Nur für Klassepatienten

10. November 2011, 10:32
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Ein Glas? Kleiner Löffel? Zucker? - "Gehen Sie nächstes Mal auf Klasse, da bekommen Sie alles", empfiehlt die Schwester

Zugegeben, es ist einfach, vier Tage lang vor Ort zu recherchieren, wenn die eigene Mutter wieder einmal ins Krankenhaus muss. Man ist emotional involviert und so ist die Verlockung groß, dem Pflegepersonal an allem, was nicht funktioniert, die Schuld zuzuschieben.

Drei Dinge bedürfen keiner näheren Erläuterung: Man darf Schwestern und Pfleger nicht wie Dienstboten durch die Gegend schicken. Der Umgang mit leidenden, verwirrten, fordernden - auf jeden Fall stets kranken - Menschen ist alles andere als einfach. Und an jeder missglückten Kommunikation sind mindestens zwei Personen beteiligt.

Achtung: Nachthemd-Pflicht

Die Mutter ist über siebzig Jahre alt und chronisch krank. Mit Disziplin und Freude am Dasein hält sie sich aufrecht. Dazu gehören unter anderem Bewegung sowie die Verweigerung eines Nachthemdes am Tag. Anstatt im Bett zu liegen schlendert sie durch die Krankenhausgänge und sitzt im Aufenthaltsraum.

Wir haben uns auf zwei Sesseln vor der "Personal-Insel" niedergelassen und trinken Tee. "Wo sind Sie? Wir haben Sie gesucht! Sie bekommen Ihre Spritze", fährt die Schwester mit einem Handwagen vor. "Warum sind Sie nicht im Bett? Kommen Sie mit", und schon ist meine Mutter mit der Schwester in einem Kammerl verschwunden.

Die Tür steht offen. Die Mutter: "Ich bin froh, dass ich mir die Spritze nicht selbst geben muss." Die Schwester: "..." Die Mutter: "Heute geht's schon viel besser." Die Schwester: "Warum sind Sie nicht im Nachthemd?" Die Mutter: "Weil ich nicht bettlägrig bin und nicht Nacht ist." Die Schwester: "Alle haben ein Nachthemd an, warum Sie nicht?" Meine Mutter: "Vielleicht verstehen Sie es, wenn ich es so erkläre: Am Tag das Nachthemd anhaben, das ist für mich so wie wenn ich ein Mann wäre, der unrasiert zur Arbeit geht." Die Schwester: "...?"

Kein Zucker zum Tee

"Folgen Sie mir", wird eine Patientin von der Stationsschwester angewiesen. Es handelt sich um den dritten Versuch, Zucker zum Tee zu bekommen. Die Patientin ist keine Diabetikerin. Sie freut sich an den wenigen Dingen, die sie krankheitsbedingt zu sich nehmen kann. Sie folgt der Schwester den Gang entlang in ein Zimmer hinein. Plötzlich fährt diese herum und herrscht die Patientin an: "Was haben sie im Schwesternzimmer verloren?" Die Patientin stottert: "Entschuldigung, ich wusste nicht... Sie sagten, ich soll Ihnen folgen...". Die Schwester: "Sie dürfen niemals das Schwesternzimmer betreten!" Zwei PflegerInnen im Zimmer beobachten stumm den Vorfall.

Glück durch Verzicht

Am Abend sitzen mehrere Patienten im Aufenthaltsraum. Ein alter Herr sagt, er habe seit Mittag nichts getrunken, da trotz mehrmaliger Nachfrage weder Gläser noch Becher verfügbar seien. Er beschwert sich nicht, es herrsche Stress auf der Station. Am Gang stehen Kannen mit Früchtetee, aber es gibt keine Gläser dazu.

Der Kaffeeautomat ist in Betrieb, Becher seien aber schon länger keine mehr da, berichten die Patienten im Aufenthaltsraum. Man kann den Kaffee direkt in ein Metallkännchen rinnen lassen und aus dem Schnabel trinken. "Wer das Glück finden will, muss Verzicht üben", so oder ähnlich belehrt der christliche Spruch des Tages an der Wand.

"Bitte bring mir ein Glas mit"

Am nächsten Vormittag ein SMS der Mutter: "Bitte bring mir ein Glas mit." Wie die Zimmergenossinnen zurecht kommen? Sie verstecken Gläser und Becher in ihren Nachtkästchen und nehmen sie immer nur kurz heraus um daraus zu trinken. Sonst werden sie abgeräumt. "Die haben so einen Stress, das kannst du dir gar nicht vorstellen", nimmt auch die Mutter das Personal im Schutz, "und weil ich das jetzt weiß, kann ich mir ja nächstes Mal von zuhause alles mitnehmen." Mit etwas Glück bekommt sie doch noch ein Glas, dessen Henkel sie nicht mehr auslässt.

Kein Salz zur Kartoffel

Eine ältere Frau kommt gegen 14.00 Uhr schwindlig und leicht verwirrt auf die Station. Sie wird in einem Mehrbettzimmer untergebracht und untersucht. Um 17.30 kommt das Abendessen - aber nicht zur neuen Patientin. Auf ihre Frage erfährt sie: "Wir haben Sie für heute noch nicht vorgemerkt." Auf ihre Bitte, ob sie noch irgendetwas - möglichst weiches -  zu Essen  bekommen könne, erhält sie zwei Tassen mit in warmem Wasser aufgelöstem Suppenpulver und eine zerdrückte Kartoffel ohne Salz. Sie fragt nach Salz und Butter, erhält aber nur letzteres. "Salz haben wir keines."

"Gehen Sie nächstes Mal auf Klasse"

Die kürzlich operierte Zimmerkollegin hat bereits mehrmals um einen kleinen Löffel gebeten, um ihren Tee umrühren zu können. Bislang vergebens. Der Tee ist bereits kalt, ihr Ton etwas genervt. Die Schwester empfiehlt: "Gehen Sie nächstes Mal auf Klasse, da bekommen Sie alles."

Dass die Mutter eigentlich Klassepatientin ist und dadurch Anspruch auf ein Zweibettzimmer samt kleinem Löffel und vielleicht auch Zucker, Salz und ein Glas hätte, erwähnt sie nicht, weil sie bei der Aufnahme nicht dran gedacht hat und auch nicht gefragt worden ist. Die Zusatzversicherung jetzt ins Spiel zu bringen, empfindet sie als zu spät. (red, derStandard.at, 10.11.2011)

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    Mit etwas Glück bekommt die Mutter doch noch ein Glas, dessen Henkel sie nicht mehr auslässt.

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