"Presse" und STANDARD fürchten weder Boulevard noch Internet

23. Februar 2011, 13:28
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Föderl-Schmid: "Wenn die Zeiten unsicherer werden, greift man eher zu einem Qualitätsmedium" - Fleischhacker: "Breiter zu werden, wäre falsch"

Die Chefredakteure der Wiener Qualitätsblätter "Presse" und STANDARD blicken weiterhin selbstbewusst in die Zukunft. Weder Boulevard noch Internet werden ihrem Kerngeschäft etwas anhaben können, wie Alexandra Föderl-Schmid ("Standard") und Michael Fleischhacker ("Presse") bei der Grayling Speaker's Lounge am Dienstagabend in Wien erklärten. "Wenn die Zeiten unsicherer werden, greift man eher zu einem Qualitätsmedium", sagte Föderl-Schmid. Dies zeigten auch die Reichweitenzahlen der vergangenen Jahre.

Traditionell sei das Reichweitenband für Qualitätszeitungen ein schmales, sagte die "Standard"-Chefredakteurin. "Die Reichweiten von 'Presse' und 'Standard' können sich im internationalen Vergleich durchaus sehen lassen." In Relation zur Gesamtbevölkerung hätten auch andere europäische Zeitungen dieses Formats kaum mehr Leser. Die einzigen Ausnahmen seien die spanische "El Pais" und die italienische "Corriere della Sera".

Föderl hofft vor allem auf die Schulbildung, um die jungen Leserschichten auch Zeitungs-fit zu machen, wie sie sagte. Fleischhacker sieht dahingehend auch einen Erziehungsfaktor durch Gratiszeitungen. "Wenn ich in der U-Bahn fahre, sehe ich leider wenige 13-Jährige mit der 'Presse'." Allerdings hätten viele Jugendliche ohne die kostenlos abgegebenen Boulevardprodukte von sich aus wohl nie Berührung mit einer gedruckten Zeitung gefunden, konstatierte er. "Wenn sie dann nicht nur Lesen und Schreiben gelernt haben, sondern auch sich zu Benehmen, werden sie vielleicht zu einer Qualitätszeitung greifen."

Regionales Privat-TV las größter Feind von Print

Dass Online und Print einander nicht kannibalisieren, sei mittlerweile klar, zeigten sich beide einig. "Online ist ein klassisches Büromedium", sagte Föderl-Schmid. Den Peak markiere die Mittagspause. Entsprechend gebe es weiterhin Platz für die allmorgendlich gelieferte Tageszeitung, die Überblick biete und einordne. Nicht zuletzt sei dieser Bereich vom ORF unzureichend abgedeckt: "Sogar in Bolivien gibt es in der Früh Fernsehnachrichten, nur der ORF gönnt sich den Luxus, die ersten Nachrichten um 9.00 Uhr zu senden."

Der größte Feind von Print sei traditionell weniger das Internet als vielmehr regionales Privatfernsehen, sagte Fleischhacker. Dieses sei in Österreich traditionell wenig ausgeprägt und grabe den Zeitungen ergo weniger Leser ab.

Grundsätzlich stelle sich die Frage, wie man Qualitätsjournalismus langfristig finanziere, so Fleischhacker, der zumindest staatlich finanzierten Printprodukten wenig abgewinnen kann, wie er sagte. Der "Presse"-Chefredakteur fürchtet, dass "der Staat wie derzeit im Fernsehen agieren könnte", wo es "eine Art realsozialistischen Boulevard gibt, jedenfalls in der Managementstruktur".

Kritik übten beide an "inoffiziellen Förderungen" durch Regierungsinserate und Anzeigen staatsnaher Unternehmen. Während in Österreich insgesamt 12,8 Mio. Euro an Presseförderung vergeben würden, fließe über Anzeigen "ohne klare Regeln" ein Volumen von insgesamt 95 Mio. Euro an verschiedene Medien. Fleischhacker teilte dahingehend gewohnt hart in Richtung Regierung aus. Was diese am Mediensektor mache, sei "in der Sache nicht weniger arg als in Ungarn", meinte er. (APA)

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