Facebook statt Mail

24. Februar 2011, 09:29
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Für viele ist E-Mail, die Mutter aller Online-Aktivität, zur Pein geworden: zu viel, und vor allem zu viel Irrelevantes. Und natürlich trotz Filters zu viel Spam

So schmerzvoll ist für manche bereits das Kapitel E-Mail, dass sie zu drastischen Maßnahmen greifen wollen. Zum Beispiel der französische IT-Dienstleister Atos Origin: Dessen Chef Thierry Breton will seine Mitarbeiter auf E-Mail-Entzug schicken, alle 78.500. Seine Statistik: Im Schnitt 200 Mails täglich, ein Fünftel Spam. "Manager verbringen fünf bis 20 Stunden pro Woche damit, sie zu lesen oder zu schreiben."

"Social Business Solution"

In den nächsten drei Jahren will ihnen der Chef darum das Mailschreiben abgewöhnen, statt dessen sollen Atos-Mitarbeiter über eine Art Facebook für Firmen miteinander kommunizieren. "Social Business Solution" nennt dies Atos.

Nun könnte man den Verdacht bekommen, dass Atos ein neues Geschäftsfeld entdeckt hat. Das ist nichts Unehrenhaftes: Große IT-Unternehmen sind eben auch große Unternehmen, und ihr eigenes Geschäftsfeld macht sie in gewisser Weise zu Organisationsentwicklungslabors; ihre Erfahrungen wandeln sie oft in Produkte, die andere nützen können.

Facebook statt Mail

Der Atos-Chef folgt damit einem Trend, der zeigt, dass immer mehr Leute (noch vor allem jüngere) sich über Facebook statt Mail verständigen. Wer den ganzen Tag auf dieser Plattform verbringt, für den ist es einfacher, eine private direkte Nachricht an einen anderen User zu schicken als ein separates Mailprogramm zu benutzen (noch dazu wenn man die Mailadresse der betreffenden Person nicht kennt).

Diese Integration vertieft sich mit der Integration von Facebook auf anderen Plattformen - zum Beispiel Windows-Handys. Facebook-Kontakte werden gleichwertig mit dem persönlichen Adressbuch behandelt, sie werden Teil des eigenen Adressbuchs. Logischer Schritt: Wer eine Nachricht schickt, kann Facebook als Kommunikationskanal wählen, gleichwertig mit einer Mail, einer SMS, einem Anruf.

Aber während Mail tatsächlich peinigen kann, sollte man ihre Möglichkeiten nicht geringschätzen: Eine effizient verwendete Mailbox kann ein ebenso guter "Status-Feed" sein wie Facebook-News. Viele direkte Facebook-Nachrichten landen per automatischer Weiterleitung in der Mailbox des Adressaten, um von dort aus wieder den Weg zurück anzutreten.

Spam

Zeitverschwendung mit Mail ist ein Zeichen des ineffizienten Umgangs, und der lässt sich verbessern. Um bei den Atos-Zahlen zu bleiben: Wenn von 200 Mails 40 Spam sind, dann dauert es weniger als drei Minuten, diese zu löschen. Wahrscheinlich geht in Büros mehr Zeit damit auf, die verbleibende "richtige" Post zu sortieren, zu öffnen und zu entsorgen. Und die Zahl der direkten Nachrichten in sozialen Netzen, auch professionellen, wird der E-Mail-Flut bald um nichts nachstehen.

Facebook-Messages anstelle von Mail werden zweifelsohne zunehmen, wahrscheinlich so lawinenartig wie Facebook-Gebrauch insgesamt. Effizienter wird unsere Kommunikation dadurch nicht - höchstens für einen kurzen Augenblick. (helmut.spudich@derStandard.at/ DER STANDARD Printausgabe, 24. Februar 2011)

 

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    Facebook-ähnliche Dienste statt Mail sollen Arbeitsalltag effizienter gestalten

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