Renken bleiben lieber unter sich

22. Februar 2011, 19:00
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Entgegen allen Erwartungen kommen in heimischen Seen noch Renken vor, die sich nicht mit importierten Fischen kreuzten - Sie sind noch zu retten, sagen Zoologen

Zu sehen bekommt man sie nur selten. Meistens verstecken sich die silberglänzenden Geschöpfe in der Tiefe, weit weg vom Ufer, im offenen Wasser kalter, klarer Seen. Dort kreuzen sie in Schwärmen umher und suchen Futter. Ihre Leibspeise: Kleinkrebse und Insektenlarven. Die Rede ist von Renken, Angehörigen der zoologischen Gattung Coregonus.

Am weitesten verbreitet sind sie heutzutage in Skandinavien und Nordrussland. In Österreich findet man sie in diversen größeren Seen. Die Vorfahren dieser Alpen-Coregonen müssen ursprünglich als Wanderfische vom Norden durch den Ur-Rhein in den Süden gelangt sein, sagte Steven Weiss vom Zoologischen Institut der Universität Graz im Gespräch mit dem STANDARD. Über zeitweilige Wasserverbindungen konnten die Renken sogar ins Donausystem vordringen, sagt Weiss.

Vom Aussehen her wirken die Tiere nicht spektakulär, dafür schmecken sie umso besser. Für die Berufsfischer an Mondsee, Wörthersee und Co ist der Renkenfang eine der wichtigsten Einnahmequellen. Auch die berühmten Bodensee-Blaufelchen gehören zu den Coregonen.

Unter Wissenschaftern sind Renken und ihre Verwandten allerdings eher berüchtigt. Die Fische lassen sich bis heute nicht eindeutig klassifizieren. Zu vielfältig sind ihre Erscheinungsformen, je nachdem, welchen Lebensraum sie bewohnen. Da gibt es die Großen Bodenrenken und die Kleinen Schweberenken, die Felchen und die Maränen. Nicht selten findet man gleich mehrere Formen in ein und demselben See.

Weiss hat, zusammen mit Josef Wanzenböck vom Limnologischen Institut Mondsee und weitere Kollegen, die genetische Vielfalt der österreichischen Coregonen genauer analysiert. Die Forschungsarbeiten wurden vom Wissenschaftsfonds FWF finanziell unterstützt. Der Hintergrund des Projekts: In vielen Seen haben Fischer und Fischereibehörden immer wieder Besatzmaßnahmen mit ortsfremden Tieren durchgeführt. Es handelte sich dabei um sogenannte Maränen - Zuchtfische, die allesamt von einer polnischen Coregonus-Population abstammen. Schon seit dem 19. Jahrhundert nutzen Teichwirte fast ausschließlich diesen Stamm.

Fachleute gingen bislang davon aus, dass die ursprünglichen Renken in Österreich praktisch ausgestorben seien. Sie hätten sich längst mit den Maränen vermischt, die Populationen bestünden dementsprechend nur noch aus Hybriden. Ein Irrtum. Mancherorts ist anscheinend tatsächlich eine fast durchgängige Hybridisierung eingetreten, aber gleichzeitig konnte Steven Weiss' Team in mehreren Gewässern wie z. B. dem Wolfgangsee eine deutliche genetische Trennung zwischen alteingesessenen Renken und importierten Maränen nachweisen (vgl. Molecular Ecology, Bd. 20, S. 456). Die beiden Formen leben dort fast nebeneinander her, Kreuzungen sind eher selten.

Verschiedene Paarungszeiten

Die Ursache für diesen eingeschränkten Genfluss liegt wahrscheinlich im unterschiedlichen Fortpflanzungsverhalten. Im Mondsee laichen die heimischen Coregonen im Januar. Die eingesetzten Maränen dagegen gehen bereits im Dezember zur Paarung und Eiablage über. Noch anders machen es die Renken aus dem Hallstätter See: Sie wandern zum Laichen in einen Zufluss, die Koppentraun, und bleiben so unter sich.

Eine kleine wissenschaftliche Sensation brachte die Untersuchung für den Klopeinersee in Kärnten ans Licht. Hier leben Coregonen, deren genetischer Fingerabdruck sich sehr stark von allen anderen in Österreich lebenden Renken unterscheidet. Besatzmaßnahmen wurden am Klopeinersee offenbar nie durchgeführt. Die Fische müssen also einheimisch sein - und das, obwohl Forscher bisher glaubten, das natürliche Verbreitungsgebiet der Gattung Coregonus sei auf die Alpennordseite begrenzt. Diese und weitere ursprüngliche Populationen sind noch zu retten, betont Steven Weiss. Man muss sie aber dringend von den Maränen abschirmen, denn je länger beide Formen gemeinsam ein Gewässer bewohnen, desto größer die Gefahr der Hybridisierung. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 23.02.2011)

  • Unauffällig, aber genetisch gesehen doch spektakulär: Die ursprüngliche Renke, die sich in mehreren Gewässern gehalten hat.
    foto: noaa

    Unauffällig, aber genetisch gesehen doch spektakulär: Die ursprüngliche Renke, die sich in mehreren Gewässern gehalten hat.

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