Das Tremolo der Welt

24. Februar 2011, 17:24
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Sie lieben und sie hassen ihn. Conor Oberst und seine Band Bright Eyes veröffentlichen ihr siebtes Album "The People's Key"

In seinem Alterswerk sang die Country-Autorität Johnny Cash im Song Ride On den Satz "I got a little tremolo when I talk". Das beschrieb Cash als eine weitere Narbe in einem davon nicht armen Leben, die der gottesfürchtige Mann in Schwarz dem Lauf der Dinge zuschrieb. Für eine vibrierende Stimme muss man aber nicht alt oder siech sein. Oft resultiert dieses Sahnehäubchen jeder ausgestellten Emotion aus Ergriffenheit. Echt oder falsch – egal. Wenn's vibriert, schwappt das Bedeutungsfass über.

Am neuen Album der US-Band Bright Eyes, der der Indie-Poster-Boy Conor Oberst vorsteht, zittert dessen Stimme wieder an vielen Stellen. Man kann das als Manierismus abtun, seine Fans sehen darin – naturgemäß – den Ausdruck einer gequälten Seele. Denn wie der alte Cash ist der junge Oberst ein Schmerzensmann. Ein hochbegabter Leider, der früh in seinem Leben Erfahrungen mit Depressionen und Alkoholismus machte, dem Kunst deshalb immer Therapie war und ist. Das führte in seiner bisher sechs Alben mit den Bright Eyes umfassenden Karriere – alle Nebenprojekte einmal außer Acht gelassen – zu einer Nabelschaukunst im Gewand eines zeitgenössischen Country-Rock, in dem sich die mentalen Zustände des Hauptdarstellers klar abbildeten.

Aus Omaha in Nebraska stammend, wurde Oberst in den letzten zehn Jahren zu einem Liebling der Indie-Szene. Er steht politisch auf der richtigen Seite, wird mit den richtigen Vorbildern verglichen, widerspiegelt mit seiner Vielfältigkeit die Ansprüche des modernen Lebens, sieht gut aus, und dass er 1-a-sensibel ist, quillt hoffentlich schon deutlich zwischen diesen Zeilen hervor. Das alles macht ihn zum Prototyp einer Love-him-or-hate-him-Sicht, der er sich aber durch ästhetische Veränderungen entzieht.

Nun hat er nach vier Jahren Pause das siebte Album mit den Bright Eyes aufgenommen: The People's Key. Und das endet herrlich versöhnlich mit dem Titel One For You, One For Me. Ein Lied, das von Arcade Fire stammen könnte: Euphorisch und betrübt zugleich. Bis dahin erklärt Oberst wieder sich selbst und die Welt. Doch der Tonfall hat sich trotz da wie dort auftauchenden Tremolos dahingehend verändert, dass seine subtextschwangeren Texte nun nicht nur das eigene Wesen behandeln, sondern er seine Sujets von sich loslöst und in einen größeren Rahmen stellt. Das beginnt mit einer Erzählstimme, die das Album eröffnet und bis zum Schluss immer wieder auftaucht. Musikalisch ist alles anders wie immer. Country-Rock mit Folk, aber poppiger, eingängiger, ganz klar die Tanzplatte der Bright Eyes. Da wirken die Weltverbesserer-Kommentare der Erzählstimme noch seltsamer, es macht sie aber leichter erträglich. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2011)

Bright Eyes: "The People's Key" (Universal)

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    Schwere Denke, großer Hut. Conor Oberst von den Bright Eyes.

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