Gaddafi hat verloren

23. Februar 2011, 21:12
61 Postings

Noch hat der libysche Noch-Staatschef genug Mittel, um Terror zu verbreiten

Das Regime von Muammar al-Gaddafi hat die Kontrolle über Libyen verloren, und kein Zweifel, sein Ende naht. Was Gaddafi jedoch kontrolliert, genügt noch immer, um den Kampf lang und blutig zu machen. Wenn nicht der - nicht unwahrscheinliche - Fall eintritt, dass sich auch die Seinen gegen ihn richten.

Aber noch schien sich zur Wochenmitte die jahrelange Paranoia-Politik Gaddafis - zynisch ausgedrückt - zu rentieren, die wichtigsten Sicherheitsposten nur mit eigenen Leuten zu besetzen: seiner Familie, des Clans, des Qadadfa-Stammes, den er mit seinem Aufstieg aus der Bedeutungslosigkeit geholt hat. Sie sind der engste Kreis um ihn herum. Der äußere wird von den notorischen Spezialtruppen gezogen, die alle Herrscher haben, die der normalen Armee nicht trauen.

Und auf den Straßen agieren die Söldner, nach Berichten oft schwarzafrikanische - wobei immer dazugesagt werden muss, dass keine Information als gesichert gelten darf -, die keinerlei Skrupel haben sollen, Demonstranten und alles, was sie dazu erklären, niederzumetzeln. Angst und Schrecken zu verbreiten ist Teil ihrer Strategie, da geht es nicht nur um die militärische Niederschlagung eines Aufstands. Sie werden dafür bezahlt. Und das Geld wird Gaddafi nicht so schnell ausgehen.

Das ist das schlimmste Szenario: dass der libysche Machthaber, an dessen eingeschränkter Zurechnungsfähigkeit seine TV-Auftritte keine Zweifel ließen, wie angekündigt ausharrt - und erst in einer Blutorgie untergeht. Man kann nicht umhin, an Gaddafis vergangene Massenvernichtungswaffenprogramme - allen voran das weit fortgeschrittene chemische - zu denken. Hoffentlich ist die Abrüstung so komplett wie von der US-Regierung George W. Bushs damals bejubelt, und hoffentlich haben jene, die bis zum letzten Moment loyal bleiben, keinen Zugriff, falls es doch Reste gibt.

Während im Westen des Landes, besonders in Tripolis und Umgebung, die Menschen um ihr Leben bangen, ist der Osten Libyens offenbar schon völlig befreit. Wieder einmal ging die Bewegung geografisch von der Cyrenaika aus, der östlichen Region mit der Küstenstadt Bengasi, wo der libysche Volksheld Omar al-Mukhtar in den 1920ern seinen Kampf gegen die Italiener führte. Nachdem Gaddafi in den Jahrzehnten nach seiner Machtergreifung seine Patronagezentren immer mehr im Westen konzentriert hatte, wurde die Frustration im Osten ständig größer. Aber nicht nur Stämme von dort haben sich gegen ihn gewandt. Gaddafi hat Libyen verloren.

Wenn Gaddafis Sohn Saif al-Islam - von dem der Lack des aufgeklärten Humanismus, den seine Freunde hierzulande so gerne bei ihm sahen, längst ab ist - vor einem "Bürgerkrieg" warnt, dann ist das eher eine Drohung damit, dass Regimereste bis zum letzten Moment Terror stiften wollen. Dazu gehört natürlich auch die Verschwörungstheorie, dass der Westen den Aufstand in Libyen angezettelt habe, um das Land zu zerschlagen und sich das Öl unter den Nagel zu reißen.

Dass diese Behauptung imperialistischer und rassistischer ist als alles, was dem Westen einfallen könnte - etwa die "Besetzung Libyens durch die Nato" , vor der Fidel Castro warnt -, darauf kommen die Verschwörungstheoretiker nicht: Sie negieren, dass die Libyer und Libyerinnen das Recht und den eigenen Willen haben, ihre Würde durch die Beseitigung eines unwürdigen Regimes wiederzuerlangen. (Gudrun Harrer, DER STANDARD Printausgabe, 24.2.2011)

 

Share if you care.