Gaddafi will "als Märtyrer sterben"

23. Februar 2011, 07:48
355 Postings

Der libysche Machthaber trat innerhalb weniger Stunden zweimal vor die Kamera - Die Demonstranten warnte er vor einem Blutvergießen, einen Rücktritt lehnt er ab - Im Land herrschte weiter Unsicherheit, Gefahr und Chaos

Tripolis - Nur wenige Stunden nach einem bizarren nächtlichen TV-Auftritt stand der unter starken Druck geratene Machthaber Libyens am frühen Dienstagabend wieder vor der Kamera des Staatsfernsehens. Hatte Muammar Gaddafi in der Nacht zum Dienstag zögerlich und nur wenige Sekunden lang gemurmelt, so drohte er dem libyschen Volk nun mit einem Blutvergießen.

"Ich kann gar nicht zurücktreten", reagierte Gaddafi wütend auf entsprechende Aufrufe, er sei kein Präsident, sondern lediglich "der Anführer der Revolution". Libyen werde eine Zeit erleben, in der es die ganze Welt anführen werde, schrie der seit 41 Jahren autoritär regierende Staatschef in die Kamera. Er werde das Land weiter im Kampf führen und letztendlich "als Märtyrer sterben".

Gewalt anwenden, falls nötig

Er habe noch keine Gewalt angewandt, warnte der angeschlagene Staatschef - werde dies aber tun, falls es notwendig werde. Die Protestierenden wollten Libyen in einen islamischen Staat verwandeln, in ein "neues Afghanistan". Laut Gesetz sei für die Teilnahme an den Protesten die Todesstrafe vorgesehen. "Legt Eure Waffen sofort nieder, sonst gibt es ein Gemetzel", drohte Gaddafi und verwies auf das Massaker auf dem Pekinger Tiananmen-Platz 1989.

Auch die zweite Rede fand vor dem "Haus des Widerstands" in Tripolis statt. Der Ort wurde von Gaddafi wohl mit Bedacht gewählt: Das Gebäude war 1986 von den USA als Vergeltung für das libysche Attentat auf die Westberliner Diskothek "La Belle" bombardiert worden. Gaddafi ließ das Gebäude weder abreißen noch instandsetzen, sondern brachte darin eine Art Museum unter.

Lage in Tripolis gefährlich

Nach fast einer Woche der Unruhen drohte Libyen am Dienstag endgültig ins Chaos abzugleiten, die Lage in Triplois wie auch in anderen Städten galt nach wie vor als sehr gefährlich. Immer wieder konnte man auf Twitter von Übergriffen durch Söldner lesen. Seit Beginn der Unruhen kamen mehreren Schätzungen zufolge über 560 Menschen ums Leben, weitere 1400 Personen werden vermisst, berichtete der Nachrichtensender Al-Arabiya.

Die UN-Menschenrechtskommissarin Navanethem Pillay forderte eine internationale Untersuchung des brutalen Vorgehens durch das Regimes. Der UN-Sicherheitsrat hat nach einer Sondersitzung am Dienstagabend in New York die Gewalt gegen friedliche Demonstranten scharf verurteilt. Die Verantwortlichen dafür müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Laut Twitter-Meldungen kam es in Tripolis zu Engpässen bei Nahrungsmitteln, Trinkwasser und Medikamenten. Gleichzeitig seien Hilfslieferungen aus Ägypten unterwegs, berichtete Al-Arabyia.

Nachdem die Küstenstadt Bengasi bereits seit Anfang der Woche von Oppositionellen kontrolliert werde, sei dies nun auch für Tobruk im Osten der Fall, erklärte der hohe Offizier Hany Saad Marjaa gegenüber Reuters.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR bereitet sich unterdessen auf einen Ansturm von Flüchtlingen aus Libyen vor. Hilfsmaterial und zusätzliche Helfer würden nach Ägypten und Tunesien entsandt, teilte die Organisation mit und forderte die EU-Staaten und Libyens Nachbarländer auf, die Flüchtlinge nicht abzuweisen.

Drohungen aus Ägypten

Nachdem über dreißig Ägypter bei libyschen Luftangriffen ums Leben gekommen sein sollen, drohte der Militärrat in Kairo laut Berichten damit, schlimmstenfalls in Libyen einzugreifen. Das meldete der israelische Rundfunk unter Berufung auf arabische Medien. Am Montag hatte es geheißen, dass Ägypten seine Truppen entlang der Grenze zu Libyen verstärkt habe.

EU-Außenministerin Catherine Ashton teilte am Dienstagabend mit, dass die EU ein Rahmenabkommen für Handel mit Libyen aussetzen werde. Zahlreiche Staaten bemühten sich um die Evakuierung ihrer Staatsangehörigen. Auch die Bemühungen zur Ausreise der in Libyen verbliebenen Österreicher liefen "auf Hochtouren" , so das Außenamt. Es handle sich um weniger als 100 Personen. Ein Team mit Helfern sei nach Tripolis geflogen. (gian, APA, Reuters, STANDARD-Printausgabe, 23.02.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Wütend und kämpferisch drohte Staatschef Gaddafi den "Feinden Libyens".

  • Gaddafis droht in seiner Rede vom Dienstag mit Gewalt und will als Märtyrer sterben.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Nach Unruhen in Tripolis während der Nacht brannten Häuser.

Share if you care.