Helden unter Tage

24. Februar 2011, 11:20
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Die Wiener Kanalräumer halten die Stadt "am Laufen" indem sie das 2400 Kilometer lange Kanalnetz aufräumen - Doch statt eines Dankeschöns, fliegen schon einmal Eier

"So paradox sich das anhört: Der Kanal funktioniert nur, wenn er sauber ist", sagt ein Kanalräumer, während er sich auf seinen Dienst vorbereitet. 99 Prozent der Wiener Haushalte sind an das Kanalnetz angeschlossen, was international einen Spitzenwert darstellt. Allein bei trockenem Wetter fließen täglich rund eine halbe Milliarde Liter Abwasser durch das 2400 Kilometer lange Kanalnetz. 380 Mitarbeiter von Kanal Wien halten das System sieben Tage die Woche "am Laufen". derStandard.at begleitete ein Team bei seiner Arbeit auf und unter der Erde.

Der Arbeitstag beginnt in der dreigeteilten Umkleidekabine: Um die Hygiene zu wahren, wird zunächst im ersten Raum das Privatgewand abgelegt, im nächsten Raum die Arbeitsbekleidung angezogen. Zum Schluss schlüpfen die Männer in ihre sieben Kilo schweren Arbeitsstiefel. Am "Fetzen wickeln" kann man die ältere von der neueren Generation der Kanalräumer unterscheiden: Dabei wird ein Stück Stoff um den Fuß gewickelt, um die Stiefel optimal auszufüllen und dadurch Wetzen und Blasen zu vermeiden. "Die Neueren bevorzugen oft zwei Paar Socken", berichtet Josef Gottschall, Sprecher von Wien Kanal.

Die Arbeit der Nacht

"Der Kanal funktioniert und damit interessiert es viele Leute nicht mehr, welche Arbeit dahinter steckt. Es ist motivierend für uns, dass die Leute zum Beispiel bei der Dritten-Mann-Führung erfahren, was wir leisten", sagt ein Mitarbeiter. Die Kanalarbeiter gehören weniger zum Alltagsbild der Wiener, als zum Beispiel die Mitarbeiter der Müllabfuhr. Das liegt daran, dass ihre Arbeit oft erst beginnt, wenn es bereits dunkel ist und sie daher weniger sichtbar sind. Denn für ihre Einsätze müssen die Arbeiter aus Gründen der Sicherheit Fahrspuren absperren, da viele Kanalöffnungen auf der Straße liegen. Alle 80 Meter gibt es Einstiegsschächte, insgesamt rund 50.000 allein in Wien.

In der Nacht befindet sich zudem weniger Wasser im Kanal, da die meisten Stadtbewohner schlafen. "Die Leute sind jedoch nicht erfreut, wenn wir nachts arbeiten. Die Straße wird mit Blitzlichtern abgesteckt und wir machen schon einigen Lärm. Dann können wir uns Beschimpfungen anhören und es fliegen auch schon einmal Eier", berichtet ein langjähriger Mitarbeiter.

Gewässerschutz und klappernde Kanaldeckel

Die Arbeiter räumen öffentliche und private Kanäle, Senk- und Sickergruben, Hausklär- und Abscheideanlagen. Doch auch Schlosser, Maschinenbauer, Maurer oder Schuster sind bei Wien Kanal tätig. Chemiker führen zudem Kontrollen der Abwässer durch: In mittlerweile fünf fahrenden Chemielabors wird regelmäßig die Qualität der Abwässer der Industrie- sowie Gewerbebetriebe geprüft. In einer Datenbank sind derzeit 3.000 Firmen aufgelistet, deren Abwasserinhaltsstoffe kontrolliert werden, damit ist Wien Kanal auch für den Schutz der Gewässer zuständig.

Die Kanalräumer kümmern sich auch um klappernde Kanaldeckel. Rund 50.000 Kanaldeckel, -gitter und Gummiauflagen, die das Scheppern verhindern, werden regelmäßig kontrolliert. Wie oft ein Kanal gereinigt werden muss, hängt von der geografischen Lage ab: Die Abwässer fließen auf weiten Strecken im freien Gefälle zu den großen Hauptsammelkanälen, von wo sie zur Hauptkläranlage in Simmering geleitet werden. Dadurch muss im Westen der Stadt, aufgrund des höheren Gefälles, seltener und auf der linken Donauseite im Osten öfter geräumt werden.

Der Supersauger

Kanalarbeiter werden bis zu ihrem 34. Lebensjahr aufgenommen. Die Warteschlangen seien lang, berichtet Sprecher Gottschall. "Es ist ein krisensicherer Job, denn Fäkalien wird es in Wien wohl immer geben", erklärt ein Fahrer und schmunzelt. Voraussetzung, um Kanalräumer zu werden, ist ein abgeschlossener Lehrberuf. Bei der Ausbildung lernen die Männer mit den für die Arbeit wichtigen Geräten und lebensgefährlichen Gasen, wie zum Beispiel Methan, umzugehen. Sicherheit und das richtige Bewegen im Kanal sind weitere wichtige Punkte.

Feucht und zugig

Die Kanalräumer arbeiten mit drei großen Fahrzeugen mit sogenannten "Supersaugern": Der vierachsige Spezialwagen mit einem Gesamtgewicht von 32 Tonnen ermöglicht das Aufsaugen von Feststoffen in großen Mengen und aus großen Tiefen. Doch ganz ohne händischen Einsatz geht es nicht. Kanäle, die schwierig mit Maschinen zu erreichen sind, müssen händisch gereinigt werden. Dazu müssen die Männer in den Kanal hinabsteigen.

Bei dem Lokalaugenschein im Kanal fällt sofort auf, dass es erstaunlich warm ist. Unterirdisch hat es das ganze Jahr über eine konstante Temperatur, daher ist es Ende Februar bei einer Außentemperatur von Minus sieben Grad im Kanal überraschend mild. Die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch, Brillen und Kameralinsen beschlagen sofort. "Die Zugluft in Kombination mit der Feuchte: Irgendwann geht das auf die Gelenke", berichtet ein Kanalräumer. "Bei der Arbeit kommt man ins Schwitzen. Wenn man im Winter bei Minusgraden wieder nach oben kommt, muss man sich schnell dick anziehen, sonst holt man sich den Tod", schildert Gottschall. 

Platz- oder Höhenangst darf ein Kanalräumer nicht haben. Die Abstiegsschächte sind bis zu 30 Meter tief. "Wir hatten einmal einen Kollegen, der beim ersten Abstieg massive Beklemmungen bekommen hat. Das war nicht lustig, den wieder hinauf zu bekommen", sagt der Leiter der Kanalräumer. Auch Menschen, die enge Räume nicht ertragen, sind fehl am Platz: Der schmälste Kanal ist 1,05 Meter hoch und 70 Zentimeter breit. "Man arbeitet in der Hocke, zu tief runter gehen darf man aber nicht, sonst wird der Hosenboden nass", schildert ein Kanalarbeiter. "Die regelmäßige innerbetriebliche Gesundheitsvorsorge ist daher sehr wichtig", sagt der Sprecher.

Händische Reinigung

Die Reinigung erfolgt in Richtung Fließrichtung. Die Arbeiter befördern bei der händischen Reinigung die Feststoffe mit Hilfe eines "Schimmel", eines halbkreisförmigen Holzschiebers, der an einem Holzstiel befestigt ist, das Materialpaket bis zum nächsten Förderschacht etappenweise weiter. Dort wird es mit Hilfe von Eisenkübeln entfernt. Durch diese Methode werden pro Jahr 3.500 Tonnen Kanalschutt zu Tage befördert. Ein Kanalräumer berichtet, was diese Arbeit besonders mühsam macht: "Ziegel von Baustellen, Äste, die vom Wienerwald angespült werden oder Strumpfhosen."

Ein Großteil der Feststoffe kommt aus den Wienerwaldbächen und im Winter als Streusplitt von den Straßen. Die Mischung aus Schlamm, Kieselsteinen, Laub und dem Schmutz der Stadt kommt getrocknet zur Fernwärme Wien und wird verbrannt. 65.000 Tonnen Klärschlamm und Feststoffe der Abwässer werden insgesamt pro Jahr thermisch entsorgt.

Offiziell keine Schwerarbeiter

Vergünstigungen gibt es trotz harter Arbeitsbedingungen nicht, wie ein Arbeiter sagt: "Wir fallen in kein Schwerarbeitergesetz. Wir haben das gleiche Pensionsantrittsalter wie alle." Wieso geht man trotzdem freiwillig zur Kanalräumung? "Am ersten Tag trifft einen schon etwas der Schlag. Was angeschwommen kommt, ist nicht vom Feinsten", gibt ein Arbeiter zu und lacht. Ein Kollege analysiert die Situation trocken: "Ich sag immer, ich hab lieber den kalten Scheissdreck unten, als den warmen oben, wie es zum Beispiel bei der Altenpflege der Fall ist."

"1.800 Euro brutto verdient ein Kanalarbeiter, wenn er bei uns anfängt", informiert Josef Gottschall. Frauen sind bei Wien Kanal im Baubereich oder zum Beispiel im Chemielabor tätig, richtige Kanalräumerinnen gibt es noch keine, bestätigen die Mitarbeiter. "Das hat aber nichts mit Aberglaube, wie zum Beispiel im Tunnelbau zu tun", scherzt Gottschall. Der Beruf sei körperlich sehr anstrengend und wirke durch die Arbeitsumgebung weniger reizvoll auf Frauen.

Geschichte: Wienerwaldflüsse als Adern des Kanalsystems

Schmutz- und Regenwasser, das in die Kanalisation gelangt, wird in den fünf "Hauptkanaladern" Richtung Herzstück der Wiener Abwasserstrategie - zur Hauptkläranlage Simmering - transportiert. Diese Adern sind der Rechte und Linke Hauptsammelkanal entlang des Donaukanals, der Rechte und Linke Wienfluss-Sammelkanal, die als gemeinsame Ader zählen, sowie der Linke Donau-Sammelkanal und der Liesingtal-Sammelkanal.

Bereits 100 nach Christus errichteten die Römer auch heute noch modern anmutende Kanalsysteme. Im Mittelalter landete der meiste Schmutz wieder im Straßengraben. Erst durch Überschwemmungen wurde das übel riechende Material in die Donau gespült. Als Folge gab es regelmäßig Epidemien und Seuchen. 1830 wurden zum Beispiel durch die Vereisung der Donau die stark verschmutzten Wienerwaldbäche über die Ufer gedrückt. Daher kam es zu einer Choleraepidemie, die mehr als 2.000 Tote forderte.

Das war der Anlass, um mit dem Bau großer Sammelkanäle zu beginnen, die eine weitere Katastrophe verhindern sollten. Dazu wurden die Wienerwaldbäche eingewölbt. Zusätzlich wurden zwei große Sammelkanäle errichtet, die parallel zum Wienfluss die Abwässer aufnahmen und in die Donau einleiteten. Bereits 1850 gab es daher in Wien ein gut funktionierendes Kanalsystem. Im Zweiten Weltkrieg wies es 1.800 Bombentreffer auf, trotzdem brachen keine Seuchen mehr aus und 1950 waren die letzten Kriegsschäden bereits behoben. Der bauliche Höhepunkt war die Errichtung der Hauptkläranlage im Jahr 1980.

Kamineffekt und Frischluft

Bei dem Lokalaugenschein im Kanal fällt neben der milden Temperatur auch auf, dass es nicht intensiv stinkt. Das liegt daran, dass die Schächte durch ein raffiniert ausgeklügeltes System natürlich belüftet werden. Gottschall schildert die Hintergründe: In der Innenstadt funktioniere eine natürliche Kanalentlüftung. Frischluft, die durch die Kanalgitter nach unten gelangt, wird als Abluft durch die Toiletten-Entlüftung über die Hausdächer entsorgt. Durch diesen permanenten Luftaustausch können sich erst gar keine Faulgerüche ansammeln. Dieser Kamineffekt wird bei der Alten Donau übrigens künstlich erzeugt. Da es dort keine hohen Gebäude gibt, wurden an der Uferpromenade Straßenlaternen als Kamine errichtet. Als Unterstützung bläst ein Ventilator die Abluft in den Kamin.

Am Ende des Arbeitstages werden zunächst die Stiefel gewaschen und eingefettet und dann das Arbeitsgewand ausgezogen. Jeder ist für seine eigene Ausrüstung zuständig. Und Duschen ist Pflicht, dafür ist extra Arbeitszeit einberechnet. Apropos Olfaktorisches: Zum Abschied gibt es einen Ratschlag. Ein Saunagang nach dem Abstieg in den Kanal ist nicht empfehlenswert. Wenn sich die Poren wieder öffnen, kann es trotz vorheriger gewissenhafter Reinigung üble Überraschungen geben. (Julia Schilly, derStandard.at, 24.2.2011)

>>> Zur Ansichtssache: Unterwegs mit den Kanalräumern

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  • Der Supersauger entfernt die Materialablagerungen.
    foto: blei/derstandard.at

    Der Supersauger entfernt die Materialablagerungen.

  • Aber händische Arbeit ersparen sich die Kanalräumer dadurch nicht.
    foto: blei/derstandard.at

    Aber händische Arbeit ersparen sich die Kanalräumer dadurch nicht.

  • Ihre Arbeit fällt nicht in das Schwerarbeitergesetz.
    foto: blei/derstandard.at

    Ihre Arbeit fällt nicht in das Schwerarbeitergesetz.

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