Die Karotte vor der Nase, das Hasard im Alltag

22. Februar 2011, 18:40
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Experten diskutierten über die oft prekäre Jobsituation junger Wissenschafter

Eine Forscherkarriere im deutschsprachigen Raum sei ein Himmelfahrtskommando: Mit dieser Aussage in der Neuen Züricher Zeitung Anfang Februar und zuletzt auch im Interview mit derStandard.at sorgte der Schweizer Historiker Caspar Hirschi in der Wissenschafter-Community für Aufsehen. Seither gibt es kein Gespräch über die Schwierigkeiten des Forscherlebens, bei der das Wort "Himmelfahrtskommando" nicht fällt. Auch bei einer kürzlich stattgefundenen Diskussionsveranstaltung mit dem Titel "Arbeitsverhältnisse in der Wissensproduktion" des Club Research und des Wissenschaftsfonds FWF.

Es gibt einige Studien, die Hirschis Meinung untermauern: Die Royal Society präsentierte 2010 Zahlen, wonach nur 0,45 Prozent der Dissertanten in den Naturwissenschaften später als Professoren arbeiten, nur 3,5 Prozent später einmal wenigstens eine fixe Anstellung bekommen. In einer vergangene Woche vorgestellten Studie von Joanneum Research wird deutlich, dass für den nichthabilitierten Mittelbau ("Assistenten") hierzulande vor allem Halbtagsjobs zu haben sind. Dort teilen sich statistisch bereits mehr als zwei Personen eine Vollzeitstelle, obwohl sie aufgrund des Arbeitsaufkommens in Lehre und Forschung oft Vollzeit arbeiten müssen. Weiter oben, also unter den Professoren, gäbe es wenige Planstellen, sagt Helmut Gassler, einer der Studienautoren. Jungen Wissenschaftern bliebe als Alternative zu den geringen Aufstiegschancen der Weg ins Ausland, "wo es nicht notwendigerweise einfacher wird. Der Wettbewerb ist überall hart."

Der Soziologe Max Weber meinte 1917 in einer legendären Rede mit dem Titel "Wissenschaft als Beruf": "Das akademische Leben ist ein wildes Hasard." 2011 scheint sich daran wenig geändert zu haben. "Es ist mit einem hohen Risiko verbunden, wenn man sich von Anfang an auf eine akademische Karriere festlegt", meinte die Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt bei der Diskussionsveranstaltung. Das Risiko sei auf zwei Ebenen angesiedelt: Felt sprach von der Schwierigkeit, überhaupt in die Laufbahn hineinzukommen. Zweitens müsse man sich sehr lange mit unsicheren, befristeten Stellen herumschlagen. Forscherkollegen bezeichnen diese Problematik vor allem in Österreich als gravierend. Der Evolutionsbiologe Wolfgang Miller von der Med-Uni Wien zum Beispiel kritisiert auf Anfrage des Standard, "dass es hierzulande keine Vielfalt der Fundings gibt, über die bessere Jobs in den Naturwissenschaften langfristiger finanziert werden könnten." Die einzige Anlaufstelle dafür, der FWF, sei unterdotiert.

Befristete Verträge 

Daher würde es beim Hasard, also bei den prekären Beschäftigungsverhältnissen, bleiben. Jörg Flecker, Soziologe und Geschäftsführer der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt Forba, konnte im Rahmen des Club Research auf Anhieb eine ganze Liste erstellen, die die akademische Arbeitswelt unsicher machen: "Befristete Verträge, hohes Risiko, Patchwork-Existenzen und projektabhängige Beschäftigungen".

Eine berufliche Situation, die sicher auch ihre positiven Seiten hat: "Ständige Herausforderungen machen mir Spaß", meinte die Historikerin Sigrid Wadauer, die seit 1995 mit befristeten Forschungsprojekten beschäftigt ist, im Verlauf der Diskussion. Für ihren Joballtag fand sie allerdings eine traurige Metapher: "Man investiert und hat immer diese Karotte vor der Nase. Nur nach 16 Jahren sieht diese Karotte nicht mehr sehr attraktiv aus."

Fern von prekären Verhältnissen, aber doch risikoreich beschrieb der aus einer deutschen Akademikerfamilie stammende Biologe Carl Philipp Heisenberg (er ist der Enkel des Physikers Werner Heisenberg) seine akademische Karriere. "Für den Postdoc habe ich mir ein neues Labor in London ausgesucht, wo es nicht ganz klar war, ob es Erfolg haben wird - dieses Risiko muss man schon eingehen." Seit 2010 ist er Professor am Institute of Science and Technology (IST) Austria in Maria Gugging und hat damit eine fixe Stelle. Hasard vorbei? Heisenberg: "Das Institut in Gugging ist ein neues und das Risiko daher hoch - dementsprechend aber auch die Chancen."

Mut und Risiko fand auch Wolfgang Knoll, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Austrian Institute of Technology (AIT, vormals Seibersdorf) als entscheidend für eine wissenschaftliche Karriere - dabei sei auch Unterstützung von Kollegen notwendig: "Es gibt gute Gründe, warum in Stanford für Assistenten wieder Mentoren eingesetzt werden." (Tanja Traxler und Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 23.02.2011)

  • Historikerin Sigrid Wadauer arbeitet befristet.
    foto: privat

    Historikerin Sigrid Wadauer arbeitet befristet.

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