Kinderschutz und das Elend des Föderalismus

21. Februar 2011, 19:20

Die überfällige Reform des Jugendwohlfahrtsgesetzes scheitert seit Jahren am Dauer-Patt im Kostenstreit zwischen Bund und Ländern. Nun wird wieder einmal verhandelt - mit absehbarem Ausgang?

Die traurigen Ereignisse rund um den Vorarlberger "Fall Cain" lassen uns wieder einmal über den Zustand der österreichischen Jugendwohlfahrt diskutieren und auch die Politik müsste nun endlich begriffen haben, dass diesbezüglich ein absoluter Handlungszwang gegeben ist. Der dramatische Befund über die Organisation der Kinder- und Jugendhilfe in Österreich ist nämlich allen relevanten politischen Entscheidungsträgern quer durch Österreich seit Jahren bekannt. Das aktuelle Jugendwohlfahrtsgesetz (Bundesgesetz, Ausführung liegt bei den Bundesländern) stammt aus dem Jahr 1989 und entspricht keineswegs den neuen soziokulturellen Rahmenbedingungen im 21. Jahrhundert.

Das gesellschaftliche Umfeld, in dem die Jugendwohlfahrt agiert, ist komplexer geworden und die Anforderungen sind gestiegen: die kulturelle Diversität in den Familien, die verschiedenen Formen der Armut, die strukturelle und steigende Arbeitslosigkeit, Pluralisierung der Lebensformen, der Wertewandel, die zunehmende Überforderung von Eltern, der rasante Anstieg der Kinder- und Jugendkriminalität bis hin zu einem dokumentierten Anstieg der Gewalt gegen Kinder reicht die Palette.

Davon sind nicht nur sogenannte Problemfamilien betroffen, sondern auch viele "ganz normale Familien", die mit diesen Entwicklungen nicht fertig werden. Experten schätzen, dass rund 20 Prozent aller Familien (280.000) in Österreich zumindest sequentiell Beratung und Unterstützung bräuchten. Allerdings kommen nur knapp 10 Prozent davon in irgendeiner Form mit der Jugendwohlfahrt in Kontakt, oft erst dann, wenn es sich um akute Krisen und Kindeswohlgefährdung handelt.

Der Ministerialentwurf zu einem "neuen" Kinder- und Jugendhilfegesetz liegt seit mehr als zwei Jahren in einer Schublade, in die er von den jeweils aktuellen Staatssekretärinnen immer dann verräumt wird, wenn es um die konkrete Umsetzung gehen würde oder auch nur ein Wahlkampf dazwischen kommt. Der Kinderschutz kann eben warten, weil dieser Bereich offenbar nicht "part of the game" ist und die notwendigen Lobbyisten einfach fehlen. Der zuständige Fachminister für Wirtschaft, Familie und Jugend dürfte nicht einmal wissen, wo der Schrank mit dieser Schublade in seinem Haus steht, sonst hätten wir schon längstens ein adäquates Kinder- und Jugendhilfegesetz.

Schlechtes Omen

Nun gibt es anlassbezogen - das ist meistens kein gutes Omen - von der zuständigen Familienstaatssekretärin Verena Remler einen neuen Anlauf, um den Gesetzesentwurf aus der Schublade wieder einmal rauszuholen. Sie hat am 21. Februar 2011 zu einer Gesprächsrunde mit den Verantwortlichen aus den Bundesländern und Kommunen geladen, die eine Umsetzung des neuen Kinder- und Jugendhilfegesetzes bisher hinausgezögert und blockiert haben.

Der simple Grund: Ein modernes und verbessertes Gesetz mit verbindlichen und höheren Standards würde mehr Kosten für die Länder verursachen, die der Bund nicht übernehmen möchte.

Laut einer Schätzung des Berufsverbandes der Sozialarbeiter fehlen an den Österreichischen Jugendämtern rund 500 Sozialarbeiter. Jedes Bundesland, ja sogar jede Bezirksverwaltungsbehörde organisiert die Agenden der Jugendwohlfahrt teilweise völlig unterschiedlich, was sich natürlich auf die Qualität der Betreuung auswirkt. Ein einheitliches Dokumentations-, Ausbildungs- und Informationssystem innerhalb der österreichischen Jugendwohlfahrt fehlt gänzlich.

Kleinliche Budgetpolitik

Was verschiedene Experten aus der Kinder- und Jugendhilfe seit Jahren wissen und kritisieren, auch den entsprechenden Stellen kommunizieren, wurde vor über zwei Jahren "quasi" amtlich beglaubigt: Die Volksanwaltschaft stellte 2008 in einem umfassenden Prüfbericht fest, dass die Fallzahlen der Jugendwohlfahrtsträger österreichweit in den letzten 15 Jahren um rund 150 Prozent gestiegen sind, die Planstellen wurden in diesem Zeitraum allerdings nur um 10 % erhöht.

Man muss kein Prophet sein um vorherzusagen, dass sich das irgendwann nicht mehr ausgehen kann. Die bedauernswerten Fälle wie zuletzt in Vorarlberg wird man nie gänzlich verhindern können, aber die Risiken kann "der Staat" durch gute gesetzliche Rahmenbedingungen drastisch reduzieren. Die Volksanwaltschaft stellte weiters fest, "dass vor allem das Unterlassen von Hausbesuchen und des persönlichen Kontaktes zu den betroffenen Kindern zu groben Fehleinschätzungen von Jugendwohlfahrtsträgern mit zum Teil schwerwiegenden Folgen für Minderjährige geführt hatte".

Viel dramatischer lässt sich die Lage der Jugendwohlfahrt in Österreich wohl nicht beschreiben. Aber nicht einmal derartige Einschätzungen rütteln die verantwortlichen Politiker wach, um endlich einheitliche und verpflichtende Mindeststandards wie zum Beispiel das "Vier-Augen-Prinzip" (zwei Sozialarbeiter müssen bei einer Gefährdungsabklärung zur Familie gehen) für alle Jugendämter zu garantieren. Im Gegenteil.

Die bisherigen Stellungnahmen der Bundesländer und Kommunen zum Gesetzesentwurf lassen für die zukünftigen Verhandlungen mit dem Bund nichts Gutes erahnen. Obwohl dieser Entwurf von nahezu allen Experten als zahnlos und inadäquat bezeichnet wird, weil weitreichende Innovationen einfach rausgestrichen wurden, scheint selbst diese Minimalvariante nicht finanzierbar zu sein.

Die Politik und die Verwaltung ist derzeit einfach nicht bereit, mehr Geld für die Jugendwohlfahrt und somit den Kinderschutz zur Verfügung zu stellen. Damit katapultiert sich Österreich auch in dieser Frage an das unterste Ende diverser internationaler Rankings. Deutschland beispielsweise hat das Gesamtbudget für die Kinder- und Jugendhilfe im letzten Jahr um beachtliche10 Prozent aufgestockt.

Die Stellungnahmen aller Bundesländer und der Kommunen sind in der Botschaft gleichlautend: Der gegenständliche Gesetzesentwurf werde zwar begrüßt, aber die Mehrkosten durch mehr Personal seien für die Länder und Gemeinden einfach nicht tragbar. So würde dieser personelle Mehraufwand für das Land Niederösterreich rund vier Millionen Euro pro Jahr, für die Stadt Linz rund 380.000 Euro pro Jahr und für das Land Kärnten an die 1,35 Millionen Euro bedeuten. Im Verhältnis zu den jeweiligen Landes- und Gemeindebudgets handelt es sich hierbei um Bagatellsummen, die einfach nicht übernommen werden wollen.

Und wieder einmal stecken wir in der unseligen Föderalismusdebatte, wo man viele anstehenden Reformen wie eben in der Kinder- und Jugendhilfe problemlos entsorgen kann, ohne sich einer politischen Verantwortung stellen zu müssen. Weil Schuld, dass nichts weiter geht, sind dann jeweils der Bund oder die Bundesländer, je nach Perspektive, eine klassische Pattstellung.

Um diese Pattstellung zu überwinden, wäre eine gemeinsame Kraftanstrengung der angeführten Protagonisten gefordert. Bei den gestern gestarteten Neuverhandlungen sollten daher die üblichen politischen Spielchen zwischen Bund und Länder im Sinne des so oft zitierten Kindeswohls unterlassen werden und endlich ein modernes Kinder- und Jugendhilfegesetz nach internationalen Standards geschaffen werden. (Roland Fürst, DER STANDARD, Printausgabe, 22.2.2011)

ROLAND FÜRST ist Lektor am FH-Campus in Wien und Sozialwissenschafter.

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    21 Postings
    Makro 24/7
    00
    Naja

    FH ...

    Johannes99
    10
    22.2.2011, 18:51
    das ist eine kaufmännische, nicht föderale Frage

    Wir brauchen mehr Geld für die Jugendwohlfahrt. Gut. Scheint zu stimmen. Bzw. wir wollen uns eine höhere Qualität leisten, weil's notwendig ist. Dafür braucht man Geld. Das kommt vom Steuerzahler. Der Bund gibt's an die Länder weiter, wenn sie die Leistung organisieren sollen. Und jetzt sagt der Bund: Macht's das, aber Geld gibt's keines dafür. Da sagt sogar die rote Gabi in Salzburg nein. Verstehe ich auch.

    Alfred Zopf
    00
    22.2.2011, 20:27

    Leider ein Irrtum, es geht nicht um Qualitätsverbesserung, sondern nach ca. 10jährigen systematischen Qualitätsverschlechterung um einen Stopp, weil es so nicht mehr weitergehen kann, ohne schwerweigende Folgen für die Gesamtgesellschaft, oder wollen wir Zustände wie in einigen Pariser Vororte, wo sich keine Polizei mehr reintraut.

    teuerzahler
    00
    22.2.2011, 19:23
    geld hamm die länder genug,

    nur für kinder, bildung und jugend hamms kans!

    das ist nur eine ausrede!

    der nö-sobotka (erinnert an sabotage) hat 1,2 mrd. euro verzockt, ohne konsequenzen.

    beim jugendschutz reden wir von ein paar milliönchen!!!

    Alfred Zopf
    00
    22.2.2011, 17:39
    Schwache Analyse eines "Sozialwissenschaftlers" !

    Seit Ende der 90erJahre hat "dank" WU-Badelt in der Jugendfwohlfahrt immer mehr Sozialmanagement bzw. Qualitätsmanagement zusätzlich in Form von Controlling und Kontraktmanagement die Jugendwohlfahrtslandschaft bestimmt. Wie es heute ausschaut ist die Bilanz der Betriebswirtschaft ! Heute bestimmt "Effizienz" und nicht mehr die Beziehungsfähigkeit die Agendcen der Jugendwohlfahrt. Wo bleibt ihre Kritik an dem Scheitern der Betriebswirtschaft im differenzierten Beziehungsarbeitsgeschäft der Kinder- und Jugendwohlfahrt ? Hier liegt der Hund begraben, die PolitikerInnen haben nur das gemacht was Badelt und Co in Sozialmanagementkursen lehren. Sparen am Personal, wie sonst sollen sich Kosten vermindern und gleichzeitig Effizizienzsteigerung.

    teuerzahler
    00
    22.2.2011, 17:35
    die länder sind

    die parasiten der republik!

    postenversorgungsanstalten und hort der korruption.

    nicht dass der bund besser wär, aber ein parasit genügt. wir brauchen nicht 9 zusätzliche!

    Der Dude1
    00
    22.2.2011, 19:26
    Das eine schließt das andere nicht aus, Herr "Sozialpädagoge"

    Ich bin genau Ihrer Meinung und habe die völlig unkritische Übernahme der Zahlenakropatik in der
    Sozialen Arbeit immer scharf kritisiert.
    Im gegenständlichen Kommentar geht es um etwas anderes. Aber es ist ja auch typisch, dass "so eine" Kritik von einem Kollegen kommt....

    Londo Mollari
     
    02
    22.2.2011, 10:07
    föderalismus abschaffen

    und ende

    bratak
    02
    21.2.2011, 23:25
    es würde schon reichen

    wenn das geld, dass die länder erhalten, nicht verzockt wird, siehen nö oder kärnten (nur als schlimmste beispiele, die anderen 7 sind nicht besser) ; allein damit wären die kosten drin

    Cepheus
    07
    21.2.2011, 21:13
    Darf man es laut sagen?

    Weg mit den Bundesländer!

    Steinbock1959
    07
    21.2.2011, 21:04

    Diese Landeslegislativen und Landesbürokratien blockieren nicht nur alles, sie kosten auch jede Menge Geld, Geld, das z. B. wie hier beim Kinderschutz dringend gebraucht würde.

    Alfred Zopf
    00
    22.2.2011, 20:59

    Dieses Argument stimmt insofern, weil zur "Absicherung" ein enormer Verwaltungsapperat "aufgeblasen" wurde, während auf der Dienstleistungsqualitätsebene eingespart wurde. Auch dies scheint der "Sozialwissenschaftler" nicht zu sehen, obwohl dies bei wissenschaftlichen Recherchen der Jugendwohlfahrtsbehörden eigentlich ins "Auge" springen müsste.

    Der Dude1
    01
    22.2.2011, 21:35

    "Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens. Sie sollten es auch beherrschen."

    Bin ich froh, dass wenigstens wer, den wissenschaftlichen Durchblick hat!

    Alfred Zopf
    00
    23.2.2011, 15:47

    Ich versuche nach Wilhelm Reichs Grundsatz zu leben, aber sich gegen den verdummenden Zeitgeist zu stellen verlangt Stärke und Präsenz.

    Der Dude1
    00
    23.2.2011, 19:46

    Stärke und Präsenz kann man auch dann erlangen, wenn man Mitstreiter in der Sache nicht anpisst und von oben herab behandelt (Stichwort: schwache Analyse eines "Sozialwissenschafters")

    Alfred Zopf
    00
    24.2.2011, 06:04
    Dieser Herr ist kein Mitstreiter !

    Sollten sie ein bißchen Ahnung über diesen Bereich haben, dann können sie sich nur mit Grauen abwenden. Für mich ist klar, in 10-20 Jahren werden wieder PolitikerInnen sich entschuldigen müssen, was sich in von 2 000 bis heute sich am Jugendwohlfahrtssektor abspielt. Eine wissenschaftliche Analyse müsste die vielen Misstände, z.B. betreibswirtschaftliche Sichtweise, etc. aufzeigen. Es braucht höchste sozialpädagogische Professionalität, damit die schwer traumatisierten Kinder und Jugendliche neben den Eltern eine adequate Betreuung erhalten und nicht Pseudo-Gewäsch. Die FHs scheitern kläglich in der Vermittlung notwendiger Kompetenzen, Selbsterfahrung in Einzel- und Gruppentherapie sollte Voraussetzung sein und nicht erst nach burnout-Kht.

    Alfred Zopf
    00
    24.2.2011, 07:49

    Nachtrag - wenn sie wirklich Liebe, Arbeit und Wissen ernst nehmen, wissen sie auch, dass schon Sigmund Freund im Vorwort zur Verwahrlosten Jugend von August Aichhorn 1925 die Analyse der ErziehrInnen forderte, damit Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene erklärbar und verstehbar sind. Diese "Phänomene" sind noch immer die Hauptwerkszeuge in der Beziehungsarbeit, da hat sich seit 86 Jahre nichts geändert. Wo wird diese Grundlage heute gelehrt und umgesetzt ?

    Der Dude1
    00
    24.2.2011, 20:07

    In der Sozialarbeit/Sozialpädagogik arbeitet man bei Einschätzungen mit vorläufigen Arbeitshypothesen, die man stets überprüfen sollte (siehe Phänemenologie nach Husserl und Schütz). Sie setzen einen FH Dozenten mit dem FH Ausbildungssystem gleich, ohne zu wissen, welche Berufserfahrung dieser mitbringt (= 15 Jahre Beziehungsarbeit, kann man leicht recherchieren) und vor allem, wie und was er unterrichtet! Vorläufige Arbeitshypothese des Dude: So eine Einschätzung kann nur von einem frustrierten, unreflektierten, mit blinden geschlagenen Sozialpädagogen stammen, der sich Kraft seiner psychotherapeutischen "Ausbildung" viel einbildet und mit pseudowissenschaftlichem Gewäsch (woher soll er es auch können?) "seine" Konstruktion argumentiert.

    Alfred Zopf
    00
    24.2.2011, 20:56

    Leider gehen sie auf meine Argumente überhaupt nicht ein, anscheinend können oder wollen sie nicht. Eines ist für mich klar, von Liebe, Arbeit und Wissen haben sie sehr wenig Ahnung. Übrigens arbeite ich hauptberuflich noch immer gerne als akademischer psychoanalytischer Sozialpädagoge mit schwierigsten Jugendlichen.

    Der Dude1
    00
    24.2.2011, 21:22

    Alles (bezieht sich auf Ihre Inhalte zur JW) sehr richtige Einschätzungen, die ich zu 100% unterstütze. Die Beziehungsarbeit als psychosoziale Hilfsdimension wird im Bereich der Sozialen Arbeit zu gunsten der sozio-ökonomischen Dimesnion zurückgedrängt und die SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen zu Sozialtechnokraten dekradiert. Leider geschieht dies ohne gröbere Aufschreie dieser;) Viel wichtiger wie eine überproportionale Sozialforschung in der Lehre, wären eben diese Vermittlungen von sozialen Kompetenzen, um unseren KlientInnen auch dementsprechend begegnen zu können. Auch hier ein Kampf gegen Windmühlen! Eine wissenschaftliche Vermessung der JW wäre längst fällig, um dementsprechend agieren zu können. Eine Annäherung?

    Alfred Zopf
    00
    24.2.2011, 21:43

    Ja, das ist eine Annäherung. Ich habe meinen wissenschaftlichen Beitrag geleistet, in meiner Diplomarbeit an der Universität Wien 2008 (Bildungswissenschaft): Qualität in der stationären Fremdunterbringung (Heimerziehung) Unter Bezugnahme auf welche Aspekte kann Qualität in der Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen gewährleistet werden ? Diese Arbeit ist auch im vdm-Verlag 09 veröffentlicht worden ISBN-10: 3639149637.

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