Gaddafis Islam ist der Orthodoxie ein Dorn im Auge

23. Februar 2011, 20:02
211 Postings

Libyen ist ein islamischer Staat à la Gaddafi. Wenn er untergeht, werden viele Libyer auf die Renaissance des toleranten Islam des staatsgründenden Sanusiya-Ordens hoffen

Aber auch die Islamisten werden mitspielen.

***

Yusuf al-Qaradawi, der durch Al-Jazeera weltberühmte islamische Prediger, wandte sich gegen einen "Ketzer", als er zu Wochenbeginn unverblümt zur Tötung von Muammar al-Gaddafi aufrief. Gaddafi hat sich und Libyen zwar ein streng islamisches Image verpasst - aber seine eigenwillige Islamauffassung gilt als nicht orthodox, wenn nicht gar als Abfall vom Islam.

Bereits 1980 versuchte die "Liga der Islamischen Welt" den Oberst zu bekehren und gab die Broschüre "Die heilsame Widerlegung von al-Gaddafis Verleumdungen" heraus. Gaddafis Islam - der mit ihm untergehen wird - ist laut seiner eigenen Aussage in sein "Grünes Buch" eingeflossen: Der zweite und dritte Teil enthalte die Darstellung der Befehle Gottes, sagte er einmal. Gerade dieses 1975 erstmals erschienene "Grüne Buch", das eine Umgestaltung der Gesellschaft in eine Basisdemokratie vorsah, erzürnte jedoch die Traditionalisten - denn der Koran als Grundlage der Gesellschaft hatte ja mit Gaddafis elaboriertem System einer sozialistischen Volksjamahiriya ausgedient.

Gaddafi hatte den Islam bald nach der Revolution 1969 dazu herangezogen, die Umgestaltung der libyschen Gesellschaft (stellvertretend für die der ganzen Welt) zu beginnen. In den frühen 1970er-Jahren begann die Reislamisierung des italienisch beeinflussten Rechtssystems - ausdrücklich als Teil der "Volksrevolution". Körperstrafen für Raub, Ehebruch und Alkoholgenuss wurden eingeführt. In den 1970ern begann Gaddafis Abkehr von der Tradition. So verstieg er sich 1978 sogar einmal dazu, den Koran abweichend zu rezitieren. Und er ging massiv gegen die traditionelle sunnitische Lehre vor, indem er die Gleichwertigkeit von Koran und "Hadith" (Prophetenüberlieferungen) attackierte.

Auch der Islam des sufischen (mystischen) Sanusiya-Ordens, der die Dynastie stellte, die Gaddafi 1969 stürzte, stand im Konflikt mit den Traditionalisten. Einer der entscheidenden Unterschiede war etwa, dass die Sanusiya auf das Recht auf Interpretation (Ijtihad) pochte, im Gegensatz zur Übernahme alter Lehrmeinungen, wie sie sonst die Sunniten üben. Die ab Mitte des 19. Jahrhunderts gegründeten Niederlassungen des Ordens, vor allem in der Cyrenaika, waren während des Unabhängigkeitskampfs Libyens von Italien auch als militärische Stützpunkte entscheidend. Nach der Unabhängigkeit 1951 wurde das Sanusi-Oberhaupt Muhammad Idris König von Libyen.

Libyen war danach ein stark islamisch geprägtes Land, aber kein islamischer Staat - zu dem, oder zumindest zu einer Variante davon, machte es Gaddafi. Er seinerseits wird von islamistischen Gruppen bekämpft, wobei zumindest eine, die Libyan Islamic Fighting Group (LIFG), Al-Kaida-affiliiert ist. Islamisten waren stets die stärkste Gefahr für sein Regime; die 1990er-Jahre - in denen der radikale Islamismus in Algerien, aber auch in Ägypten blühte - waren in Libyen geprägt durch islamistische Gewalt und staatliche Gegengewalt. Islamisten werden auch nach seinem Abgang mitmischen, aber nicht wenige Libyer hoffen auf eine Wiederbelebung der Sanusiya. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2011)

  • Der Sanusi-König Idris I. vier Jahre vor dem Sturz durch Gaddafi im Jahr 1969.
    foto: wikimedia commons / al iza'a magazine, libyan broadcasting, libyan information ministry

    Der Sanusi-König Idris I. vier Jahre vor dem Sturz durch Gaddafi im Jahr 1969.

  • Auch Gaddafis bizarre Bekehrungsaktionen - im Bild bezahlte Hostessen in Rom, mit Koranexemplaren im Jahr 2009 - verärgerten sowohl traditionelle Muslime als auch Islamisten.
    foto: epa/massimo percossi epa/massimo percossi

    Auch Gaddafis bizarre Bekehrungsaktionen - im Bild bezahlte Hostessen in Rom, mit Koranexemplaren im Jahr 2009 - verärgerten sowohl traditionelle Muslime als auch Islamisten.

Share if you care.