Das Lachen aus dem Bauch, nicht von Herzen

22. Februar 2011, 17:31
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"Im Taxi. Unterwegs in Kairo" des ägyptischen Autors Chalid al-Chamissi ist nun in deutscher Übersetzung erschienen

Es kann als Dokument der Vorgeschichte zur ägyptischen Revolution des Jahres 2011 gelesen werden.

Kairo/Wien - Das Buch Im Taxi. Unterwegs in Kairo von Chalid al-Chamissi hat das Zeug, als ein Stück "oral history" in die ägyptische Revolutionsgeschichte einzugehen. Es ist zwar nur in deutscher Übersetzung druckfrisch - auf Ägyptisch sind die von Kristina Bergmann genial übersetzten Taxigeschichten schon 2006 erschienen -, aber sie geben diesen typischen Gefühlsmix auf Kairos Straßen wieder, aus dem nun doch einmal das "Es reicht" hervorbrach.

In 58 Taxifahrten werden die Fahrer freiwillig zu Erzählern oder lassen sich von Chamissi in Gespräche über ihr Schicksal verwickeln oder lassen sich ihre Meinung entlocken. Es sind meist arme, einfache Leute, die unter den Verhältnissen leiden, aber - auf den ersten Blick dem Klischee des ewig geduldigen Ägypters entsprechend - ihnen dennoch irgendwie die Stirn bieten: fatalistisch, religiös, humorvoll, wütend.

Die Verzweiflung, die hinter ihren Erzählungen steckt, verdichtet sich bis zum Ende des Buches zu einem großen Schmerz über die ägyptischen Verhältnisse. Dieser Schmerz der Verlierer war vielleicht nicht der Motor der Revolte im Februar 2011, die von einer jungen, über neue Kommunikationsmittel vernetzten Schicht begonnen wurde, aber er schwang deutlich mit.

Da ist der Fahrer, dessen Kopf immer wieder an die Schulter seines Fahrgasts Chamissi sinkt, weil er seit 76 Stunden nicht geschlafen hat, aber noch weiterfährt, um das Geld für einen fälligen Kredit zusammenzubringen.

Oder die junge Frau, die im Taxi ihre islamische Kleidung ablegt und das anzieht, was sie in der Bar trägt, in der sie arbeitet. Als Mitwisserin und Mithelferin schneidet eine Freundin an ihrem Gehalt mit.

Der Fahrgast Chamissi ist nicht nur Beobachter, sondern Teilnehmer - an den Geschichten und an der ägyptischen Realität. Zum Beispiel, als er mit einem Taxler drei Stunden im Stau steckt und sie einander Witze erzählen, die er jedoch nicht wiedergeben kann. Denn "für jeden Einzelnen" würde er ins Gefängnis gehen: "Allerdings sehe ich nicht ein, warum ich für Witze in den Knast gehen sollte, die praktisch alle Ägypter kennen ..."

Auch der mittlerweile gestürzte Präsident spukt natürlich in den Kairoer Taxis herum, und Chamissi, der genervt von einem Plakat "Die U-Bahn, ein Geschenk von Mubarak an sein Volk" in ein solches eingestiegen ist, stößt auf einen Fahrer, der Mubarak dafür lobt, dass er trotz seiner überragenden Qualitäten sich nicht zu gut ist, bei den Wahlen "gegen einen Haufen Nobodys" anzutreten.

So einer findet auch ein Plakat mit dem Spruch "Auch der Embryo im Bauch seiner Mutter sagt Ja zu Mubarak" als angemessen.

Mubarak habe die Seele des ägyptischen Volkes fast getötet, jetzt werde sie wieder sichtbar, sagte Chamissi nach dem Umsturz. In seinen Taxigeschichten ist, auch wenn er selbst von der volkstümlichen Weisheit auf den arabischen Straßen spricht, aber kein Platz für Kitsch. Das Lachen der Taxifahrer, die einander Witze erzählen, beschreibt er einmal als "aus dem Bauch und nicht von Herzen" kommend. Und die ägyptische Gesellschaft wird sich nicht schnell heilen lassen.

Auf die jetzige Situation in Ägypten angesprochen, beteuert der 1962 geborene Autor sein großes Vertrauen in die Zukunft - er habe aber kein Vertrauen in das Militär, dem der Übergang Ägyptens von der Diktatur zu dem, was hoffentlich einmal eine Demokratie wird, anvertraut ist. Auch Illusionen, dass die Revolution eine "nette" Demokratie hervorbringen werde, die dem Westen die Wünsche von den Augen ablesen werde, zerstört er.

Die ägyptische Alltagsliteratur in der Tradition eines Naguib Machfus, deren international berühmtester Nachkomme Alaa al-Aswani (Der Jakubijan-Bau) ist, hat im 1962 geborenen Chamissi einen neuen Vertreter gefunden, der, das muss man dazusagen, nur für den deutschen Sprachraum neu ist.

In Ägypten ist bereits die 20. Auflage von Im Taxi auf dem Markt, und es wurde bereits in zehn Sprachen übersetzt. (Gudrun Harrer, DER STANDARD - Printausgabe, 23. Februar 2011)

  • Der ägyptische Autor Chalid al-Chamissi zeichnete die prärevolutionäre 
Stimmung Ägyptens in 58 Taxifahrten auf.

    Der ägyptische Autor Chalid al-Chamissi zeichnete die prärevolutionäre Stimmung Ägyptens in 58 Taxifahrten auf.

  • "Im Taxi - Unterwegs in Kairo"  im Lenos Verlag.
    foto: lenos

    "Im Taxi - Unterwegs in Kairo" im Lenos Verlag.

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