"Chaosbiografien" und schlechte Bildung als Ursachen für Sozialhilfe-Bezug

22. Februar 2011, 15:55
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Die Gefahr, ein "Working Poor" zu sein, steigt mit der Höhe des Ausbildungslevels

Wer sind die erwerbsfähigen BezieherInnen von Sozialhilfe in Wien? Wie funktioniert die Beratung in den Sozialzentren? Was sind die Gründe, warum die Menschen auf Sozialhilfe angewiesen sind? Das sind nur einige Fragen, denen in einer neuen Studie mit dem Titel "Erwerbspotential in der Sozialhilfe" nachgegangen wird. In Auftrag gegeben wurde die Studie von der Wiener Magistratsabteilung 24 (Gesundheits- und Stadtplanung), am Dienstag wurde sie von Stadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) und dem Studienautor Andreas Riesenfelder präsentiert. 

Für die Untersuchung wurden im Zeitraum 2000 bis 2008 die Laufbahnen von SozialhilfebezieherInnen nachgezeichnet, es wurden Interviews geführt und Daten analysiert. Pro Jahr haben im Untersuchungszeitraum rund 100.000 Personen die Sozialhilfe bezogen. Rund die Hälfte davon, etwa 50.000, sind erwerbsfähig, also bereit für den Arbeitsmarkt. Sie wurden für die Studie herangezogen. Personen, die im Pensionsalter sind oder Kinderbetreuung absolvieren, wurden nicht berücksichtigt.

Einige Ergebnisse im Überblick:

Die Biografien der Sozialhilfeempfänger sind höchst unterschiedlich. In der Studie werden sechs unterschiedliche Typen genannt. Die Bandbreite reicht von "KürzestbezieherInnen", die maximal sechs Monate Sozialhilfe in Anspruch nehmen, bis "LangzeitbezieherInnen mit hoher Kontinuität", die mit 27 Prozent gleichzeitig die größte Gruppe ausmachen. Als Hauptproblem wird hier die Verfestigung der prekären Situation zu thematisieren sein, heißt es in der Studie. 24 Prozent (Zahl aus dem Jahr 2007) sind sogenannte "PendlerInnen". Sie zeichnen sich durch einen regelmäßig wiederkehrenden Charakter aus und haben Probleme, die offensichtlich nicht nachhaltig gelöst werden können. 

In der Studie taucht der Begriff der "Chaosbiografien" auf. Diese Gruppe wird definiert durch "schwierige soziale Konstellationen seit der Kindheit", die nie zu einer beruflichen Stabilisierung geführt haben. Ausgeschildert wird außerdem die Gruppe der "Working poor", also jener, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, obwohl sie arbeiten gehen. Laut Studie sind rund neun Prozent der erwerbsfähigen Sozialhilfebezieher als "Working Poor" einzustufen. Männer sind etwas mehr betroffen als Frauen. Mit dem Level der Ausbildung steigt im Übrigen der Anteil von "Working poor". In der Gruppe der Akademiker sind 14 Prozent betroffen, bei den BezieherInnen mit Lehrlingsausbildung sind es acht Prozent.

Womit wir beim Thema Bildung und die Auswirkung auf den Bezug der Sozialhilfe angekommen sind. Ein niedriger Ausbildungslevel korreliert mit der Gefahr, einmal auf Sozialhilfe angewiesen zu sein. Beinahe jedem zweiten erwerbsfähigen Sozialhilfebezieher fehlt eine verwertbare berufliche Qualifikation, 70 Prozent dieser Gruppe weisen höchstens einen Pflichtschulabschluss auf.

Mit der Beratung in den Sozialzentren und beim AMS sind die Betroffenen nur teilweise zufrieden. Sie wurden gebeten, die Betreuungs- und Angebotsaspekte mittels Schulnotensystem zu beurteilen. Die Leistungen des AMS werden tendenziell etwas schlechter beurteilt als jene der Sozialzentren. Im Mittel werden erstere mit "befriedigend" benotet, zweitere mit "gut".

Inwiefern der Abgang von der Sozialhilfe gelingt, ist von mehreren Faktoren abhängig: Der dauerhafte Abgang ist bei Personen in Ehe- oder Lebensgemeinschaften deutlich höher als bei Personen, die alleinstehend sind. Mit zunehmendem Alter, steigender Kinderzahl und bei Asylberechtigten nimmt die Wahrscheinlichkeit eines nur kurzen Sozialhilfebezugs ab.

Gelingt die Integration in das Erwerbsystem, bedeutet das nicht automatisch, dass alle Probleme gelöst sind. Die Mehrzahl der interviewten "Integrierten" arbeitet im Niedriglohnsektor oder im Rahmen prekärer Beschäftigung. 

Fest steht, betont Studienautor Riesenfelder: Die überwiegende Mehrheit der erwerbsfähigen Bezieher hat den Wunsch, Arbeit zu finden und wirtschaftlich wieder unabhängig zu werden. 90 Prozent der Bezieher sind motiviert, arbeiten zu gehen. Für 16 Prozent der erwerbsfähigen BezieherInnen ist die Unterstützung nur eine kurzfristige Maßnahme.

"Mindestsicherung geht in die richtige Richtung"

Um eine Einschätzung wurde Riesenfelder auch in Sachen bedarfsorientierter Mindestsicherung (neu seit Herbst 2010 anstelle der Sozialhilfe) gebeten. "Die Mindestsicherung geht in die richtige Richtung", lautet sein Urteil. In dieselbe Kerbe schlägt Wehsely, die der Meinung ist, dass die Mindestsicherung "wirkt". Der Zugang zu Qualifizierungs- und Bildungsangeboten steigt, urteilt die Sozialstadträtin.

Riesenfelder hebt zusätzlich auch den verbesserten Zugang zu Gesundheitsleistungen hervor, weil jeder Bezieher der Mindestsicherung eine E-Card erhält. Damit sei auch die Vorsorge sichergestellt, was wiederum die Chance, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, steigere. (rwh, derStandard.at, 22.2.2011)

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    Rund neun Prozent der erwerbsfähigen Sozialhilfebezieher sind als "Working Poor" einzustufen. Männer sind etwas mehr betroffen als Frauen.

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