Schluss mit der Bevormundung!

24. Februar 2011, 07:00
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In kaum einer Lebensphase sehen sich Frauen mit so vielen Vorurteilen, Kontrolle und Pathologisierung konfrontiert wie in den Wechseljahren - Ein neues Buch beleuchtet die Sache von einer anderen Seite

Welche Frau in den Wechseljahren kommt damit nicht in Berührung? Gerade in dieser Zeit wird den Frauen anhand uralter gesellschaftlicher Klischees diktiert, wie sie sein sollen: am besten immerzu aktiv, verfügbar, nützlich, produktiv ... Und vor allem sollen sie auch äußerlich jung und anziehend bleiben. Altern als natürlicher Prozess wird gemeinhin negiert, verleugnet, verschleiert. Wenn überhaupt, dann darf das frau nur im Verborgenen tun.

Daraus resultierend lassen sich verschiedene Phänomene des Umgangs mit Frauen im sogenannten Klimakterium beobachten: zum einen werden sie verachtet und "ausrangiert", wenn sie für die Reproduktion unbrauchbar geworden sind. Zum anderen sind sie bereits vor Jahren von Pharmaunternehmen, Kosmetik- und Wellness-Industrie als Konsumentinnen entdeckt worden. In ihren Augen ist die reife Frau ja doch zu etwas gut. Dass es dabei nur um Profitgier geht, ist kein Geheimnis.

Pathologisierung eines natürlichen Prozesses

Doch das beschreibt nur eine Seite der Diskriminierung, die Frauen schmerzlich aufstößt. Die weitaus dramatischere, weil sowohl die physische als auch psychische Gesundheit gefährdende, betrifft die nicht zu fassende Bevormundung, mit der Frauen in den Wechseljahren konfrontiert werden. In kaum einer Lebensphase treten so viele ExpertInnen auf - mehrheitlich noch dazu Männer - und sagen den Frauen, was sie zu tun und zu lassen haben. Individuelle und universelle Erfahrungen von Frauen werden dabei vom Tisch gefegt, nicht ernst genommen oder sogar belächelt.

Und das hängt primär mit der Pathologisierung dieses Lebensabschnittes zusammen: Die Wechseljahre seien eine polymorphe, äußerst risikoreiche Mangelerkrankung, die es zu heilen gelte - mit Hilfe von Hormonersatztherapie, Anti-Age-Medizin, Schönheitschirurgie und medizinischer Kosmetik. "In diesem marktorientierten, sexistischen und schulmedizinischen Konzept werden das mittlere Lebensalter und die Veränderungen, die in dieser Lebensphase stattfinden, zu einem unerwünschten Zustand erklärt, den es aufzuheben bzw. aus dem es Kapital zu schlagen gilt", heißt es im Buch "Gestern jung und morgen schön" von Mimi Szyper und Catherine Markstein.

Mythen über die Wechseljahre

Alleine der Begriff "Menopause" reduziere einen "sehr komplexen Umstellungsprozess implizit auf ein medizinisches Problem: das Ausbleiben der Regelblutung. Ein punktuelles biologisches Ereignis wird so zum Symbol für einen ganzen Lebensabschnitt - ein Ereignis, das wir mit Aspekten wie Verlust, Stillstand und Unproduktivität  assoziieren. Wenn Frauen um die fünfzig davon erzählen, wie sie diese Lebensphase erleben ... ist davon allerdings nur selten die Rede", kritisieren Szyper und Markstein.

Ein Beispiel sei der Mythos vom "Leeren-Nest-Syndrom". Entgegen der allgemeinen Meinung, Frauen würden unter dem Auszug der Kinder leiden, gab die Mehrheit der für das Buch Befragten an, erleichtert und erfreut zu sein. Nun endlich würden sich wieder neue Perspektiven eröffnen und Ideen und Träume könnten verwirklicht werden. Ein weiteres Klischee betrifft das sexuelle Verlangen der Wechseljahr-Frauen: es sei rückgängig bis gar nicht mehr vorhanden, die Vagina würde austrocknen oder atrophieren etc. In Wirklichkeit fühlen sich die meisten älteren Frauen in ihrem Liebesleben freier, kühner und erfüllter. Mythos Nummer drei lautet: Frauen im Wechsel werden von ihren Männern verlassen, die sich eine Jüngere suchen. Tatsächlich sind es in der Regel meist die Frauen, die in diesem Alter die Scheidung einreichen bzw. ihre Partner verlassen.

Die Frauen selbst sprechen lassen

Um alle diese Vorurteile und Klischees zu zerstreuen, vor allem aber, um der sozialen Kontrolle und medizinischen Bevormundung Einhalt zu gebieten und Frauen in dieser ganz natürlichen Lebensphase zu unterstützen, haben die beiden Ärztinnen dieses Buch geschrieben. Am Anfang standen Gespräche mit ihren fünfzigjährigen Freundinnen. "Wir waren entgeistert, und wir fühlten uns wieder einmal gefordert. Vieles von dem, was wir da zu hören bekamen, erinnerte uns nur allzu gut an den längjährigen Kampf, den wir als Fachärztinnen in unseren jeweiligen Spezialgebieten gegen die zunehmende Medikalisierung der Gesundheit, von Verhaltensweisen, des gesamten Alltagslebens geführt hatten".

Sie begannen, Frauengruppen zu organisieren und Kurse zum Thema Wechseljahre anzubieten. "Wir stellten fest, dass das, was die Frauen zu sagen hatten, wenig mit dem zu tun hatte, was Medizin und Gesellschaft ihnen anbot - und dass viele Frauen trotzdem oft nahmen, was ihnen angeboten wurde". Es zeigte sich, dass die Frauen zwar häufig überinformiert, trotzdem aber skeptisch, unzufrieden und verunsichert sind.

Deshalb war für Mimi Szyper und Catherine Markstein ein Buch von Nöten, in dem die Frauen selbst zu Wort kommen: "Ein Buch, das von ihren Berichten, Erzählungen und Erfahrungen ausgeht, in dem ihre Worte Anklang finden". Und in dem die Jahre des Wechsels als ein ganz normaler, natürlicher Prozess abgebildet werden.
(Dagmar Buchta/dieStandard.at, 24.02.2011)

Mimi Szyper/Catherine Markstein:
"Gestern jung und morgen schön. Wechseljahre - Schluss mit Vorurteilen"
Orlanda 2010
ISBN:978-3-936937-77-x
 € 18,40

  • Artikelbild
    foto: orlanda verlag
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