Tanzend aus der Wirklichkeit fliegen

22. Februar 2011, 17:37
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Die 14. Auflage des Wiener Tanzfestivals präsentiert den aufstrebenden Nachwuchs der flämischen Tanzszene.

Szene Bunte Wähne will jungem Publikum Tanz und Performance näherbringen

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Auf der Bühne von Inne Goris‘ Stück Es war einmal... steht eine geschlossene weiße Box. Im Verlauf des Stückes bewegt sich diese Box. Die Kinder, erzählt Goris, rufen an dieser Stelle begeistert: "Die Sonne geht auf!" Erwachsene fragen nach der Aufführung: "Was hatte das zu bedeuten?"

Die belgische Künstlerin ist fasziniert von der Art, mit der Kinder denken und spielen. "In einem Moment sind sie ein Wolf, im nächsten schon ein Polizist." Alles kein Problem - auch nicht in Goris' Performances. Was wäre, wenn es auch andere Prinzessinnen gäbe, solche, von denen wir noch nie gehört haben? Basierend auf dieser Ausgangsfrage nähert sich Es war einmal ... mittels Bildern und Geräuschen der Welt der Märchen an. 2007 entstanden, ist das Stück beim diesjährigen Szene Bunte Wähne Tanzfestival zum ersten Mal in Österreich zu sehen.

Planet Flandern

In der Jugend-Kulturarbeit ist Szene Bunte Wähne eine fast schon einzigartige Institution. Das Tanzfestival ist seit seiner Gründung 1998 bemüht, jungem Publikum hochwertige Tanzproduktionen zu vermitteln. Der konstante internationale Austausch, vor allem mit der bestens beleumundeten flämischen Tanzszene, schlägt sich im aktuellen Schwerpunkt "Planet Flanders" nieder. Vielversprechende flämische Nachwuchskünstler konnten nun dafür nach Wien geholt werden. Eröffnungsparty ist am Freitag im Dschungel Wien, 20 Uhr.

Während es Inne Goris hier noch zu entdecken gibt, dürfte die Darstellerin von Es war einmal ... (ab vier Jahren) bereits einem breiteren Publikum bekannt sein: Samantha Van Wissen, langjähriges Rosas-Mitglied, gibt regelmäßig Workshops beim Wiener Impulstanzfestival. Sie war Goris' Wunschbesetzung: "Sie hat so etwas Helles, Leichtes. Ich selbst bin viel dunkler." Diese Ambivalenz findet sich auch im Stück selbst. Ein Mädchen, ganz alleine. Traurige Sache. Aber auch ein Mädchen, das sich ganz alleine seine Welt schafft und so aus dem traumatisch-statischen Märchenraum ausbricht.

Imagination versus Realität

An Teenager ab 15 Jahren wendet sich Talking about Kevin von Arend Pinoy. Die erste, preisgekrönte Soloarbeit des Belgiers ist nicht dezidiert für Jugendliche gemacht; sie behandelt ein universelles Thema: Einsamkeit. "Manchmal sieht man Menschen auf der Straße, die mit sich selber reden. Ich habe mich gefragt: Was passiert, wenn man ganz alleine mit sich selbst ist?"

Protagonist Kevin behilft sich mit seiner Imagination, schafft sich in Selbstgesprächen Familie, Freunde und eine Freundin. Eine durchaus spaßige Angelegenheit. Doch immer öfter mit bitterem Beigeschmack. "Er dreht durch" , attestiert Pinoy seinem Geschöpf und lässt die selbstquälerischen Gedanken des Einsamen zu Bewegungen werden. Kevin jagt zitternd und getrieben über die Bühne im Brüsseler Bronks, ein Junkie, süchtig nach Zerstreuung. Pinoy gewährt ihm noch eine großartige pantomimische Verführungsszene mit der eingebildeten Geliebten, eine Lösung verwehrt er. Kevin bleibt allein.

David und Ruby sind zu zweit auf ihrer Suche nach Erfolg in Hollywood. David ist wahrlich nicht der beste Sänger der Welt. Ruby, am anderen Ende der Karriereleiter, von den eigenen Premierenpartys schon etwas angeödet. Über dieser Ausgangssituation entfaltet sich im Amsterdamer Melkweg, einem sympathischen Kulturzentrum, das abstrakte Do-it-yourself-Musical While things can change von Koen de Preter und Maria Ibarretxe. Sie zitieren die Tanzfilm- und Musicalgeschichte rauf und runter, mischen Fred Astaire mit Dirty Dancing, kombinieren Bollywood mit Charlie Chaplin. Scheinbar mühelos erzählen sie mit einer Handvoll Versatzstücken Geschichten, bringen mit Tanz und Musik Romantik in eine Alltagsszene. "Aus der Wirklichkeit fliegen" , sagen die beiden dazu.

Insgesamt zehn Stücke zeigt das Festival im Hauptprogramm, daneben sind die Ausarbeitungen der Stücke-Skizzen zu sehen, die 2010 den Offspring Contest gewonnen haben. Auf dem Offspring Campus stehen Symposien für alle und Workshops für die Profis auf dem Programm, pädagogischen Einrichtungen wird Tanzvermittlung angeboten. Im Anschluss an die Vorstellungen stellen die Künstler sich zudem den Fragen des Publikums. (Andrea Heinz, DER STANDARD - Printausgabe, 23. Februar 2011)

25. 2. - 5. 3.

  • Kevin (Arend Pinoy) giert nach Unterhaltung. Sorgen muss er dafür 
allerdings selbst.
    foto: kristien verhoeven

    Kevin (Arend Pinoy) giert nach Unterhaltung. Sorgen muss er dafür allerdings selbst.

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