Bilder von verbrannten Kinderaugen

23. Februar 2011, 17:32
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Kriszta Bódis' "Artista": Verstörendes Schicksal eines Mädchens am Rande der Gesellschaft

Wien - Ein 14-jähriges Mädchen klettert auf einen Hochspannungsmast und stürzt in die Starkstromleitungen. Doch ein schneller, gnädiger Tod bleibt ihr versagt: Fünf Tage lang stirbt das Kind im Wasserbett. Blind, die Augen zu schwarzen Höhlen verbrannt, bis zum Hals in Bandagen gewickelt, die Arme auf Stumpfgröße amputiert, leidet das Mädchen Höllenqualen - und fleht in diesem fünftägigen Martyrium nach ihrer Mutter. Der Tod kommt für Pickler, so heißt die tragische Heldin, geradezu als Erlösung.

Ein Horrorszenario. Doch der Tod der Heldin des ersten ins Deutsche übersetzten Romans der 43-jährigen ungarischen Autorin und Dokumentarfilmerin Kriszta Bódis ist lediglich einer von vielen grausamen Höhepunkten von Artista. Wie die Spitze eines Eisberges ragt die Beschreibung des Todeskampfes über die Oberfläche. Darunter verbirgt sich ein massiver Grundstock an Grauen und Entsetzen. Diese Bilder wird man so rasch nicht mehr los.

Das ist durchaus als ernst gemeinte Warnung vor Artista zu verstehen. Sicher: Der Verlag betont stets, dass Bódis' Erzählung reine Fiktion ist. Doch rasch ist klar: Dieser Roman über die Versuche eines Mädchens, nicht nur aus einem Kinderheim, sondern auch aus einer Welt voll von sexueller wie physischer Gewalt, Erniedrigung und Hoffnungslosigkeit zu entfliehen, ist nicht erfunden. All das, was beschreiben wird, gibt es. In unterschiedlichen Spielarten - und nicht nur in Ungarn.

Fluchtversuche

Artista erzählt aber auch vom Versuch der jungen Psychologin Judit, einem Tod, der niemanden wirklich zu tangieren scheint, eine Geschichte zu geben: Ihr erscheint die offizielle Erklärung, der Tod der ständigen Ausreißerin Picker sei nur ein tragischer Unfall gewesen, zu lapidar. Sie beginnt nachzuforschen - und interviewt all jene Menschen, mit denen Picker lebte. Vor denen sie immer wieder zu flüchten versuchte - und zu denen sie dennoch immer wieder zurückkam. Freiwillig wie unfreiwillig: Wohin kann ein Kind, das niemand will, schon dauerhaft fliehen?

Judit/Bódis lässt dabei die Menschen - Mitzöglinge, Pfleger, Eltern, scheinbar Außenstehende - unkommentiert ihren Blick auf Picker und auf die Umstände ihres Todes darlegen. Das Resultat ist kommentierender, als es jede gedrechselte Anklage sein könnte: Je heftiger da jede Mitschuld am Tod des Mädchens in Abrede gestellt wird, umso deutlicher nimmt ein Netzwerk aus Desinteresse, Ignoranz und Unmenschlichkeit Gestalt an.

Dass Bódis viele Charaktere als Klischees (der obdachlose Vater, die aus Überforderung apathische Mutter, der brutale Stiefvater, der scheinheilige Erzieher) positioniert, lässt die Erzählung nur umso authentischer wirken: All diese Menschen gibt es. Die von Eltern auf Kinder übertragene Perspektivelosigkeit, in der Hoffnungs- und Lieblosigkeit in Hass auf alles münden, was anders (oder anderswoher) ist, scheint da noch das geringste Übel.

Picker lebt in jener Welt, wo Wurschtigkeit, ja, Verachtung gegenüber allem herrscht, was menschlich oder zivilisiert ist. Wo der Stärkere sich gnadenlos holt, was er will. Wo das Sich-Fügen ins scheinbar geringere Übel (etwa dem einen "Sugardaddy", um nicht Freiwild für alle Männer zu sein) schon für Kinder die einzige praktikable Überlebensstrategie scheint. Und zwar in einem Umfeld, in dem just jene, die eigentlich die Schwachen und Hilflosen schützen sollten, sich nach außen hin als kultur- und bildungsbeflissene Feingeister gerieren - tatsächlich aber die zynischsten und grausamsten Peiniger von allen sind.

Artista wird die 14-jährige Picker genannt, weil sie es trotz allem immer wieder schafft, auszubrechen. Physisch, weil sie noch die steilste und glatteste Wand hochklettern kann. Psychisch, weil sie sich nicht aufgibt - und fast in Reichweite eines Happy Ends gelangt, als sie bei einer Roma-Familie kurz und das erste Mal im Leben so etwas wie Geborgenheit findet. Zu kurz.

Engagement für Roma

Dass Bódis just die Minderheit der Roma positiv wegkommen lässt, darf getrost als bewusst gesetztes Statement gewertet werden: Die 1967 geborene Filmemacherin aus Budapest engagiert sich aktiv - und nicht bloß künstlerisch - für die ungarischen Roma und scheut sich auch sonst nicht, in Arbeit und Worten klar Position zu beziehen. Und obwohl - vielleicht auch weil - sie nicht müde wird, autoritäre und rassistische Züge in ihrem Heimatland als das zu benennen, was sie sind, findet ihr Werk Anklang: Bei seinem Erscheinen in Ungarn, im Jahr 2006, stürmte Artista - Bódis zweiter Roman - die ungarischen Bestsellerlisten.

Und in Wirklichkeit ist dieser Roman ein Film ist. Denn Kriszta Bódis beherrscht das Handwerk der Filmemacherin sehr gut: Sie schreibt dem Publikum Bilder in den Kopf. Diese Bilder wird man nicht leicht los. Das ist gut. Und fürchterlich. (Thomas Rottenberg/ DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2011)

 

Kriszta Bódis: "Artista", 272 S., Voland und Quist Verlag, € 19,90

Das Interview mit Kriszta Bódis ist am 1. 3. um 22.30 in "Literatour" auf Servus TV zu sehen: www.servustv.com

 

  • Ausgezeichnete Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin: Kriszta Bódis.
    foto: francisco gózon

    Ausgezeichnete Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin: Kriszta Bódis.

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