Lev Kulešovs meisterhafter Stummfilm-Western "Po zakonu / Nach dem Gesetz" - mit neuem Score
Der Western gilt
unbestritten als das ureigenste US-amerikanische Genre - dies hat ihn
jedoch nicht daran gehindert, auch in anderen Territorien Fuß zu fassen,
gar in vermeintlich feindlichen hinter dem Eisernen Vorhang. Solche
"Red Westerns" aus der DDR, Rumänien oder der Sowjetunion gab es
unlängst auf dem Filmfestival Rotterdam zu sehen - ab 12. April wird die
Reihe bei Crossing Europe in Linz wiederholt; schon jetzt ist einer der
schillerndsten davon auf einer DVD der Edition Filmmuseum erschienen: Lev Kulešovs Po zakonu (Nach dem Gesetz), der 1926, in der Hochzeit der sowjetischen Filmavantgarde, entstanden ist.
Kulešov adaptierte eine Geschichte Jack Londons, The Unexpected,
die vom Scheitern einer Geschäftsbeziehung unter Goldgräbern am
Yukon-River erzählt und damit auch vom Erlöschen des Pioniergeistes in
der Neuen Welt. Dennin, der Entdecker des Goldes, erschießt in einem
Anfall von Gier zwei Kumpels, das verbliebene Ehepaar überwältigt ihn,
tötet ihn aber nicht, sondern beschließt, "auf das Gesetz" zu warten.
Nur so vermag es sich über die Barbarei zu stellen.
Po zakonu
lotet diese Situation als minimalistisches Kammerspiel aus, das sich
über einen ganzen Winter in der Wildnis erstreckt. Die Natur wird zur
gleichgültig-bedrohlichen (und stets bestechend fotografierten) Kulisse
für eine Grenzsituation, in der es um nichts weniger als die
Zivilisation als Ganzes geht. Was taugt der Glaube an Gott, was ein Wert
wie Gerechtigkeit, wenn um die kleine Holzhütte herum der Yukon
gefriert? Kulešov, der sich hier nahe an Stroheims Greed bewegt,
erweist sich als souveräner Arrangeur von Szenen, in denen Menschen am
Ende ihrer Belastbarkeit um Fassung ringen. Ein Gefecht zwischen
Manierismus und Naturalismus, zu dem der österreichische Musiker Franz
Reisecker einen elektronischen Score komponiert hat, der diese
Spannungen perfekt aufrechterhält. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2011)