"Libyen müsste bei Null beginnen"

24. Februar 2011, 11:29
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Sozialanthropologin Ines Kohl über die Rolle der Stämme in Libyen und die Zeit nach al-Qaddafi

Muhammar al-Qaddafi setzte in den Jahren seiner Herrschaft in Libyen Ölmillionen zur Volksbefriedung ein. Für die soziale Absicherung stellten die Libyer ethnische Identität und religiöse Einstellung hintan. Tribale Machtstrukturen blieben auf die regionale Ebene beschränkt, nationale "libysche Identität" bildete sich aus. Deswegen sieht die Wiener Sozialanthropologin Ines Kohl keine akute Gefahr, dass Libyen nach al-Qaddafis Entmachtung in einem Kampf der Stämme um die Macht endet.

derStandard.at: Libyen zählt zu denjenigen arabischen Staaten, in denen die Stämme und Familien seit Jahrhunderten eine zentrale soziale und politische Rolle spielen. Wie funktionierte die Symbiose zwischen al-Qaddafi und den Stämmen?

Kohl: In der Anfangszeit Ende der 1960er Jahre verwarf al-Qaddafi das traditionelle Stammes- und Familienkonzept, da es, aus seiner Sicht, die nationale Loyalität untergrabe. Offiziell war damit das Stammesdenken zugunsten eines Nationalstaates ad acta gelegt. Inoffiziell spielte es nach wie vor eine große Rolle und unterstützte al-Qaddafis eigenen Stamm (Qadhadhfa) und dessen Verbündete.

In den 1990er Jahren erlebte Libyen eine Phase der Retribalisierung. Nach den Lockerbie-Sanktionen herrschte in der Bevölkerung großer Unmut. Die Wirtschaftssanktionen äußerten sich in höheren Lebensmittelpreisen und einer schlechten Wirtschaftslage. Um dem Unmut der Bevölkerung entgegenzuwirken, stärkte Al-Qaddafi die tribale Elite wieder und band sie stärker in die politische Entscheidungsprozesse ein. Damals gründete er das People´s Social Leadership Committee aus Stammesoberhäuptern und Familienvorständen. Diese neue politische Teilnahme war eine Errungenschaft für die Bevölkerung. Dass politisch trotzdem gemacht wurde, was al-Qaddafi wollte, ist wieder ein anderes Thema. Al-Qaddafi sorgte dafür, dass die Leute finanziell zufrieden gestellt wurden: Sie bekamen vielfach kostenlos Häuser und wurden bezahlt für Arbeiten, die sie nie gemacht haben. Jährlich wird ein bestimmter Anteil der Ölumsätze zur "Volksbefriedigung" eingesetzt.

derStandard.at: Ein System, mit dem sich alle zufrieden gaben?

Kohl: Historisch ist es so, dass Al-Qaddafi im Osten, besonders in der Cyrenaika, nie die gleiche Unterstützung hatte wie im Westen (Tripolitanien) und im Süden (Fezzan). Der Osten ist seit dem 19. Jhd.von den Sanussi-Bruderschaft geprägt, einer religiösen Gemeinschaft, die in die Sanussi-Monarchie (1951 bis 1969) mündete. Eine direkte Auflehnung hat es aber nie gegeben, das wagte man nicht. Die Retribalisierungsgesetze der 90er Jahre sprechen eine deutliche Sprache in dieser Hinsicht: begeht jemand Verrat am "revolutionären System", existieren Kollektivstrafen. Also nicht nur das Individuum wird bestraft, sondern ganze Familien, oder Stämme. Verrat heißt auch: sich gruppieren. Daher ist in Libyen jegliche Freizeitbeschäftigung in Form von Clubs oder Musikveranstaltungen (außer jene des Regimes) untersagt. Zudem existiert ein ausgeprägtes Spitzelwesen unterschiedlicher Geheimdienste, die sich auch gegenseitig kontrollieren. Bis dato hat sich Unmut noch nie offiziell zeigen können. Mittlerweile scheint es den jungen Leuten aber zu wenig geworden zu sein, mit einem Haus und einem Auto beruhigt zu werden.

derStandard.at: Hätten Sie persönlich zum jetzigen Zeitpunkt mit Protesten gerechnet?

Kohl: Ich muss ehrlich sagen: ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell und so heftig passiert. Ich habe vor kurzem mit einem jungen Mann im Süden gesprochen, der auf die Frage nach Protesten gegen Al-Qaddafi geantwortet hat: „Wenn wir gegen ihn aufstehen, gibt es in Libyen keine Jugend mehr“. Aus jetziger Sicht hatte er ja gar nicht so unrecht. Aber es steigerte natürlich den Unmut der Bevölkerung zu sehen, wenn Regimetreue unverhältnismäßig viele Zuwendungen und Rechte bekommen. Wenn al-Qaddafis Leute in Tripolis zum Beispiel mit Waffen ihr Unwesen treiben und sich nehmen können, was sie wollen. Oder wenn junge Leute quasi im Land eingesperrt sind, weil Auslandsreisen nicht oder kaum möglich sind.

derStandard.at: Wie reagieren die Stämme auf die aktuelle Situation und was käme "nach al-Qaddafi"?

Kohl: Laut Al-Jazeera und Al-Arabiya hat der Stamm der Warfalla aufgerufen, sich gegen al-Qaddafi zu stellen und auch die Tuareg aus dem Süden eingeladen haben, sich ihnen anzuschließen. Wie sich die anderen tribale Gruppen entschieden haben, darüber ist mir noch nichts bekannt. Der Stuhl auf dem Al-Qaddafi sitzt, ist allerdings schon mehr als wackelig. Was danach kommt, ist schwer zu sagen. Die Gefahr, dass das Ganze in einem Streit der Stämme um die Macht und in einem Bürgerkrieg endet, sehe ich eher nicht. Der Tribalismus spielt zwar auf einer sozio-politischen Ebene eine Rolle – wenn es darum geht, Heiratspolitik zu betreiben oder Ressourcen weiterzugeben – aber al-Qaddafis Nationalpolitik der letzten Jahrzehnte unter dem Motto "Wir sind alle Libyer" hat sehr stark gefruchtet. Um am großen Kuchen teilhaben zu können, waren die Menschen bereit, ihre ethnische und tribale Identität und ihre religiöse Einstellung hintanzustellen. Der libysche Nationalismus ist mittlerweile sehr stark geworden.

derStandard.at: Wer bleibt dann, der politische Verantwortung übernehmen kann?

Kohl: Das ist die große Frage. Libyen müsste bei Null beginnen. Es gibt keinerlei politische Organisation im Land. Eine Opposition ist vor allem von England aus tätig. Inwiefern sie Einfluss nehmen wird oder kann, weiß ich nicht. Vielleicht könnte der Ältestenrat des tribalen System eine fruchtbare Basis sein, aber das kann man jetzt noch nicht sagen. Die Cyrenaika könnte an Einfluss gewinnen, weil von dort aus die Proteste begonnen haben. (Manuela Honsig-Erlenburg, derStandard.at, 23.2.2011)

Auf Wunsch von Ines Kohl ist die Schreibweise vom agenturüblichen al-Gaddafi in diesem Interview auf al-Qaddafi geändert.

  • Ines Kohl ist Sozialanthropologin mit dem regionalen Spezialgebiet Libyen, Niger und Algerien.
    foto: privat

    Ines Kohl ist Sozialanthropologin mit dem regionalen Spezialgebiet Libyen, Niger und Algerien.

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