Schwermut leicht

24. Februar 2011, 17:18
1 Posting

Die britische Newcomerin Rumer verbindet auf ihrem Debütalbum "Seasons Of My Soul" schwere Inhalte mit der Leichtigkeit des Easy Listening

Gerade in Großbritannien besteht an vierteljährlich hochgejazzten Newcomerinnen aus dem gehobenen Pop-Tragödinnen-Fach, irgendwo im diffusen Koordinatensystem Folk, Chanson, Schlurfjazz und Bekenntnis-Soul, absolut kein Mangel. Das ist unter anderem wahrscheinlich auch der Tatsache geschuldet, dass sich im angloamerikanischen Raum die HörerInnen bis weit ins Erwachsenenalter hinein mit Pop beschäftigen. Und sehr wahrscheinlich hat es auch damit zu tun, dass sie diese reife Form der populistischen Tonsetzkunst auch tatsächlich legal zu erwerben bereit sind.

Insofern ist es kein Wunder, dass sich die traditionellen Nachwuchshoffnungslisten, die die BBC jeweils am Anfang eines neuen Jahres veröffentlicht, zu einem guten Teil aus vielversprechenden Künstlerinnen zusammensetzen, die sich weniger am quietschbunten Modernismus der Hitparaden denn am gediegenen Handwerk versuchen.

Sarah "Rumer" Joyce fügt sich mit ihrem späten Debütalbum Seasons Of My Soul stimmig in dieses nicht unwesentliche Marktsegment. Immerhin rekrutiert sich die Käuferschaft von Tonträgern im CD- und Vinylformat (und vermutlich auch im legalen Downloadbereich) laut Studien der britischen Musikwirtschaft schon lange aus Leuten, die die 40 überschritten haben. Solche Hörer wollen Qualität, aber keine Überraschungen.

Die mit ihren 31 Jahren noch nicht einmal so alte Songwriterin Rumer geht bezüglich derartig konservativer und meist in den 1980er-Jahren festgemachter Soundvorstellungen der Stammkundschaft von der handelsüblichen Schule einer Sadé Adu oder einer Tracy Thorn (Everything But The Girl) noch mindestens ein Jahrzehnt weiter zurück.

Die Lieder ihres Albums beziehen sich in ihrer klanglichen und kompositorischen Ästhetik auf klassisches Easy Listening im Sinne großer Altvorderer wie des meisterlichen Adult-Pop-Gründervaters Burt Bacharach und seiner Hauptstimme Dionne Warwick. Man hört in diesen präzise und handwerklich hochwertig ausgependelten Songs aber auch Reminiszenzen an antiken Formatradio-Pop wie Karen Carpenter oder - wenn es denn etwas tiefgründiger und schattseitiger werden soll - an Judee Sill und ihre Sichtung des lebensmüden und vielfach auch von harten Drogen befeuerten kalifornischen Softpop der frühen und mittleren 1970er-Jahre.

Ähnlich wie zuletzt US-Sänger und Elton-John-Verehrer John Grant auf Queen Of Denmark verbreitet Rumer in Songs wie Aretha, einer Hommage an Soul-Göttin Aretha Franklin, oder Take Me As I Am mit dunklem Timbre eine bedrohliche lyrische Atmosphäre.

Zur textlichen Aufarbeitung diverser Kindheitstraumata und einer schweren Jugend badet Rumer allerdings nicht in bedrückend-balladesker Niedergeschlagenheit. Mit eleganter Klavierbegleitung, Beserlschlagzeug und Kontrabass und einer nur manchmal ein wenig kratzenden Gitarre und Streichern konterkariert die Band diesen autobiografischen Exorzismus auf durchwegs menschenfreundliche Weise.

Eine Mogelpackung: Easy Listening mit schweren Inhalten. (Christian Schachinger/ DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2011)

 

  • Rumer - "Seasons Of My Soul" (Warner)
    foto: warner

    Rumer - "Seasons Of My Soul" (Warner)

Share if you care.