Raus aus dem Öl

23. Februar 2011, 18:07
117 Postings

Menschen, die sich gegen Gaddafi stellen, werden verhaftet und gefoltert - Wenn schon, hätte man viel früher "Raus aus Libyen!" rufen müssen

Die Politiker überschlagen sich derzeit mit der Forderung, die Mineralölkonzerne inklusive OMV sollten gefälligst ihre Sachen packen und dem Schurkenstaat Libyen den Rücken kehren. Wer dort Geschäfte mache, öle das System und mache sich mitschuldig an Gräueltaten. Mit Verlaub, das ist Populismus. Wo waren all jene, die jetzt ihre Stimme erheben, all die Jahre davor? Menschen, die sich gegen Gaddafi stellen, werden verhaftet und gefoltert, seit der Despot an der Macht ist. Viele Inhaftierte haben das Gefängnis nicht mehr lebend verlassen. Das war bekannt. Wenn schon, hätte man viel früher "Raus aus Libyen!" rufen müssen.

Konsequenterweise müsste man auch "Raus aus Algerien!" rufen, "Raus aus Angola!" , "Raus aus Nigeria!" - allesamt Länder, in denen es um die Menschenrechte nicht zum Besten bestellt ist. Und was ist mit Venezuela? Der Mann an der Spitze dieses Opec-Landes, Hugo Chávez, pflegt auch einen etwas eigenen Stil, gelinde gesagt. Und was ist mit Saudi-Arabien, dem größten Ölexportland? Freiheit wird dort auch anders buchstabiert als bei uns. Und Russland, Kasachstan?

Wenn man sich aus all diesen Ländern zurückziehen will, kann man gleich "Raus aus dem Öl!" rufen. Das würde tatsächlich sinnvoll sein. Ein hoher Preis, der bei jedem Tankstopp schmerzt, kann eher eine Bewusstseinsänderung auslösen als Forderungen, deren Konsequenzen man wohl nicht bis zum Ende bedacht hat. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2011)

Share if you care.