten WM (nach einem riesigen Upset gegen Irland) soll ja gerüchteweise aufs Konto der Wettmafia gehen...

morgause
00
25.2.2011, 18:16

was genau bedeutet "spotfixing" oder "matchfixing"?

Walter KURTZ
 
00
25.2.2011, 19:42

Matchfixing bezeichnet die Manipulation eines Spielergebnisses (mMn viel schwieriger), Spotfixing betrifft Spielereignisse (erster Eckball, Einwurf oder so).

Bei Wikipedia nachzulesen:

http://en.wikipedia.org/wiki/Spot-fixing

bzw der angesprochene Fall im pakistanischen Cricket.

http://en.wikipedia.org/wiki/Paki... ontroversy

Und wie gesagt: die betroffenen Sportler sind nicht irgendwer, sondern Superstars des Sports...

morgause
00
25.2.2011, 19:51

danke!

Tom Schaffer
00
25.2.2011, 19:00

spielmanipulationen dürfte die treffendste übersetzung sein (ich glaub bei walters post fehlt nur ein r im spot ;))

Walter KURTZ
 
00
25.2.2011, 19:42

Nein, paßt schon so ;).

http://en.wikipedia.org/wiki/Spot-fixing

Man sollte diese Wetten wie "erster Einwurf", "erster Eckball", d.h. alle Wetten auf Ereignisse, die ein einzelner Spieler relativ einfach beeinflußen kann, verbieten. Sowas ist geradezu eine Einladung für Wettbetrug.

Tom Schaffer
00
25.2.2011, 23:34

ah, alles klar und danke.

ja man kann das verbieten, aber in wahrheit bringts nicht viel, weil die gefahr ja eben von unregulierten märkten ausgeht und dann halt die anderen dinge gefixt werden. das problem wird schon tiefer angegangen werden müssen.

Tom Schaffer
00
25.2.2011, 14:34

ja, cricket war in budapest auch thema. da dürfte es richtig rund gehen.

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