Ausharren zwischen Eisschollen

24. Februar 2011, 17:34

Lev Kulešovs meisterhafter Stummfilm-Western "Po zakonu / Nach dem Gesetz" - mit neuem Score

Der Western gilt unbestritten als das ureigenste US-amerikanische Genre - dies hat ihn jedoch nicht daran gehindert, auch in anderen Territorien Fuß zu fassen, gar in vermeintlich feindlichen hinter dem Eisernen Vorhang. Solche "Red Westerns" aus der DDR, Rumänien oder der Sowjetunion gab es unlängst auf dem Filmfestival Rotterdam zu sehen - ab 12. April wird die Reihe bei Crossing Europe in Linz wiederholt; schon jetzt ist einer der schillerndsten davon auf einer DVD der Edition Filmmuseum erschienen: Lev Kulešovs Po zakonu (Nach dem Gesetz), der 1926, in der Hochzeit der sowjetischen Filmavantgarde, entstanden ist.

Kulešov adaptierte eine Geschichte Jack Londons, The Unexpected, die vom Scheitern einer Geschäftsbeziehung unter Goldgräbern am Yukon-River erzählt und damit auch vom Erlöschen des Pioniergeistes in der Neuen Welt. Dennin, der Entdecker des Goldes, erschießt in einem Anfall von Gier zwei Kumpels, das verbliebene Ehepaar überwältigt ihn, tötet ihn aber nicht, sondern beschließt, "auf das Gesetz" zu warten. Nur so vermag es sich über die Barbarei zu stellen.

Po zakonu lotet diese Situation als minimalistisches Kammerspiel aus, das sich über einen ganzen Winter in der Wildnis erstreckt. Die Natur wird zur gleichgültig-bedrohlichen (und stets bestechend fotografierten) Kulisse für eine Grenzsituation, in der es um nichts weniger als die Zivilisation als Ganzes geht. Was taugt der Glaube an Gott, was ein Wert wie Gerechtigkeit, wenn um die kleine Holzhütte herum der Yukon gefriert? Kulešov, der sich hier nahe an Stroheims Greed bewegt, erweist sich als souveräner Arrangeur von Szenen, in denen Menschen am Ende ihrer Belastbarkeit um Fassung ringen. Ein Gefecht zwischen Manierismus und Naturalismus, zu dem der österreichische Musiker Franz Reisecker einen elektronischen Score komponiert hat, der diese Spannungen perfekt aufrechterhält. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2011)

 

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