Libysches Öl stockt und bedroht Konjunktur

23. Februar 2011, 17:24
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Nordafrikas bedeutendster Ölförderstaat, Libyen, ist als Exporteur so gut wie ausgefallen

Nordafrikas bedeutendster Ölförderstaat, Libyen, ist als Exporteur so gut wie ausgefallen. Der OMV drohen große Einbußen. Der Ölpreis sprang über die Marke von 110 Dollar und könnte ungeahnte Höhen erreichen.

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Wien - Erstmals seit acht Jahren sind die Exporte eines Ölförderlandes auf nahe null gesunken. Aus Libyen gelangte am Mittwoch so gut wie kein Öl mehr auf die Märkte. Die wichtigsten Verladehäfen werden von Aufständischen kontrolliert. Den letzten Ausfall eines Förderlandes gab es 2003 zu Beginn des Irakkriegs.

Die OMV, die in Libyen seit 1985 Öl fördert, (siehe Grafik), hat ihre Produktion von zuletzt 34.000 Fass (159 Liter) am Tag stark gedrosselt. "Uns geht es in erster Linie um die Sicherheit der Mitarbeiter", sagte OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer bei der Präsentation seiner letzten Bilanz am Mittwoch. Außerdem gebe es große Probleme bei der Ölverladung. Ein Totalausfall der libyschen Lieferungen sei allerdings auch kein Problem, weil man Öl entsprechend guter Qualität anderswo zukaufen könne.

Libyen, das zuletzt noch täglich 1,3 Mio. Fass Rohöl auf Auslandsmärkten verkauft hat, entgehen bei den gegebenen Preisen rund 130 Mio. Dollar Umsatz pro Tag.

Die OMV, die zwölf Explorations- und Produktionslizenzen in dem ölreichsten nordafrikanischen Staat hält, wickelt normalerweise 85 Prozent ihres Geschäfts über den Hafen Zawia bei Tripolis ab. 80 Prozent der Produktionserlöse verbleiben dem Staat Libyen.

Nur ein Bruchteil des Öls, das die OMV in Libyen fördert, gelangt über den Hafen Triest und dann über Pipelines in die Raffinerie Schwechat. Der Großteil wird noch im Mittelmeerraum verkauft. Dennoch bedeutet der Ausfall, dass die Raffinerie in Schwechat anderweitig versorgt werden muss, heißt es beim Analystenhaus Cheuvreux. Die Experten haben in einer Untersuchung OMV neben der italienischen Eni und der spanischen Rapsol als jene Konzerne ausgemacht, die das größte Engagement in Libyen haben. Ein anhaltender Ausfall werde den Wert des österreichischen Multi um 481 Mio. Euro schmälern, hat Cheuvreux anhand der Margen aus dem Nordafrika-Geschäft errechnet.

Sollten die Produktionsausfälle in Libyen längere Zeit anhalten, könnte das Jahresziel von knapp 320.000 Fass eigener Rohölförderung abermals verfehlt werden - wie schon 2010. Wegen Anlaufschwierigkeiten in Kasachstan hat die OMV mit 318.000 Fass die ursprünglich angepeilten 325.000 Fass pro Tag durchschnittliche Gesamtproduktionsmenge verfehlt.

Der Preis für die Sorte Brent, Preisführer in Europa, hielt sich am Mittwoch aus Angst, der Bazillus könne auf andere Förderländer überspringen, auf hohem Niveau. Die Nordseesorte Brent wurde mit mehr als 110 Dollar je Fass gehandelt, US-Leichtöl kostete fast 98 Dollar. Neben dem Ausfall der Häfen befürchten Investoren die Vernichtung von Produktionsanlagen und Pipelines. Zuletzt hatte es Gerüchte gegeben, dass Muammar al-Gaddafi in einer Verzweiflungstat selbst die Ölindustrie vernichten lassen könnte. Die Prognosen werden jetzt künftig nach oben geschraubt, Nomura rechnet bei anhaltenden Unruhen in Libyen und Algerien mit einer Verdoppelung des Ölpreises auf 220 Dollar. Als weiterer Risikofaktor gilt die Entwicklung in Saudiarabien, dem weltgrößten Ölexporteur. Parallel dazu ziehen auch dicke Konjunkturwolken auf. Bereits bei einem Anstieg der Notierungen auf 135 Dollar, dürfte das Wachstum um ein Prozent gebremst werden.

Die OMV lassen die Ölpreise auf höhere Einnahmen hoffen. Im Vorjahr hat der Mineralölkonzern den Nettogewinn zwar um 61 Prozent auf 921 Mio. Euro gesteigert, blieb damit aber unter den Erwartungen der Analysten. Der Aktienkurs gab um mehr als fünf Prozent nach. Der Aufforderung von Politikern, sich aus Libyen ganz zurückzuziehen, kann die OMV nichts abgewinnen. (stro, as, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2011)

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