"Der Umgang mit dem Nachwuchs ist nicht ehrlich"

22. Februar 2011, 18:08
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Das Einwerben von Drittmitteln und unbefristete Stellen dominieren den Joballtag junger Wissenschafter

Tanja Traxler sprach mit Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt über damit verbundene Probleme.

STANDARD: Ist es für junge Forscher schwieriger geworden, langfristig in der Wissenschaft zu bleiben?

Felt: Es hat sich zugespitzt. Aber es ist nicht wahr, dass früher alles einfach war. Heute ist die Zahl der Studierenden und jungen Forscher extrem gewachsen. Doch die festen Stellen sind nicht im gleichen Maße gestiegen – es kommt zu einem Engpass. So kommt es zu sehr vielen Fällen von jungen Menschen, die sehr lange unter schwierigen Bedingungen warten und hoffen – und dann oft enttäuscht werden. Es ist wichtig, mehr Klarheit zu schaffen, wie man im System bleiben kann. Der Umgang mit dem Nachwuchs ist im Moment nicht ehrlich.

STANDARD: Warum fehlt die Klarheit?

Felt: Erst seit den 1990er-Jahren werden Dissertanten über Projekte des Wissenschaftsfonds FWF bezahlt. Das hat natürlich zu Verbesserungen geführt. Aber es hat keine begleitende Diskussion darüber gegeben, dass die Dissertation heute keine Eintrittskarte mehr in eine akademische Laufbahn ist. Wir haben in den letzten zwei Jahrzehnten im Wissenschaftssystem massive Umordnungen gehabt, gleichzeitig haben wir nicht diskutiert, welche Balance wir zwischen fixen und fluktuierenden Stellen wollen. Und wie weit es verantwortungsvoll ist, Positionen zu schaffen, von denen man weiß, dass diese Personen langfristig keine Chance im System haben.

STANDARD: Prekäre Verhältnisse und steigender Leistungsdruck sind aber Phänomene, die in vielen Bereichen Einzug halten – haben sie im Wissenschaftssystem spezielle Ausprägungen?

Felt: Ein Unterschied zwischen akademischer Arbeit und anderen Leistungsgruppen ist die Langfristigkeit der Feedbackmechanismen. Oft dauert es sehr lange, bis man weiß, ob man drinnen bleiben kann. Dann kann es sein, dass man Mitte 30 ist und sich fragen muss: "Bin ich jetzt schon zu alt für die Industrie?" Die Frage des Alters, wie lange bin ich kreativ – diese Ablaufdaten sind in anderen Bereichen nicht so entscheidend wie in der Wissenschaft.

STANDARD: Es gibt ja viele Wissenschafter, die über Projektförderungen befristet angestellt sind. Inwieweit sind dadurch die wissenschaftlichen Erkenntnisse anders als bei unbefristeten Stellen?

Felt: Durch die Projektorientierung rücken stärker Fragen in den Vordergrund, die man in Zeiteinheiten von drei Jahren beantworten kann. Ich kann nicht mehr eine Frage auf die oberste Ebene stellen, für deren Antwort ich zehn Jahre brauchen würde, denn keine Förderung läuft länger als vier oder fünf Jahre. Dadurch ändert sich unser Nachdenken darüber, was eine gute Frage ist.

STANDARD: Wie verändert sich die Institution Universität durch prekäre Dienstverhältnisse?

Felt: Die Institution ist weniger ein Aufenthaltsraum, sondern viel stärker ein Durchzugsort. Wir haben Gewinn und Verlust gleichzeitig: Einerseits wird mehr vernetzt, andererseits geht immer Wissen verloren, wenn jemand geht. Was man auch nicht abschätzen kann: Ohne Projekte einzuwerben, kann man heute keine Forschung mehr machen. Doch viele Förderungen haben Genehmigungsraten von zehn Prozent, das heißt, dass Zeit und Geld der restlichen 90 Prozent weitgehend verloren sind. Man muss sich fragen, ob sich der Wettbewerb lohnt. Er bringt zwar eine Leistungssteigerung, doch wenn der Verlust zu groß ist, bricht die Balance.

STANDARD: Welche Charaktereigenschaften braucht man, um sich im Wettbewerb durchzusetzen?

Felt: Es werden ganz andere Eigenschaften als früher verlangt. Die Wissenschafter müssen lernen, sich zu präsentieren, ihren Lebenslauf makellos erscheinen zu lassen. Sie müssen alles, was sie tun, ein Stück weit besser aussehen lassen, als es im engeren Sinne wirklich war, und sie müssen Managementfähigkeiten und Durchsetzungsvermögen besitzen. In Interviews habe ich auch gesehen, dass die Generation der heutigen Doktoranden damit aufgewachsen ist, sich über messbare Faktoren zu definieren. Die Frage "Von wie vielen bin ich ausgewählt worden?" ist sehr präsent. Das hat es zu meiner Zeit noch nicht gegeben.

STANDARD: Die Anstellungspraxis in Österreich wird immer wieder kritisiert, wie steht sie im internationalen Vergleich da?

Felt: Allein in Europa gibt es enorme Unterschiede. In Frankreich sind Sie in der Regel zwei Jahre nach dem Doktorat unbefristet. In Amerika gibt es nach der Dissertation zwei Arten von Stellen – befristete und "tenure track" , in denen Sie sich bis zum "full professor" hocharbeiten können. In Österreich hatten wir nun eine Phase, in der es so gut wie gar keine Karrieremöglichkeiten für den Nachwuchs gab. Das wird nun langsam korrigiert. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.02.2011)

Ulrike Felt (53) dissertierte in theoretischer Physik. Sie ist Professorin für Wissenschaftsforschung an der Universität Wien. In zwei Projekten und mehr als hundert Interviews hat sie die Arbeitsbedingungen von Wissenschaftern erforscht.

  • Die Zahl der befristeten Stellen in der Wissenschaft ist stark gewachsen, die Zahl der fixen Jobs kaum. "Es ist wichtig, mehr Klarheit zu schaffen, wie man im System bleiben kann" , meint Ulrike Felt.
    foto: standard/corn

    Die Zahl der befristeten Stellen in der Wissenschaft ist stark gewachsen, die Zahl der fixen Jobs kaum. "Es ist wichtig, mehr Klarheit zu schaffen, wie man im System bleiben kann" , meint Ulrike Felt.

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