Lucio gegen Hoeneß, das ist fast Brutalität

22. Februar 2011, 18:35
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Die Bayern gehen davon aus, dass die Revanche an Inter für die Finalniederlage gelingt. Begonnen wird am Mittwoch - Olympique Marseille empfängt ManU

Mailand/Marseille - Neun Monate nach dem Endspiel 2010 im Madrider Bernabeu-Stadion kommt es am Mittwoch (20.45 Uhr/live ORF eins, Sat.1, Sky) im Achtelfinal-Hinspiel der Fußball-Champions-League zwischen Titelverteidiger Inter Mailand und dem damals 0:2 unterlegenen FC Bayern München zur Neuauflage des Duells. Die zweite Partie des Abends, Olympique Marseille - Manchester United, steht da natürlich etwas im Schatten.

Wenn der Brasilianer Lucio mit Inter seinen Ex-Klub aus München fordert, trifft er auf seine "alte Liebe" - mit einer Ausnahme: Uli Hoeneß. "Er ließ Respekt vermissen", sagte Lucio kürzlich im Rückblick und warf seinem früheren Boss schlechte Umgangsformen vor. "Manchmal spricht er drauf los und verletzt dabei Menschen. Er blamiert und beschämt teilweise Spieler und Mitmenschen in der Kabine oder in der Öffentlichkeit." Hoeneß war damals Manager, jetzt ist er Präsident.

Für den 32-jährigen Lucio ist das Spiel nur "enorm wichtig", nicht zu vergleichen mit dem Finale vor 276 Tagen in Madrid. "Jetzt ist es das Hinspiel im Achtelfinale." Im Herzen, sagt Lucio, sei er weiterhin "auch Münchner". Im Gedächtnis ist eine Szene nach dem 2:0 im Finale. "Ich hatte mein Kind im Arm und bin zu den traurigen Bayern-Fans gegangen. Sie warfen uns eine Fahne zu und wir haben sie geküsst - und das meinte ich ehrlich." Sein zwölf Jahre alter Sohn João Victor sei nach wie vor Bayern-Fan.

Nach fünf Jahren, drei Meistertiteln und drei Pokalsiegen war Lucio am 15. Juli 2009 in München ausgemustert worden. Trainer Louis van Gaal war der Innenverteidiger taktisch zu disziplinlos, die charakteristisch-kraftvollen Vorstöße waren dem Niederländer ein Dorn im Auge. Inter lockte Lucio mit 4,5 Millionen und sicherte sich dessen Dienste für 7,5 Millionen Euro Ablöse. Der "große Schock" der Abschiebung wurde für Lucio "rückblickend zum Geschenk".

Der Weltmeister von 2002 gewann mit Inter die Meisterschaft, den Pokal - und als Krönung die Champions League gegen die Bayern. Bei Inter erarbeitete sich Lucio innerhalb kurzer Zeit die Hochachtung, die ihm zum Ende seiner Zeit in München verwehrt geblieben war. Die italienischen Medien feiern ihn als "Koloss" oder als "Spartakus", den Gladiator, der den Sklavenaufstand im alten Rom anführte. Für Inter-Präsident Massimo Moratti ist Lucio "ein Verteidiger, der wie für zwei spielt, die Lebensversicherung für die gesamte Mannschaft".

Lucio empfindet das zweite Kräftemessen mit den Bayern als "emotional leichter". Sportlich sieht er Inter aber vor einer schwierigeren Aufgabe. "Bayern hat das Zeug, die Champions League zu gewinnen. Sie sind stark." Franck Ribéry und Arjen Robben "gehören zu den Besten Europas", Mario Gomez sei in "Super-Form", und auch für Thomas Müller und Bastian Schweinsteiger findet er nur lobende Worte. Lucio wird nach dreiwöchiger Pause wegen einer Fußverletzung sein Comeback feiern. "Bei großen Herausforderungen gibt er stets sein Bestes", sagte Inter-Trainer Leonardo.

Und was spricht Hoeneß? "Lucio kann nicht mit Kritik umgehen. Inter ist schwächer geworden. Wir dürfen nicht mit einem bescheidenen Ergebnis nach Hause kommen, also keinem 0:2. Wir müssen mindestens Unentschieden spielen, am besten 2:1 gewinnen." Da zuletzt die Defensive leicht schwächelte, hat der Präsident ein einfaches Rezept parat. "Am besten wäre, der Gegner kommt gar nicht in unsere Hälfte." Diego Milito, der zweifache Schütze vom Endspiel, kommt sicher nicht, er ist verletzt.

Versucht Inter den Fluch des Titelverteidigers abzuwenden und als erster Verein die CL-Trophäe zwei en suite zu holen, strebt Olympique Marseille erstmals seit dem CL-Gewinn 1993 wieder ins Viertelfinale. "Wir wollen das Beste aus unserer Chance machen, auch wenn diese nur gering ist. ManU ist ein Berg der ersten Kategorie. Wir müssen den richtigen Gang finden und darauf hoffen, das der Gegner eine Panne hat", sagte OM-Feldherr Didier Deschamps, dessen Widerpart Alex Ferguson seine auswärtsstarken Schützlinge warnte: "OM ist daheim eine Macht, das wird nicht einfach." (sid/APA/red)

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    Lucio (rechts) ist die Lebensversicherung von Inter. Wobei Thomas Müller, der Bayer, den Zweikampf schon überlebt hat. Die Szene stammt vom 22. Mai 2010, Inter gewann in Madrid das Finale der Champions League 2:0.

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