Diplomaten machen gegen Sarkozy mobil

25. Februar 2011, 09:25
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Vernichtendes Urteil über Außenpolitik von Präsident Sarkozy: kurzsichtig, amateurhaft, impulsiv - und viel zu sehr auf die mediale Wirkung bedacht

Der Elysée-Palast reagierte mit Spott.

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"Die EU ist ohnmächtig, Afrika entgleitet uns, das Mittelmeer kehrt uns den Rücken, China hat uns gezähmt und Washington ignoriert uns" - so lautet das ernüchternde Resümee einer Gruppe von französischen Diplomaten. In einer von Le Monde veröffentlichten Analyse geißeln sie den Pariser "Zickzackkurs" gegenüber Tunesien, Ägypten und Libyen, stellen ihn aber in den Kontext der von Präsident Nicolas Sarkozy seit 2007 betriebenen Außenpolitik.

Die Gruppe, die sich nach ihrem ersten Treffen im Pariser Café Marly nennt, tritt anonym auf: Die Außenpolitik gehört in Frankreich zur Domäne des Präsidenten und deklarierte Abweichler müssen den Dienst quittieren.

Umso schärfer und präziser fällt die Expertenkritik auf. Amateurhaft sei Sarkozy etwa beim Klimagipfel in Kopenhagen vorgegangen - was zu einem völligen Misserfolg der EU geführt habe. Impulsiv und gegen den Rat des Quai d'Orsay, des Außenministeriums, habe er die Mittelmeerunion lanciert, die bereits im Sterben liege. Mit seinem jüngsten Mediencoup für eine in Mexiko wegen Kidnapping inhaftierte Französin habe er einmal mehr einen Fall vermasselt, der Diskretion erfordert hätte. Nun ende alles im Streit mit Mexiko, ohne dass der Französin geholfen sei.

"Unsere Politik steht im Zeichen der Improvisation und aufeinander folgender Impulse", halten die Diplomaten in ihrem offenen Schreiben fest. "Da kann man sich über die Misserfolge nicht wundern." Vor allem der französische Kurs im Nahen und Mittleren Osten sei "unlesbar" - einmal auf Israel ausgerichtet, dann wieder auf Syrien. Mit der Annäherung an den syrischen Präsidenten Assad habe Sarkozy die libanesische Frage lösen wollen - erreicht habe er das genaue Gegenteil.

Der Politologe Bernard Guetta ergänzte auf dem Sender France-Inter, Sarkozy habe die seit dem Weltkrieg fein tarierte Politik zwischen den Blöcken in kurzer Zeit ausgehebelt. Mit dem Nato-Vollbeitritt habe er die USA hofiert, ohne eine Gegenkonzession zu erhalten. Die von Gaulle erfundene "politique arabe" bestehe nur noch aus der anachronistischen Anbiederung an Despoten.

Für verwirrend halten die Diplomaten den Elysée-Kurs im frankofonen Afrika. In der Côte d'Ivoire drängt Paris heute auf die Einhaltung demokratischer Prinzipien, um seine Wirtschaftsinteressen (Kakao) zu schützen; in Gabun stützt Paris hingegen aus den gleichen Überlegungen (Erdöl) die herrschende Bongo-Familie trotz manipulierter Wahlresultate.

Einer der zwei außenpolitischen Berater Sarkozys, Henri Guaino, rückte das Schreiben der, wie er spottete, "Anonymen Botschafter" am Mittwoch in den Bereich der Wahlpolitik. Inhaltlich ging er gar nicht erst darauf ein.

Das vergrößere nur die Malaise über den Schlingerkurs der französischen Diplomatie, schrieb L'Humanité. Das ehemals kommunistische Blatt klagte in Anspielung auf Jean-Paul Sartre, Sarkozy betreibe in Nordafrika eine Politik der "schmutzigen Hände". (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2011)

  • Sarkozy (re.) steht außenpolitisch im Regen, findenDiplomaten - wie hier mit Merkel und Polens Präsident Komorowski.
    foto: epa/radek pietruszka poland out

    Sarkozy (re.) steht außenpolitisch im Regen, finden
    Diplomaten - wie hier mit Merkel und Polens Präsident Komorowski.

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