Ex-Sportler Totschnig und Botwinow müssen wegen falscher Zeugenaussage vor Gericht
Wien - Knalleffekt in der Doping-Affäre rund um den ehemaligen
ÖSV-Trainer Walter Mayer, der von 1999 bis 2006 führende Betreuer-Positionen in
Langlauf und Biathlon im Österreichischen Skiverband (ÖSV) innehatte. Die
Staatsanwaltschaft Wien hat gegen den 53-Jährigen und vier weitere Personen -
darunter einen Wiener Apotheker - einen 15-seitigen Strafantrag wegen
zahlreicher Verstöße gegen das Anti-Doping-Gesetz und das Arzneimittelgesetz
eingebracht. Vor Gericht gestellt werden zudem auch Ex-Radprofi Georg Toschnig
und der frühere Langläufer Michail Botwinow, denen die Anklagebehörde falsche
Zeugenaussage vorwirft.
Wie der Sprecher des Wiener Straflandesgerichts, Christian Gneist, am
Donnerstag bestätigte, ist das Verfahren gegen
die insgesamt sieben Verdächtigen unter dem Aktenzeichen 61 Hv 20/11y bereits
gerichtsanhängig. Offiziellen Prozesstermin gibt es noch keinen. Das Verfahren
wird Richterin Katharina Lewy leiten. Ein beteiligter Anwalt geht davon aus,
dass im kommenden Mai verhandelt wird. Mayer, der mit dem Apotheker und drei
weiteren Personen ein regelrechtes "Doping-Netzwerk" gebildet haben soll, drohen
bis zu drei Jahre Haft, da ihm unterstellt wird, sich mit seinem verbotenen Tun
eine fortlaufende Einnahmequelle verschafft zu haben.
Anabolika, Hormone und Stimulanzmittel
Mayer wird von der Anklagebehörde vorgeworfen, noch Monate nach dem im August
2008 in Kraft getretenen Anti-Doping-Gesetz teilweise höchst prominente Sportler
mit verbotenen Anabolika, Hormonen und Stimulanzmitteln versorgt zu haben. Dem
Strafantrag zufolge soll er zunächst über einen mitangeklagten Mittelsmann, der
zuvor bei ihm als Dachdecker beschäftigt war, von dem Wiener Apotheker
Wachstumshormone, Dynepo und sonstige verbotene Substanzen bezogen haben.
Von 2005 bis 2008 soll Mayer dann Spitzenvertreter des österreichischen
Langlauf- und Biathlonsports mit den illegalen Präparaten versorgt haben. Im
Strafantrag werden mehrere Abnehmer namentlich genannt, darunter der unter
Blutdoping-Verdacht geratene Langlauf-Olympiasieger Christian Hoffmann,
Langlauf-Ex-Vizeweltmeister Alois Stadlober, Ex-Biathlet Ludwig Gredler und die
nach der sogenannten Blutbeutel-Affäre bei den Olympischen Winterspielen 2006 in
Turin vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ausgeschlossenen Jürgen
Pinter, Roland Diethart (beide Langlauf) und Wolfgang Perner (Biathlon).
Sämtliche angeblichen Abnehmer werden zur Hauptverhandlung als Zeugen geladen
und dort unter Wahrheitspflicht aussagen müssen.
Erythropoetin
Weitere, "noch festzustellende Sportler", wie es im Strafantrag heißt, soll
Mayer vom Oktober 2008 bis Ende März 2009 "zum Zwecke des Dopings im großen
Stil" mit Erythropoetin (EPO) versorgt haben. Für eine junge Langläuferin soll
Mayer bis in den Februar 2009 hinein einen Trainings- und Dopingplan erstellt
und verfolgt haben - der Ehemann der Sportlerin befindet sich nun ebenfalls
unter den Angeklagten.
Besondere Brisanz erhält die Causa natürlich mit der überraschenden, für die
Öffentlichkeit nicht absehbaren Anklageerhebung gegen Totschnig und Botwinow.
Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, den beiden früheren Spitzensportlern
nachweisen zu können, bei einer förmlichen Einvernahme vor der "Soko Doping" die
Unwahrheit gesagt zu haben. Totschnig hatte am 14. September 2009 als Zeuge
unter Wahrheitspflicht erklärt, ihm habe Gerlinde Mayer (die Ehefrau von Walter
Mayer, Anm.) bei der Tour de France nie einen Blutbeutel übergeben. Einen Tag
später, am 15. September, gab Botwinow zu Protokoll, er sei nie in den
Räumlichkeiten der umstrittenen Wiener Firma "Humanplasma" gewesen und habe sich
dort niemals Blut abnehmen lassen. Bei beiden Aussagen handelt es sich zumindest nach Ansicht der Anklagebehörde
nicht um die Wahrheit.
Weder Tour-de-France-Etappensieger Totschnig noch Olympia-Medaillengewinner
Botwinow waren vorerst telefonisch zu erreichen. Der aus Russland stammende Botwinow soll sich mit seiner Familie
momentan in Moskau auf Urlaub befinden.
Mayer: "Lachhaft"
Als "lachhaft" bezeichnete Walter Mayer den wider ihn eingebrachten
Strafantrag. "Die Hund sind so deppert, das gibt's nicht. Ich möchte wissen, wer
die prominenten Sportler sind. Das Ganze passiert im Auftrag vom IOC. Das hat
der (IOC-Präsident Jacques, Anm.) Rogge in Absprache mit (Sportminister, Anm.
Norbert) Darabos vereinbart. Seit ich am 30. April 2009 aus dem Gefängnis
entlassen worden bin, habe ich nichts mehr gehört - kein Wort, keinen Ton, kein
Schreiben. Das ist jetzt wieder so eine typische Aktion, die nicht zufällig
ausgerechnet zum Zeitpunkt der Nordischen WM passiert", meinte er. Man wolle sich an ihm "abputzen". Und
weiter: "Aber ich sehe dem Ganzen mehr als gelassen entgegen. Im Endeffekt
machen sie sich lächerlich, wenn das nur halbwegs normal runtergeht."
Der aktuell in Oslo weilende
Alois Stadlober hat am Donnerstagabend im ORF-Kurzsport zu den
Vorwürfen gemeint, keine verbotenen Mittel bekommen zu haben. "Das
schließe ich dezidiert aus", erklärte der 48-Jährige.
(APA)