"Die Leute wollen keinen Schwächling"

21. Februar 2011, 20:07
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Um in Chicago Bürgermeister zu werden, kann es helfen, ein paar Mythen zu kreieren - Rahm Emanuel, der sich gerne als einen ganz harten Hund inszeniert, gilt als aussichtsreichster Kandidat für die Wahl

Wie die Chicagoer Maschine funktioniert, beschreibt niemand anschaulicher als der bekannteste Sozialarbeiter der Stadt: Mit feiner Ironie erzählt Barack Obama von Abner Mikva, einem seiner Mentoren, der spontan in einem lokalen Parteibüro vorspricht, um Hilfe im Wahlkampf anzubieten. "Und wer hat Sie geschickt?" , bekommt er zu hören. "Keiner, ich will einfach helfen." - "Wir wollen keinen, den keiner schickt."

Chicago, sagt die Geschichte, ähnelt einer geschlossenen Gesellschaft, stolz, ja hochnäsig und notorisch misstrauisch gegenüber Fremden. So klischeebeladen die Skizze sein mag, so hartnäckig hält sich der Ruf. Wenn es eine amerikanische Großstadt gibt, deren Name als Synonym für Klüngel und Seilschaften steht, dann ist es die "Windy City" am Michigansee. Und die City Hall, der imposante Steinklotz des Rathauses, ist die Institution, in der sich das alles bündelt. Von den Dienstjahren lassen Chicagos Bürgermeister bisweilen an nahöstliche Potentaten mit ihren Erbdynastien denken. Richard J. Daley regierte von 1955 bis 1976, sein Sohn Richard M. von 1989 bis 2011. Schon deshalb ist es eine kleine Revolution, dass heute, Dienstag, kein Daley mehr antritt zur Wahl.

Haushoher Favorit ist Rahm Emanuel, selber ein Schräubchen war in der sprichwörtlichen Maschine. Bis 1991 beriet er Richard M. Daley, bevor er zu Bill Clinton ins Weiße Haus wechselte, dann Investmentbanker wurde, dann Kongressabgeordneter und schließlich Stabschef des Präsidenten Obama. Dass die Umfragen Emanuel bei rund 50 Prozent der Stimmen vermuten, liegt an der Schwäche seiner Gegner.

Der Anwalt Gery Chico, früher Chef der örtlichen Schulbehörde, verströmt das Charisma einer Büroklammer. Die Afroamerikanerin Carol Moseley Braun schrieb zwar Geschichte, als sie 1992 in den US-Senat zog, doch finanzielle Ungereimtheiten und eine allzu große Nähe zum nigerianischen Diktator Sani Abacha ließen ihren Stern rasch sinken. Keiner der Rivalen kann Emanuel ernsthaft Paroli bieten, zumal der sich auf spendable Gönner stützt, die seine teure Fernsehwerbung finanzieren. Der Baulöwe Donald Trump gehört ebenso dazu wie der Starregisseur Steven Spielberg. Außerdem, sagt Bill Daley, der heute an Emanuels Stelle im Weißen Haus die Fäden zieht, außerdem passe der Kandidat perfekt zu Chicago. "Hart und stark musst du hier sein. Die Leute wollen keinen Schwächling, der in zu große Fußstapfen tritt."

Die Härte von "Rahmbo", sie bietet Stoff für Legenden. Mit 17 schnitt er sich beim Fleischschneiden in einem Fastfood-Imbiss tief in den Finger, worauf er machohaft baden ging, statt einen Arzt aufzusuchen. Die Folge waren eine schlimme Infektion und zwei Monate Krankenhaus - und ein Stumpf an Stelle des Mittelfingers der rechten Hand. Dann ist da noch die Anekdote aus Doe's Restaurant in Little Rock, Arkansas. Nachdem Bill Clinton zum Präsidenten gewählt worden war, rechnete sein junger Gehilfe mit allen ab, die er für Verräter hielt. "Tot!", schrie er nach jedem Namen, der ihm einfiel, wozu er jedes Mal ein Messer in die Tischplatte rammte.

Mag sein, dass so einer im zupackenden, bisweilen ruppigen Mittleren Westen gut ankommt. Wichtiger ist, dass der bestens vernetzte Politiker als pragmatischer Problemlöser gilt. Ihm trauen die Chicagoer noch am ehesten zu, einen Weg durch die akute Finanzkrise zu finden, die ihre Stadt genauso plagt wie viele andere amerikanische Kommunen: Allein im aktuellen Sechs-Milliarden-Dollar-Budget fehlen 655 Millionen. (Frank Herrmann aus Washington, STANDARD-Printausgabe, 22.02.2011)

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    Mit 13 Millionen US-Dollar ist sein Wahlkampfbudget gut ausgestattet: Der demokratische Spitzenkandidat Rahm Emanuel kandidiert als Bürgermeister von Chicago.

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    Finanzielle Unterstützung kam unter anderem von Steven Spielberg.

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