Wenn Lehrer über Bildung reden: "Wir müssen zusammenhalten"

24. Februar 2011, 11:39
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Lehrer trifft auf Gewerkschafter trifft auf Lehrer: In Niederösterreich wurde darüber diskutiert, wer die wahren Experten im System sind: Richtig, die Lehrer

"O Heimat dich zu lieben, getreu in Glück und Not". Die rund hundert anwesenden Lehrer erheben sich von ihren Sesseln und stimmen an, die niederösterreichische Landeshymne zu singen. Der Duft von Krapfen und Kaffee liegt in der Luft. Nein, es wird nicht der Geburtstag vom Chef der Gewerkschaft öffentlichen Dienstes, Fritz Neugebauer, gefeiert. Es ist der Landestag der AHS-Lehrergewerkschaft Niederösterreich, der an diesem Tag in einem Gymnasium in Baden bei Wien stattfindet. 

Die Lehrergewerkschafter gelten als "Betonierer" und "Blockierer", die in Sachen Schulreform auf die Bremse treten. Von Zwettl bis Bruck an der Leitha, aus allen Teilen Niederösterreichs, sind sie angereist, um ihre Position klar zu machen. 

Boss Neugebauer ist wegen eines Auslandsaufenthaltes verhindert, lässt aber schöne Grüße ausrichten. Mit Landesrat Johann Heuras (ÖVP) ist ein Vertreter der Niederösterreichischen Landesregierung anwesend und als "niederösterreichisches Export-Produkt" wird der neu gewählte bundesweite AHS-Lehrergewerkschaftschef Eckhard Quin stolz begrüßt. 

"Wir wissen, wie der Unterricht zu machen ist"

"Die Gewerkschaft, warum brauchen wir die?", fragt Landesschulinspektor Rainer Ristl, der erste Redner an diesem Vormittag, in die Runde. "Wir haben doch Bildungsexperten, die die Ministerinnen um sich scharen und die über die Medien ausrichten lassen, wie das Bildungssystem wirklich funktioniert." Dabei seien es die Lehrer, "die das Bildungssystem am besten kennen", stellt er klar. "Wir stehen täglich im Klassenzimmer und wissen, wie der Unterricht zu machen ist."

Das Bildungssystem könne sich nur langsam weiterentwickeln, sagt Ristl. Es seien Reformen notwendig, aber dafür sei auch Geld in die Hand zu nehmen. Man müsse die Sprachförderung forcieren. Die Kinder müssten die Basics lernen, auf denen die Lehrer in den Gymnasien dann aufbauen können. "Man braucht Sozialarbeiter, Schulpsychologen, um die Defizite in der Gesellschaft in den Griff zu kriegen", fordert der Landesschulinspektor, stellt dann aber resigniert fest: "Dieses Unterstützungsnetz fehlt uns leider."

AHS als "Schule der Zukunft"

Ristl tritt für ein differenziertes Schulsystem ein. "Wir können nicht den Weg gehen, alles in einen Topf zu werfen." Bildung sei wichtig in einem Land ohne Rohstoffe, findet er. Die AHS solle weiterhin die "Schule der Zukunft bleiben".

In dieselbe Kerbe schlägt auch Bildungslandesrat Heuras, der seit zwei Jahren für die Bildungsagenden in Niederösterreich zuständig ist. "Ich weiß wovon ich rede", lässt er die Anwesenden wissen, hat er doch selbst Mathematik, Geschichte und Physik unterrichtet. Er zieht ein trübes Resümee über die Initiativen von Seiten der Ministerien: "Was man in den letzten zwei Jahren kaputt gemacht hat, ist nicht so schnell zu reparieren." Er nimmt die Pädagogen an den Schulen in Schutz: "Wie über Lehrer in der Öffentlichkeit geredet wird, ist erschreckend." Genauso erschreckend sei es, wie die Bildungsdiskussion geführt werde.

"Sparen bei der Bildung ist doppelt falsch", findet Heuras. "Damit ruiniert man zuerst das Humankapital und dann das Finanzkapital."

Kein Matura-Zeugnis in der Kinderwiege

Der Bildungslandesrat präsentiert seine bildungspolitischen Leitsätze. Erstens: Im Mittelpunkt steht das Kind. Zweitens: Das Wort Leistung muss erlaubt sein. Und drittens: Es sind nicht alle gleich. Es sei eine Illusion zu glauben, dass alle in der Wiege das Matura-Zeugnis mit bekommen können. "Das spielt es nicht. Wir können nicht jedem die gleiche Chance geben, sondern mehr - wir können jedem seine Chance geben."

"Ich bekenne mich zu einer starken Differenzierung des Systems", hält Heuras fest. Man müsse aber die Weichenstellungen besser vornehmen. Oftmals würden sich die falschen Schüler in den falschen Schulen wiederfinden.

Kein "Bazillus" im Schulsystem

Kritisch äußert sich Heuras zum PISA-Test. "Alles wird schlecht gemacht", sagt er. PISA sei durch nichts belegbar, werde nicht überprüft. Seiner Ansicht nach ist das "nicht seriös": "Man verwendet das nur, um das System vollkommen zu verändern."

Dabei sei das Schulsystem "gesund", wie er sagt. Das solle durch einen "Bazillus" aus dem Ministerium auch nicht verändert werden. "Wir wollen in Niederösterreich ein leistungsorientiertes, differenziertes Schulsystem. Wir bekennen uns zur Langform der AHS, aber auch die Hauptschulen müssen weiterentwickelt werden", fordert er.

"Müssen zusammenhalten"

"Es gibt einen Punkt, um den uns das Ministerium beneidet - den Kontakt zu den Lehrern", schwört Eckhard Quin seine KollegInnen ein. "Das, was wir euch senden, gebt ihr weiter. Wenn es um was geht, müssen wir zusammenhalten."

Wenig positive Worte findet er über die Ministerinnen Beatrix Karl (ÖVP) und Claudia Schmied (SPÖ). Er kritisiert beide für den Vorstoß in Sachen Mittlerer Reife: "Hier gibt es noch nicht wirklich ein detailliertes Konzept", stellt er fest. Zumindest gebe es die Ankündigung, die Mittlere Reife erst 2020 einzuführen. Und da würden schon andere politische Entscheidungsträger am Minioritenplatz sitzen. "Darauf freu ich mich schon", sagt Quin und beendet mit diesen Worten sein "Heimspiel", wie er selbst sagt, in der niederösterreichischen Stadt Baden. 

Noch ist der Tag für die Lehrer-Gewerkschafter aber nicht vorbei. Weiter geht es zum Mittagessen in die HBLA, wo "Köstlichkeiten" warten. Am Nachmittag wird dann über einzelne Anträge abgestimmt. Die Lehrer und die Gewerkschafter werden noch viel zu besprechen haben. Und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sie sich treffen und über die Minister am Minoritenplatz ärgern. Wer immer gerade dort das Ruder in der Hand haben wird. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 24.2.2011)

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    Lehrervertreter: "Wir stehen täglich im Klassenzimmer und wissen, wie der Unterricht zu machen ist."

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