Wie ein "Half-Life 2"-Fan zum größten Spieledieb wurde

22. Februar 2011, 12:30
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Axel Gembe wollte mehr über den heiß ersehnten Titel erfahren und hackte sich ins Netzwerk der Kultspieleschmiede

Als Axel Gembe 2003 eines Morgens im Mai in Schönau im Schwarzwald erwachte und den Lauf einer Maschinenpistole vor seinen Augen sah, wusste er ganz genau, was Sache ist. Nur wenige Wochen zuvor hatte er sich in das Netzwerk der Kultspieleschmiede Valve gehackt, sich Zugang zum Entwickler-Code von "Half-Life 2" verschafft und ihn Monate vor dem geplanten Veröffentlichungstermin heruntergeladen. Der finanzielle Schaden durch die Verbreitung im Internet wurde damals auf 250 Millionen US-Dollar geschätzt, das vielleicht meist ersehnte Spiel seiner Zeit wurde nach fünfjähriger Entwicklung durch fremde Hand entblößt.

"Es tut mir so Leid"

In einem aktuellen Interview mit Eurogamer erklärt Gembe, dass er dabei nie geplant hatte, seinem "Lieblingsentwickler" zu Schaden. Der damals 20-Jährige habe sich so sehr für das Spiel begeistert, dass die Beschaffung von frischen Informationen zur Obsession wurde. Mit Hilfe eines speziell angepassten Trojaners verschaffte er sich Zugang zum Netzwerk Valves, stahl unbemerkt Passwörter und gelangte schließlich an den Source-Code des noch unfertigen Egoshooters. Für die Entwickler rund um Studio-Gründer Gabe Newell war es ein Schlag in die Magengrube, als sie sahen, dass ihr Werk in Tauschbörsen kursierte. Die Arbeiten liefen seit einem Jahr auf Hochtouren, den geplanten Veröffentlichungstermin Ende 2003 sollte man um über 12 Monate verfehlen. Heute sagt Gembe, dass er die Zeit zurückdrehen würde, wenn er es könnte. "Es tut mir so leid, was ich ich dir angetan habe", sagt Gembe und richtet seine Worte dabei direkt an Newell.

Schlechtes Gewissen

Dass der Fall überhaupt aufgeklärt werden konnte, lag an Gembes Aufrichtigkeit und Naivität zugleich. Vom schlechten Gewissen geplagt, schrieb er ein Email an Newell, um seine Tat einzugestehen. Als der Valve-Boss zu seiner Überraschung wenige Tage später antwortete, tappte der junge Hacker mit Aussicht auf einen Traumjob bei seinem Lieblingsentwickler in die Falle. Unter Anweisung des FBIs entlockte Newell per Telefoninterview Gembe ein volles Geständnis und lud ihn samt Familie in die USA ein. Dass die deutsche Polizei den Half-Life-2-Dieb noch vor der Ausreise stellte, sei sein großes Glück gewesen. Dank seiner uneingeschränkten Kooperationsbereitschaft, seines positiven Lebenswandels und der Tatsache, dass nicht er selbst den Code im Internet veröffentlichte, kam er mit einer zweijährigen Bewährungsstrafe davon. Heute bereue der mittlerweile 28-Jährige IT-Security-Spezialist vor allem, seine Zeit vor dem Diebstahl "nicht sinnvoller genutzt" zu haben. Wie groß der Schaden für Valve letztendlich tatsächlich ausfiel, ist schwer zu sagen. Mit über 8 Millionen verkauften Exemplaren wurde Half-Life 2 trotz aller Komplikationen eines der erfolgreichsten Spiele aller Zeiten - auch Gembe zählt zu der treuen Kundschaft. (zw)

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Eurogamer

  • Half-Life 2, Kultspiel und Bestseller
    foto: valve

    Half-Life 2, Kultspiel und Bestseller

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