Wundersamer Werkstoff Carbonfaser

24. Februar 2011, 16:58
51 Postings

Die Umkehrung der Gewichtsspirale im Automobilbau ist mit Aluminium nicht gelungen. Also versuchen einige Hersteller einen Anlauf mit Kohlefaser

Viele fragen sich ja schon lange, in welcher Weise sich der italienische Luxussportwagenhersteller Lamborghini von seiner deutschen Mutter Audi technisch inspirieren lässt, oder andersrum: inwieweit das Know-how der Italiener aus Sant'Agata bei Bologna dazu beiträgt, deutschen Ingenieursgeist zu befeuern. Ab heute haben wir zumindest teilweise eine Antwort. Da superteure Supersportwagen in nicht sonderlich großen Stückzahlen hergestellt werden (Größenordnung Lamborghini: 2000 Stück pro Jahr), sind sie ein wunderbares Exerzierfeld für neue Technologien, hervorragend dazu geeignet, bisher unbetretenes Terrain zu erschließen. Ein weites Feld stellen dabei Kunststoffe als Konstruktionswerkstoff dar, insbesondere jene, die mit Kohlefaser verstärkt sind. BMW hat ja in dieser Richtung mit der Ankündigung seines Megacity-Vehicles mit CFK-Monocoque (Carbonfaserverstärkter Kunststoff) einen Marketing-Luftballon steigen lassen, der offenbar Audi als Leichtbau-Pionier dazu veranlasste, einen Zeppelin hinterherzuschicken.

Audi sagt jedenfalls, man hätte mit Lamborghini ein erstklassiges Umfeld, die Arbeit an der neuen extrem gewichtsparenden Technologie voranzutreiben. Wie ernst man es damit meint, ist daran zu erkennen, dass bereits eine 4000 m² große Fabrikshalle zur Fertigung von CFK-Monocoques für den zwölfzylindrigen Nachfolger des Topmodells Murciélago (Aventador) errichtet wurde.

Doch im Detail sehen wir dort, was Experten ohnehin immer wieder betonen: Der Weg zu einer echten Serienfertigung in Kohlefaser ist noch weit. Das Monocoque des Aventador besteht aus rund 20 Einzelteilen aus Kohlefaser-Verbundwerkstoffen, die in unterschiedlichen Produktionsprozessen hergestellt und miteinander verschmolzen und verklebt werden. Das bekannte Prepreg-Verfahren wird genauso angewandt wie die RTM-Technik.

Im ersten Fall werden kunstharzgetränkte Kohlefasermatten in Formen gebacken, bei der zweiten Methode, dem "Resin Transfer Molding", wird das Kunstharz erst eingespritzt, wenn die Fasermatten bereits in Form gebracht wurden. Dieses Verfahren hat Lamborghini auch mit eigenen Patenten unterfüttert.

Die Tatsache, dass die Fertigung eines Monocoques letztendlich 140 Sunden Arbeitszeit erfordert, lässt aber keine Gedanken an echte Serienfertigung aufkommen, auch wenn einzelne Komponenten theoretisch schon im Minutentakt produziert werden könnten. Eher Hoffnung für größere Serien lässt die Methode des schmiedeartigen Pressens von Klumpen aus Kohlefaser und Kunstharz aufkommen. Die steht aber noch ganz am Anfang der Entwicklung.

Was wir daraus lernen: Kohlefaser wird als Werkstoff im Automobilbau an Bedeutung zunehmen, weil extrem hohe Festigkeit bei geringem Gewicht eine unbestritten erstrebenswerte Eigenschaft ist. Die Fertigung einer ganzen Fahrgastzelle aus einem Kohlefaserwerkstoff ist zwar eine hohe Kunst, erscheint aber im Sinne eines echten Großserienfahrzeugs, von dem zumindest einige hundert Stück pro Tag gebaut werden wollen, aus heutiger Sicht nicht realisierbar. Eher schon werden einzelne CFK-Komponenten zusehends in den Serienautomobilbau einfließen - von oben nach unten, preislich gesehen.

Noch ein paar Worte zum Nachfolger des Murcielago, der in Kürze am Genfer Automobilsalon präsentiert werden wird: Er wird der erste konsequente Vertreter der 2007 von Lamborghini herausgegebenen These sein, die in der Prioritätenliste erstmals Handlichkeit vor Höchstgeschwindigkeit reiht. Mit 700 PS wird er wohl trotzdem schnell genug sein. (Rudolf Skarics/DER STANDARD/Automobil/25.02.2011)

 

  • Aventador heißt der neue Lamborghini-V12-Supersportwagen.
    foto: werk

    Aventador heißt der neue Lamborghini-V12-Supersportwagen.

  • Und ehe man 
das ganze Auto zeigt, wird Leichtbau-Kompetenz demonstriert: Monocoque 
aus Kohlefaser.
    foto: werk

    Und ehe man das ganze Auto zeigt, wird Leichtbau-Kompetenz demonstriert: Monocoque aus Kohlefaser.

  • Artikelbild
    foto: werk
Share if you care.