Neuer Test für Ägyptens Generäle

23. Februar 2011, 20:11
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Viele der 1,5 Millionen ägyptischen Fremdarbeiter in Libyen wollen nach Hause

Mit einem Spalier aus Militärfahrzeugen hat die ägyptische Armee die libysche Botschaft in einem vornehmen Wohnquartier in Kairo umstellt. Es sind kaum Leute da, nur ein junger Libyer, der Gaddafis Theorie verteidigt, Araber aus verschiedenen Ländern seien für die Unruhen verantwortlich. Auf dem Gebäude weht keine Fahne. "Da ist gar keiner mehr", erklärt einer der Offiziere.

Nur zehn Tage, nachdem das ägyptische Militär die Führung des Landes übernommen hat, stehen die Generäle und die neue Regierung, die immer noch nicht komplett ist, vor einer weiteren Herkulesaufgabe. 1,5 Millionen Ägypter verdienen sich ihr Auskommen als Gastarbeiter im Nachbarland Libyen. Sie arbeiten vorwiegend in der Landwirtschaft und in der Industrie. Schon mussten die Militärs Kritik einstecken, sie hätten zu langsam reagiert.

Die Armee hat als Erstes die Präsenz an der Grenze verstärkt und in der Nähe der Grenzstation Salloum ein Feldspital eingerichtet, um Kranke und Verwundete zu behandeln. Der Übergang ist nun 24 Stunden offen und wird auch von anderen Nationen zur Evakuierung benützt. Zehntausende Ägypter wählen diesen Landweg, um mit Sack und Pack dem Reich Gaddafis zu entfliehen. Viele von ihnen haben die gewalttätigen Ausschreitungen erlebt, die wie die staatlichen libyschen Medien trommelten, von Tunesiern und Ägyptern angezettelt worden sein sollen. Es gab auch Todesopfer unter den Ägyptern. Wie viele, lässt sich allerdings noch nicht sagen.

In der Gegenrichtung nach Libyen sind Ärzteteams unterwegs, die unter anderem Blutkonserven in die überlasteten libyschen Spitäler in der Ostregion bringen, die jetzt weitgehend unter der Kontrolle der Demonstranten ist.

Die Regierung in Kairo hat auch versucht, mehrere Flugzeuge nach Sirte und Tripolis zu schicken. Aber die libyschen Behörden geben nur zögernd Landebewilligungen, und die Kapazitäten sind im Verhältnis zur großen Zahl der Betroffenen sehr beschränkt. In Bengasi ist zudem die Landebahn des Flughafens beschädigt. Deshalb hat Außenminister Ahmed Aboul Gheit seine Landsleute in Libyen aufgefordert, sich möglichst in den eigenen Häusern in Sicherheit zu bringen.

Verändert haben sich auch die politischen Beziehungen. Während der gestürzte Präsident Hosni Mubarak in den vergangenen Jahren einen engen Kontakt mit dem libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi pflegte, kann dieser von den neuen Machthabern keine Unterstützung erwarten. (Astrid Frefel aus Kairo, DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Auch tunesische Fremdarbeiter in Libyen flüchten vor den Kämpfen: hier eine Frau an der libysch-tunesischen Grenze in
    Ras Jdir.

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