Mit ihrem Vorstoß, Kindern bis zehn Jahren beim Radfahren Helme zu verordnen, stößt Verkehrsministerin Doris Bures bei Radaktivisten auf Widerspruch und bei den Autofahrerclubs auf Skepsis
Verwundert, erklärt Alec Hager, habe ihn der Vorstoß der
Verkehrsministerin schon: "Im ,Unterausschuss Rad' des Ministeriums
haben sich die Experten gegen die Helmpflicht für Kinder ausgesprochen",
erklärt der Vorsitzende der IG Fahrrad.
Wieso Doris Bures am Sonntag dann (wie berichtet) ausgerechnet die
Radhelmpflicht für Kinder von null bis zehn Jahre präsentierte, kann
Hager aber auch aus einem anderen Grund nicht nachvollziehen: "In dieser
Altersgruppe liegt die Helmquote über 85 Prozent."
Bures präzisierte: Auch für Kinder im Kindersitz solle Helmpflicht
gelten. Und zwar überall dort, wo die Straßenverkehrsordnung (StVO)
gelte. Die Ministerin untermauerte ihren Vorstoß mit Zahlen des KfV
(Kuratorium für Verkehrssicherheit). Demnach könne die "Lex Helmi"
jährlich 900 Kopfverletzungen ersparen. Hager: "Es gibt weltweit keine
Studie, die den Rückgang von Kopfverletzungen durch Helmpflicht belegt."
Nachsatz: "Aber auch keine, die das Gegenteil beweist." Belegt sei
hingegen eine negative Folge von Pflichtbehelmung: "In Australien ging
der Radverkehrsanteil um 50 Prozent zurück."
Skeptisch ist auch der VCÖ: Der Rad-Unfalltrend sei bei Kindern
ohenhin
rückläufig, sagt Martin Blum. Bures' Zahlen seien nicht nachvollziehbar:
2009 hätten sich in Österreich 138 Kinder am Rad verletzt. 2010 dürften
es weitere zehn Prozent weniger sein. Auch, weil, der "Helmi"-Anteil in
den vergangenen Jahren "auf 87 Prozent gestiegen ist". Blum: "Es ist zu
bezweifeln, dass durch die Pflicht dieser Anteil auf 100 Prozent steigen
wird." Ins gleiche Horn stößt der grüne Radwegebeauftragte in Wien,
Christoph Chorherr: "Die meisten Eltern setzen ihren Kindern eh Helme
auf."
Die Autofahrerclubs zweifeln an der Durchsetzbarkeit des Gesetzes:
Ein
Neunjähriger könne von der Exekutive nicht bestraft werden, heißt es
beim ARBÖ. Und Eltern könnten ihre Sprösslinge ja nicht pausenlos
begleiten. Der ÖAMTC hätte sich "mehr freiwillige Aufklärungsarbeit"
gewünscht.
Schwarzer Applaus für die SP-Ministerin kommt jedoch aus
Niederösterreich: Erwin Pröll führte dort die Helmpflicht (für unter
15-Jährige) 2009 ein - auf Flächen unter Landeshoheit. Doch die StVO ist
ein Bundesgesetz: Wo Kinder laut VCÖ am häufigsten am Rad verunglücken
(etwa auf Spielplätzen im Park), gilt sie nicht.
Doris Bures glaubt dennoch, dass ihr Vorstoß bis zum Sommer Gesetz
sein
wird. Morgen, Mittwoch, soll die Ministerin übrigens die Ergebnisse
ihres "Unterausschuss Rad" präsentieren. Unter anderem diskutierte das
Gremium über die Aufhebung der Radwegbenutzungspflicht, die Schaffung
von Fahrradstraßen oder die Änderung von Vorrangregeln zugunsten von
Radfahrern. Die Kinderhelmpflicht war dort dem Vernehmen nach - wenn
überhaupt - ein Nebenthema. (Thomas Rottenberg, STANDARD-Printausgabe, 22.02.2011)