Starporträt: Rahm Emanuel

23. Februar 2011, 13:05
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"The West Wing" und Chicagoer Realpolitik - Von Simon Rothöhler und Ekkehard Knörer

Chicago hat gewählt, Obamas Ex-Stabschef Rahm Emanuel ist seit Dienstagabend neuer Bürgermeister der drittgrößten Stadt des Landes - er gewann in der ersten Runde mit so großem Stimmenvorsprung (55%), dass er sich sogar die Stichwahl gegen Gery Chico (24%) sparen kann. Anhängern der NBC-Serie "The West Wing" ist der von Anekdoten umrankte Strippenzieher Emanuel nicht zuletzt über sein televisuelles Alter Ego bekannt: Josh Lyman, dem innerhalb der Serienfiktion der Wechsel auf die Vorderbühnen der Macht verwehrt bleibt.

Wie deutlich die Anleihen sind, ist umstritten - die Figur gilt jedoch vor allem in Bezug auf das politstrategische Alltagsgeschäft als "rahmboesk". Auch und gerade im innerparteilichen Dealmaking:

In Hollywood und drumrum ist Emanuel bestens vernetzt. Das liegt vor allem an seinem Bruder Ari, der als CEO der Agentur William Morris Endeavor einer der mächtigsten Männer hinter den Kulissen der Traumfabrik in den Abteilungen Film und Fernsehen ist. Auch von ihm gibt es längst eine fiktionale Version - kaum verhüllt wird er in der von Mark Wahlberg produzierten TV-Serie "Entourage", die aus dem Leben einiger Hollywood-Möchtegernstars erzählt, als Ari Gold porträtiert. (Eigentlich nicht sehr schmeichelhaft, hier aber erklärt sein Darsteller Jeremy Piven, dass ihm das offenbar gar nichts macht.) 

Eine wahrlich filmreife Figur ist aber auch Rahm Emanuel. Als Jugendlicher war er ein begabter Balletttänzer, kämpfte als Freiwilliger im Zweiten Golfkrieg auf der Seite Israels, reüssierte als Investmentbanker und ging danach - als Abgeordneter im Repräsentantenhaus - in die Politik. Lange ließ er sich von Obama für den Job als Stabschef bitten, sagte schließlich zu - und wäre dabei fast vom Sprungbrett ins Amt in Chicago gekippt. Eine mittlere Gerichtsinstanz erklärte, er sei zur Wahl gar nicht zugelassen, weil sein Hauptwohnsitz in den letzten Jahren Washington, nicht in Chicago gewesen sei. Höherinstanzlich wurde dann zu seinen Gunsten entschieden.

Die - je nach Geschmack - faszinierenden oder abschreckenden Anekdoten über Emanuel sind Legion. Politischen Gegnern legte er, liest man, schon mal einen toten Fisch vor die Tür. Sein Lieblingskommunikationsmittel, heißt es, sei der ausgestreckte Mittelfinger. Seltsam sah das aus, als er zu Beginn der Kandidatur plötzlich mit dem Herzen von nicht rechtzeitig aus seiner Reichweite geflohenen Kindern begann. Das gütige, ausgleichende Stadtoberhaupt ist noch immer nicht so ganz im oft brutalen und meist scharfen Intellektuellen Emanuel zu erkennen.

Um ein paar Wünsche für eine Verfilmung der "Rahmbo"-Karriere schon einmal rechtzeitig anzumelden: Aaron Sorkin hat als Drehbuchautor bei "The West Wing" ja bereits geübt. Die "Social Network"-Kombi mit Regisseur David Fincher böte sich zur Wiederholung eigentlich an. Kann allerdings gut sein, dass da noch einiges kommt: Vielleich sogar der Sprung ins höchste in den USA zu erstrebende Amt.

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    Rahm Emanuel in der Wahlnacht

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